Japans Angriff auf Pearl Harbor:Ein Tag der Schande

Lesezeit: 9 min

Pearl Harbor Attack

Ein Tag, der die Weltgeschichte veränderte: Brennende US-Kampfflugzeuge und Schiffe während des japanischen Überraschungsangriffs auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941.

(Foto: Fox Photos/Getty Images)

Angriff auf Pearl Harbor vor 80 Jahren: Japan zerstört Amerikas Pazifikflotte - und beginnt damit einen Krieg, den es nicht gewinnen kann.

Von Joachim Käppner

In den Straßen war es noch recht ruhig, Nachbarn standen zu einem Sonntagsschwatz in der Dezembersonne, Offiziere in Ausgehuniformen gingen mit ihren Frauen spazieren. Familien lasen in der Zeitung beim Frühstück schaudernd Nachrichten aus dem fernen großen Krieg: die deutsche Wehrmacht hatte den Stadtrand von Moskau erreicht, kein halbes Jahr nach dem Angriff des Naziimperiums auf die Sowjetunion. Unendlich fern schien das Grauen auf dem alten Kontinent von einem Sonntagmorgen in Pearl Harbor, Hawaii, dem Stützpunkt der US-Pazifikflotte. Die Seeleute auf den großen Schlachtschiffen, sofern sie nicht an Land gegangen waren, genossen den freien Tag.

Die Lokalreporterin Elizabeth McIntosh schrieb noch am selben Abend: "Überall entlang der von der Sonne beschienenen Straße zum Hafen kamen die Menschen aus der Kirche, lagen Hunde faul in den Einfahrten, in den Bäumen lärmten Versammlungen geselliger Stare." Und viele Amerikaner hofften, dies möge auch ihr Alltag bleiben.

Gewiss, der Krieg war näher gekommen. Im Weißen Haus hatte Präsident Franklin D. Roosevelt alles getan, was er "short of war", unterhalb der Schwelle des Krieges gegen Hitlerdeutschland tun konnte, um erst den bedrängten Briten beizustehen, deren unbeugsamer Premier Winston Churchill sein Land zur letzten Bastion der Freiheit erklärt und Hitler entgegengeschleudert hatte: "We shall never surrender." Wir werden uns niemals ergeben. Amerika lieferte zwar Waffen und Kriegsschiffe, doch die britischen Konvois erlitten auf dem von U-Booten verseuchten Seeweg nach Großbritannien hohe Verluste. In Asien führten die Japaner einen mörderischen Eroberungskrieg gegen China und hatten soeben Indochina besetzt. Wohin man von Nordamerika auch sah: Die Welt brannte.

Solange unsere Welt nur heil bleibt

Doch noch war die Stimmung des Isolationismus stark in den USA, eine weltabgewandte, in manchem an die Trump-Ära erinnernde Haltung herrschte bis weit ins Parlament hinein: Was kümmert es uns, wenn draußen die Welt versinkt? Solange unsere Welt nur so heil bleibt wie an jenem sonnigen Dezembermorgen auf Hawaii.

Nur die Besatzung einer vorgeschobenen Radarstation auf der Insel Oahu entdeckte etwas Merkwürdiges: Auf ihren Bildschirmen erschienen am Vormittag grüne Punkte, einzelne zunächst, dann immer mehr, und sie näherten sich mit beunruhigender Geschwindigkeit. Die Beobachter schlugen Alarm: Das konnten nur Flugzeuge sein, sehr viele Flugzeuge. Doch die US-Kommandozentrale auf Hawaii nahm sie nicht ernst. Radar war eine eben erst eingeführte Technologie, und wer weiß, was die grünen Jungs auf Oahu sich da einbilden mochten. Der wachhabende Offizier ließ sie wissen: "Don't worry about it." Macht euch keine Sorgen. Weit und breit war nur leere See - wer sollte Hawaii bedrohen?

"Tiger! Tiger! Tiger!"

Nur wenige Minuten später, Punkt 7.49 Uhr, durchbrach ein codierter Funkspruch die Stille: "Tora, tora, tora!" Das war japanisch und bedeutete: Tiger, Tiger, Tiger! Und aus dem blauen Himmel stießen die ersten Sturzkampfbomber herab wie Raubvögel auf eine nichts ahnende Beute.

