bedeckt München 20°

Vom Pflegefall zum Globetrotter:Ich kam mir vor wie Forrest Gump

Mein Wunsch mit dem 'Weitermachen' fing mit einem Rollstuhl an: Ich konnte mich endlich wieder bewegen. Mein Sitznachbar in der Reha hatte einen Schlaganfall und der erzählte mir immer nur, was er alles nicht mehr kann. Der hat mich völlig runtergezogen. Ich hingegen war ständig mit dem Rollator um die Klinik unterwegs, von Baum zu Baum, bin ständig hingeflogen - und wieder aufgestanden. Dann habe ich Treppensteigen trainiert.

Meine Frau musste uns eine neue Wohnung und sich einen Job suchen - und hatte mich als Pflegefall an der Backe. Eigentlich hatte sie es zu dieser Zeit viel schwerer als ich.

Jammern hilft ja nicht. Meinem Physiotherapeuten habe ich gesagt, was ich können muss, bevor ich wieder rauskomme: Schwimmen und Radfahren. Autofahren oder Motorradfahren war ja nicht mehr. Mit dem Schwimmen klappte das prima. Und zwei Tage vor der Entlassung bin ich dann mit dem Therapeuten Fahrrad gefahren. Sein Kommentar nach unserer kurzen Tour: 'Das ist aber nicht berühmt, pass mal auf, dass du das nicht in der Stadt machst, sonst bist du bald tot.'

Laufen und Stehen geht schlecht, bis heute. Ich habe nur im oberen linken Blickfeld klare Sicht, alles andere sehe ich doppelt. Auf dem Fahrrad funktioniert es besser, weil ich da erhöht sitze und einen anderen Blickwinkel habe. Also machte ich weiter mit dem Training. Von meinem Schwager bekam ich ein Mountainbike geschenkt.

Das Brandenburger Tor war meine erste kleine Weltreise

Annalen des Alltags
Die Geschichte Ihres Lebens

Wann waren Sie ein Held? Gibt es einen neuralgischen Punkt, an dem Ihr Leben ganz anders wurde? Fast jeder trägt eine besondere Geschichte in sich - wir wollen Ihre erzählen.

Dann ging es los! Ich wohne in Berlin-Weißensee und mein Ziel war das Brandenburger Tor. Warum? Als die Mauer fiel, war das das Symbol der Freiheit. Vielleicht hatte ich das im Hinterkopf. Ich dachte immer: Wenn du das erreichst, dann hast du es geschafft. Das sind 7,4 Kilometer von mir zu Hause, also nicht wirklich viel. Für diesen Weg habe ich drei Monate gebraucht, meine erste kleine Weltreise.

Ich kam mir vor wie Forrest Gump, als ich merkte: Da funktioniert was. Ich eroberte mir Berlin und fühlte mich frei mit dem Rad. Ich steigerte meine Entfernungen auf 30, auf 50 und schließlich auf mehr als 90 Kilometer. Da dachte ich: 'Cool, wenn du das geschafft hast, hast du eine ordentliche Leistung vollbracht.'

Dann setzte ich mir den Usedomer Radweg als Ziel und wollte den mit meinem Sohn fahren. Zuvor musste ich aber zum Hautarzt, weil ich einen kleinen Fleck auf der Wange hatte. Eigentlich harmlos. Doch vier Wochen bevor die Reise losgehen sollte, bekam ich einen Anruf vom Arzt. Diagnose: Schwarzer Hautkrebs. Schnellstmögliche OP. Doch das ist nur eine Randnotiz.

Ich musste einen Deal machen mit den Ärzten: Schnelle OP, dann aber auch die Erlaubnis, auf die Radtour zu gehen. Zugestimmt hat keiner, gemacht habe ich es dann doch so, wie ich das wollte. Mit Pflastern im Gesicht. Nach dieser Tour und der Erkenntnis, dass ich das konnte, plante ich weitere Reisen mit dem Rad: Zunächst durch Deutschland, dann nach England, Frankreich. Ich bin durch ganz Europa. 23 Länder, 35 000 Kilometer. Später dann in die USA, die Route 66 runter, fast 4000 Kilometer von Los Angeles nach Chicago in 40 Tagen. Gerade bin ich aus Japan zurück. Ich von Tokio nach Nagasaki und dann über Hiroshima zurück in die Hauptstadt gefahren. Kommendes Jahr will ich von Sibirien aus über das Nordkap nach Marokko bis nach Rio zu den Paraolympics. Und für 2017 plane ich eine Weltreise.