Attila Hildmann im Gespräch "Vegane Ernährung ist das Beste für den Planeten"

"Ich bin von einem antriebslosen Fettsack zu jemandem geworden, der Menschen in großem Maßstab motivieren kann", sagt Attila Hildmann.

(Foto: Justyna Krzyzanowska)

Die veganen Kochbücher von Attila Hildmann kleben auf den Bestsellerlisten. Und der 33-jährige Physikstudent arbeitet schon wieder an einem neuen Projekt. Im Interview spricht er darüber, warum ihn Veganer scharf kritisieren - und warum er einen Porsche mit Ledersitzen kaufte.

Von Ruth Schneeberger, Berlin

Attila Klaus Peter Hildmann, Sohn deutscher Adoptiveltern mit türkischen Wurzeln, muss in jungen Jahren mit ansehen, wie sein Vater an den Folgen eines Herzinfarktes stirbt. Er beginnt, sich vegan zu ernähren und schreibt darüber Bücher. Seine Kochbuchreihe dominiert inzwischen die Verkaufscharts, im Herbst erscheint nach "Vegan for Fun", "Vegan for Fit" und "Vegan for Youth" mit "Vegan to Go" der vierte Band. Sein aktueller Erfolg: Der 43-jährige Handwerker Olli Legel aus Berlin habe nach der ZDF-Show "Vegetarier gegen Fleischesser", wo Hildmann im Duell mit Alfons Schuhbeck gekocht hat, durch die Ernährungsumstellung, Sport und Meditation in nur fünf Monaten sein Gewicht um 34 Kilo reduziert.

Zum Interview lädt Hildmann in seine Wohnung in Charlottenburg, wo auch schon mal ein Promi-Dinner stattfindet. Vor der Tür parkt ein nicht unumstrittener Sportwagen. Hildmann begreift sich nicht nur als Vegan-Koch, sondern als Wissenschaftler mit Mission. Dass er dabei teils heftig mit anderen Veganern aneinandergerät, gehört für ihn dazu. Sein Anspruch ist schnell formuliert: "Die Welt ein bisschen besser machen."

SZ.de: Herr Hildmann, war der Tod Ihres Vaters tatsächlich der Auslöser für Sie, vegan zu leben?

Attila Hildmann: Als Jugendlicher habe ich gerne Fleisch gegessen. Zu der Zeit hatte meinen Vater schon einen Bypass. Damals wusste ich nicht, wie ich ihm hätte helfen können. Nachdem er gestorben ist (an einem Herzinfarkt, dem erhöhte Cholesterinwerte vorausgegangen sind; Anm. d. Red.), setzte ein Gespräch mit einem vegetarischen Freund viel bei mir in Gang. Da ging es mir noch weniger um gesundheitliche Aspekte als um Massentierhaltung. Fleisch und Fisch durch Milchprodukte zu ersetzen, hat für mich gesundheitlich aber nicht gereicht. Ich habe mich checken lassen - und meine Blutwerte waren erst gut, als ich mich vegan ernährt habe. Und natürlich hat mich - in der Rückschau - das dazu bewogen, auf Dauer die Ernährung zu wählen, die auch ihm geholfen hätte. Oder den 430 000 Menschen, die jährlich in Deutschland an ernährungsbedingten Krankheiten sterben.

Ihnen geht es also um die Gesundheit?

Anfangs stand für mich die Frage im Raum: Kannst du einem Tier wehtun? Dann habe ich mir diese ganzen blutigen Videos angeschaut und wusste: Nur um jeden Morgen mein Leberwurstbrot zu essen, hätte ich einfach keinen Bock, ein Tier abzustechen. Ein Freund, der mich von der vegetarischen Idee überzeugt hat, wurde damals durch religiöse Themen angesprochen. Im Buddhismus gibt es die These, dass jedes Lebewesen Gottesatem hat. In der abendländischen Kulturgeschichte gibt es ähnliche Gedanken, zum Beispiel bei Schopenhauer. Aber es muss nicht hochphilosophisch sein. Die Frage ist: Was haben wir für eine Verantwortung gegenüber schwächeren Lebewesen? Wie gehen wir mit denen um?

Vielen Menschen ist diese Frage in ihrem Alltag nicht so wichtig. Warum?

Zum einen halten Klischees sie davon ab. Veganismus steckte sehr lange in der Schublade von verschrobenen, besserwisserischen, ökologischen Moralaposteln, die keinen Spaß haben im Leben, die uncool sind - die Streber in der Schule. Viele denken: Schublade auf, Müsli-Veganer rein, Schublade zu. Außerdem ist der Mensch ein Herdentier, er will zu einer Gruppe gehören, die anerkannt ist und die sich nicht ständig rechtfertigen muss. Das mussten Veganer bisher von vorne bis hinten. Viele möchten diese komplizierte Lösung für ihr Leben nicht.

Jungbrunnen aus der Torte

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Sie haben versucht, das umzudrehen, die vegane Lebensweise mit Spaß, Action, Sport und gutem Aussehen zu verknüpfen. Viele Veganer kritisieren das.

Genau, weil diese abschreckende Schublade wirklich existiert. Es gibt Veganer, die andere Leute verurteilen. Die Schwarz-Weiß-Malerei in dieser Szene ist sehr prägnant.

Die mögen Sie also nicht - und umgekehrt.

Die sehen mich als jemanden, der eben nicht urteilt, und damit auch noch kommerziell erfolgreich ist. Der Menschen erreicht, die Veganer früher nicht erreicht haben, und das gefällt ihnen nicht. Daran sieht man auch, dass es für viele früher nicht um den Tierschutz ging, sondern um das Ego. Was ich in den Jahren meiner veganen Kochkarriere erlebt habe, war kein herzliches Willkommen dieser Szene, sondern ein ständiger Fingerzeig: Darf der sich überhaupt Veganer nennen, betreibt der nicht Rufmord? Wie kann man nur vegane Ernährung mit positiven Aspekten wie Schönheit oder Abnehmen verbinden, anstatt ständig darüber zu reden, wie schlimm es den Tieren eigentlich geht?

Und dann haben Sie sich diesen Porsche mit Ledersitzen gekauft. War Ihnen nicht klar, dass das noch mehr Ärger geben würde?

Ich habe mir den zu Weihnachten gekauft. In dem Moment hatte ich einfach nur Bock auf dieses Auto. Ich bin 14 Jahre lang Twingo gefahren. Der Porsche war das Erste, das ich mit dem Gedanken gekauft habe: Wo soll ich eigentlich hin mit meiner Kohle? Ich bin ansonsten eher spartanisch unterwegs, der Erfolg hat wenig an mir verändert. Den alten Porsche habe ich mittlerweile verkauft und gegen einen neuen ausgetauscht, ohne Ledersitze.

Plötzlich waren Sie überall der Veganer mit dem Porsche - für viele ein Widerspruch.

Natürlich rechnest du damit, dass dir die Leute aufs Dach steigen. Mittlerweile mache ich das auch ein bisschen kalkuliert. Um klarzustellen, dass die Normalbevölkerung, die jeden Tag ihr Supermarktschnitzel isst, dem Veganer nicht zu sagen braucht, dass der kein schnelles Auto fahren darf. Ich will auch zeigen, dass Veganer nicht mehr nur mit Birkenstocksandalen demonstrieren gehen. Ich passe nicht in dieses stereotype Bild.