Noch als die Warnsirenen ihr schauriges Geheul erklingen ließen, glaubten die meisten Menschen auf Pearl Harbor nur an eine weitere lästige Luftschutzübung. Die Besatzungen der Schlachtschiffe waren vollkommen unvorbereitet, die meisten Flugabwehrgeschütze auf Hawaii nicht geladen, die eigenen Jagdflugzeuge nicht startklar.

Hunderte starben in den ersten Minuten oder wurden grauenvoll verstümmelt; viele Matrosen versuchten, sich durch einen Sprung ins Wasser retten, und verbrannten dort bei lebendigem Leib - das Öl aus den zerstörten Schiffen lief aus und brannte lichterloh. Über dem Hafen standen riesige Rauchpilze.

"Ätzende Dämpfe brannten mir in Nase und Hals"

Die USS West Virginia brannte wie Zunder, eines der modernsten Schlachtschiffe der US Navy, Tausende Tonnen Stahl, 1400 Mann Besatzung, schwerst gepanzert, bestückt mit furchterregender Artillerie und Dutzenden Schnellfeuerkanonen zur Flugabwehr - nun ein qualmender Haufen Schrott voller Leichen und schrecklich schreiender Verwundeter. Der Seemann Russell Tippits kam tief im Inneren des Schiffes gerade vom Frühstück. Er schrieb später in sein Tagebuch: "Urplötzlich kam der Alarm über die Lautsprecher. Ich dachte: Das klingt aber diesmal ziemlich echt, und rannte hinunter ins dritte Deck zu meiner Gefechtsstation. Gerade als ich ankam, schlug der erste Torpedo auf Höhe der Brücke ein. Dann ein anderer Torpedo ... unfassbare Explosionen ... ätzende Dämpfe brannten mir in Nase und Hals."

Mühsam unterdrücken er und seine Kameraden die Panik: nur raus hier! Der einzige Weg in die Freiheit ist eine Eisenleiter, die hoch aufs Deck führt, die Männer stehen Schlange wie zuvor in der Kombüse, nur geht es jetzt um ihr Leben. Giftiger Rauch breitet sich im Inneren des Schiffes aus. Endlich ist Tippits an der Reihe und klettert hoch, so schnell er kann - und sieht das Grauen, das über sein Schiff gekommen ist: "Überall lagen dreck- und blutverschmierte Körper an Deck verstreut, als habe sie eine gigantische Hand niedergestreckt."

Angriff auf Pearl Harbor 1941

Ein Angriff wie aus dem Nichts: japanische Kampfflugzeuge auf dem Weg nach Pearl Harbor.

(Foto: picture alliance / -/UPI/dpa)

Ein Offizier der West Virginia stürzte an Deck, als das Schiff wie unter zwei gewaltigen, unfassbaren Hammerschlägen erbebte; er sah hinüber zum Nachbarschiff USS Arizona: "Ich kam gerade wieder auf die Füße, als auf der Arizona eine gewaltige Flamme in die Höhe schoss, so hoch wie die Aufbauten. Brennende Metallteile von dort regneten auf unser Deck hinunter, von Fragmenten bis zu zentimeterdicken Splittern."

Rund eine Stunde später erschien die zweite japanische Angriffswelle, wie die erste von Zero-Begleitjägern geschützt. Als sie davonflogen, hatten die USA eine der schwersten militärischen Niederlagen ihrer Geschichte erlitten - auch wenn der japanische Admiral Chuichi Nagumo aus Vorsicht einer der dritten Welle den Start untersagte. Amerikas Pazifikflotte war vorerst außer Gefecht. Die US-Pazifikflotte verlor acht Schlachtschiffe, auch wenn fünf davon später wieder gehoben oder instand gesetzt wurden. Außerdem wurden 337 Kampfflugzeuge vernichtet oder beschädigt, die meisten am Boden, wo sie säuberlich auf den Flugfeldern aufgereiht kein besseres Ziel für die japanischen Piloten hätten bilden können. 2403 Amerikaner starben, darunter 68 Zivilisten. Die Japaner hatten nur 29 Flugzeuge verloren, aus ihrer Sicht ein geringer Preis, dafür dass ihrer Marine der perfekte Überraschungsmoment gelungen war.

