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SZ-Serie: Kinder, Kinder:"Manche Eltern leisten keinen Widerstand mehr"

Sprachprobleme, Unselbständigkeit, Konzentrationsschwäche: Eine Erzieherin über ihre Erfahrungen mit anderer Leute Kinder - und was sich in 35 Jahren verändert hat.

Christa Walliczek, 62, ist seit mehr als 35 Jahren Erzieherin und leitet seit 19 Jahren eine Kindertagesstätte für Kinder von drei bis sechs Jahren im hessischen Offenbach. In drei Jahren wird sie verrentet, würde aber gern weitermachen - wenn man sie ließe.

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"Sie wissen nicht mehr, wie autoritär sie sein dürfen", sagt die Erzieherin Christa Walliczek. "Vor der Einschulung dann fordern die Eltern von der Kita: Macht unsere Kind schulfähig!"

(Foto: Foto: SZ/Catherina Hess)

SZ: Frau Walliczek, Sie leiten einen Riesenladen, 150 Kinder kommen mittlerweile jeden Tag. Wie viele Kinder haben Sie in all den Jahren großgezogen?

Walliczek: Wenn man rechnet, dass die Kinder im Schnitt drei Jahre bleiben, habe ich mehr als 1800 Kinder begleitet - und deren Eltern natürlich auch.

SZ: Gehen wir einige Klischees durch, die leider oft keine sind: Sind Kinder schlechter erzogen als früher?

Walliczek: Ich möchte nicht pauschalisieren. Ich sage, was ich beobachte. Dass es immer auch Gegenbeispiele gibt, ist selbstverständlich. Also: Kinder kommen heute vermehrt ohne Sprachkenntnisse und sind unselbständiger. Immer mehr Kinder sind orientierungslos und können sich nicht konzentrieren. Und ich sehe, dass Konflikte schneller zu Raufereien oder Beschimpfungen führen; ein normales Gespräch ist eher selten.

SZ: Werden Kinder brutaler?

Walliczek: Manche Kinder wissen nicht, wann es genug ist. Gleichwohl müssen Kinder toben, sich ausprobieren, auch mal kämpfen, das gehört zum sozialen Lernen dazu. Für uns stellt sich aber immer die Frage: Wo sind die Grenzen?

SZ: Sind Eltern unsicherer, fehlt ihnen ein innerer Erziehungskompass?

Walliczek: Viele Eltern wissen in der Tat nicht mehr, wie autoritär sie sein dürfen; gleichzeitig wird im Übermaß beschützt und verwöhnt. Das hat zwei Folgen: Verwöhnen und Behüten führt dazu, dass es Kindern an Selbständigkeit und Selbstsicherheit mangelt. Sie empfinden sich als Mittelpunkt der Welt und können sich schlecht in die Gruppe integrieren. Im Alltag haben sie oft Probleme, allein aufs Klo zu gehen, selbständig zu essen - ich sehe immer wieder Kinder, denen alles abgenommen wurde.

Oft scheuen sich Eltern, banale Dinge von ihren Kindern einzufordern, etwa Hilfe beim Tischdecken oder Tischkultur. Ein Jahr vor der Schule kommt der Stress, dann fordern die Eltern von der Kita: Macht unsere Kind schulfähig!

SZ: Haben die Eltern Angst oder sind sie einfach überfordert?

Walliczek: Oft haben Eltern ein falsches Verständnis davon, was für ein Kind gut ist. Die meisten Kinder unserer Einrichtung haben einen eigenen Fernseher im Kinderzimmer und sehen viel zu viel fern, teilweise stundenlang und auch nachts. Viele Kinder werden auch vor dem Fernseher abgefüttert. Viele unserer Eltern haben deshalb kein schlechtes Gewissen, sie glauben, sie täten ihren Kindern mit der Erlaubnis zum unkontrollierten Fernsehen etwas Gutes - mit dem Argument, da lerne man doch etwas.

SZ: Wächst die Zahl derer, die sagen: Ihr im Kindergarten müsst erziehen, ich habe dafür keine Lust oder keine Zeit?

Walliczek: Fördern, erziehen - das wird zunehmend uns übertragen. Wir geben unser Bestes, aber nur mit Eltern gemeinsam können wir das Ziel erreichen. Wir arbeiten Familien-ergänzend, nicht Familien-ersetzend - und doch ersetzen wir öfter die Familie, als uns lieb ist.

SZ: Hat sich das Sprachvermögen verschlechtert - bei deutschen Kindern wie auch bei Kindern mit Migrationshintergrund?

Walliczek: In unserer Kita - in einer Stadt mit hohem Migrantenanteil - ist das tatsächlich so. 85 Prozent der Kinder sprechen zwar ihre Muttersprache, bringen aber keinerlei Deutschkenntnisse mit - obwohl die Eltern teilweise in der dritten Generation hier leben. Aber auch unter den deutschen Kindern aus dem so genannten bildungsfernen Milieu gibt es immer wieder welche, die nicht altersgemäß sprechen.

SZ: Wie reden Sie mit den Migrantenkindern, die kein Deutsch können?

Walliczek: Wir haben bei uns im Kindergarten 16 Nationalitäten; die Erzieherinnen sprechen bewusst nur deutsch. Mit Hilfe eines Sprachprojekts und individueller Förderung bemühen wir uns, allen Deutsch beizubringen. Aber es gibt zum Schluss immer noch viele Kinder, die Förderungsbedarf für den Schuleintritt haben. Wir können die ganze Basisarbeit allein gar nicht leisten.

Anfangs reden wir mit Händen und Füßen. Die Aufforderung: "Wir gehen jetzt in die Turnhalle" oder "Zieh die Turnschuhe an" vollzieht sich gestisch, durch Nachahmung. Das ist oft sehr anstrengend. Und: Sprachprobleme sind das eine, Berufstätigkeit der Eltern und deren Alltagshektik sind das andere. Da muss man den Eltern öfter deutlich machen, dass auch sie in der Pflicht sind.

Gerade in sozial schwachen Familien wird oft nicht gefragt, was zu Hause geleistet werden kann; in Erziehungs- und Bildungsfragen verlässt man sich völlig auf den Kindergarten. Es gibt in unserer Kita Vorschulkinder, die nicht bis sechs zählen können, die auf dem Würfel die Punkte mühsam zusammenzählen müssen.

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