Die USA und Japan hatten sich 1941 zwar belauert, aber noch nicht im Krieg gestanden. Am 26. November jedoch war Nagumos riesige Flotte in See gestochen, ein Geschwader mit gleich sechs modernen Flugzeugträgern (die Pazifikflotte der USA besaß überhaupt nur drei). Unter absoluter Funkstille lief die Flotte mehr als 6000 Kilometer über die Weiten des Pazifiks, bis 200 Kilometer vor Oahu, von wo aus die Trägerflugzeuge Pearl Harbor schnell erreichen konnten. Selbst in einem Zeitalter vor den Satelliten war das ein bemerkenswertes Kunststück. Doch wie der britische Militärhistoriker John Keegan schrieb: "Pearl Harbor war nicht Trafalgar", keine Vorentscheidung zur See wie 1805 beim Sieg Lord Nelsons über die Flotte Napoleons. Pearl Harbor, der größte Sieg des kaiserlich-imperialistischen Japan, war der Beginn seines Untergangs.

Weil Verschwörungsmythen kein Privileg der Gegenwart sind, gibt es schon bald Behauptungen, die Roosevelt-Administration habe die Attacke wissentlich provoziert, all die Menschen sterben und die eigenen Schiffe sinken lassen, um endlich einen Vorwand zu haben, die USA in den Krieg zu treiben. Rechte wie sehr linke Revisionisten haben dies behauptet und wurden von Historikern ausführlich widerlegt. Auf Seiten der USA machten an diesem Tag 1941 Ignoranz, Dilettantismus und falsche Lagebeurteilungen die Katastrophe möglich, bestimmt aber nicht Absicht.

Es war Zufall, dass die drei US-Flugzeugträger nicht vor Anker lagen

Das gern genannte Argument, dass die drei US-Flugzeugträger am 7. Dezember nicht vor Anker lagen, ist durch deren Aufgaben an diesem Tag leicht erklärbar; reiner Zufall, dass sie verschont blieben. Zudem konnte zu diesem Zeitpunkt noch niemand wissen, dass die Träger und nicht die kanonenstarrenden Panzerschiffe die wichtigste Waffe im Seekrieg auf dem Pazifik werden würden - diese Erkenntnis begann erst mit Pearl Harbor. Sonst hätten die USA anfangs nicht sehr viel weniger Träger besessen als Japan.

Im Gegenteil hatte die US-Regierung zuvor monatelang versucht, die japanische Aggressionspolitik in Asien durch Wirtschaftssanktionen wie ein wirksames Ölembargo zu bremsen, statt auf Krieg zu setzen. Wahr ist nur: Roosevelt hatte die tödliche Gefahr erkannt, die der freien Welt und sogar den USA drohte, wenn in Asien wie Europa deren mächtigste Feinde herrschen würden. Den Krieg im Pazifik wollten nicht die USA, es wollte ihn die ultranationalistische Militärregierung in Tokio.

Sie hatte längst jede Opposition im Land brutal ausgeschaltet und plante nun ein pazifisches, auf Ausbeutung, Terror und einem rassistischen Menschenbild beruhendes Weltreich von Gnaden der aufgehenden Sonne, wie sie Japans Flagge zeigte. Vorgesehen war ein gewaltiger Eroberungskrieg, nicht unähnlich dem deutschen Krieg für ein "Ost-Imperium" und an genozidaler Brutalität nur von diesem noch überboten. Die Ausschaltung der Pazifikflotte sollte Japans Militärbefehlshabern die nötige Zeit geben, diesen riesigen Raum einzunehmen und zur uneinnehmbaren Festung auszubauen.

Wehe den Besiegten, das galt auch im Pazifik, als Japans Armeen nach Pearl Harbor weite Teile dieses Reichs tatsächlich eroberten. Dass sie sich dabei als Befreier Asiens von Europas Kolonialmächten inszenierten, hat eine gewisse Analogie zur deutschen Kriegführung, die von sich behauptete, Europa vom Bolschewismus zu befreien. Terror, Massenmorde, Erniedrigung der pazifischen Völker zu Sklaven und rassistische Hybris waren stattdessen der Besatzungsalltag und weckten Hass und breiten Widerstand. Wenn heute einige akademische Aktivisten im Übereifer der guten Sache behaupten, Rassismus sei grundsätzlich nur "weiß", wären sie besser beraten, sich auch einmal mit dem grässlichen Los der Chinesen, Malaien oder Koreaner unter Japans Stiefeln zu befassen. Das Böse in der condition humaine ist universell. Noch heute sind die Beziehungen zwischen Südkorea und Japan belastet, weil sich die Regierung in Tokio weigert, das entsetzliche Leid der bis 1945 durch Japans Besatzungstruppen als Sexsklavinnen missbrauchten Koreanerinnen wirklich anzuerkennen, der "Trostfrauen".

Der Schlag gegen ihre pazifische Flotte auf Hawaii zwang die Amerikaner für fast ein Jahr in die Defensive. Doch so hart die Niederlage war, die USA als führende ökonomische Macht erholten sich rasch. 1942 in der Schlacht bei den Midway-Inseln nahmen sie Rache an Japans Trägerflotte. Die Japaner hatten den Gegner leichtfertig unterschätzt.

"Wäre eine Mordssache!"

In den ersten Tagen des Dezember 1941 aber veränderte sich der Lauf des Krieges sehr rasch und entscheidend. Er war nun endgültig ein globaler Konflikt. Adolf Hitler und seine Paladine in Berlin triumphierten, als die Nachrichten aus Hawaii vernahmen - und erklärten den USA bereits am 11. Dezember ihrerseits den Krieg. "Mit Japan schwimmen für die nächsten Jahre alle englischen, amerikanischen und russischen Hoffnungen fort. Wäre eine Mordssache!", schrieb der Luftwaffengeneral Wolfram von Richthofen.

Hitlerdeutschland hatte die Sowjetunion unbedingt vernichten wollen, bevor die USA doch noch in den Krieg eintreten würden. Doch diese Illusion zerstob im Dezember 1941 bei eisiger Kälte vor Moskau zur selben Zeit, als Admiral Nagumo auf der anderen Seite des Globus den Befehl zum Angriff auf Pearl Harbor gab: Vor Moskau erlitt die Wehrmacht ihre erste schwere Niederlage an der Ostfront. Dieser Krieg würde, anders als Hitler getönt hatte, nicht schon bald zu Ende sein.

Die Deutschen waren auf einen Krieg mit den USA vollkommen unvorbereitet

Deutsche wie Japaner wurden durch Pearl Harbor Opfer der eigenen Hybris. Japan führte gegen die potenziell stärkste Macht der Welt einen Krieg, den es nicht gewinnen konnte und nicht gewinnen würde. Das Deutsche Reich aber griff die USA an, um Japan zu unterstützen, in der Erwartung, es werde den Amerikanern hart und lange genug zusetzen, um sie vom europäischen Kriegsschauplatz fernzuhalten, bis die Sowjetunion doch noch erobert sein würde.

Die Deutschen freilich waren, anders als Japan, auf einen Krieg mit den USA vollkommen unvorbereitet. Es fehlten ihnen die Schiffe, Flugzeuge, Überseestützpunkte, um Amerika selbst zu bedrohen, während umgekehrt von dort Hunderttausende Soldaten, Panzerarmeen und riesige Luftflotten zu den verbündeten Briten kamen. Ebenso wie im Ersten Weltkrieg scheiterten die Versuche, die atlantischen Versorgungslinien durch die U-Boote zu unterbrechen.

Schon am Abend des 7. Dezember ließ sich Winston Churchill eine Telefonleitung ins Weiße Haus geben. "Mr. Präsident, was geschieht da mit Japan?", fragte der Brite. Roosevelt antwortete: "Es ist wirklich wahr. Sie haben uns in Pearl Harbor angegriffen. Jetzt sitzen wir alle im selben Boot." Es war geschehen, was Churchill so viele Monate eines einsamen Kampfes gegen die deutsche Militärmaschinerie gehofft hatte: Die USA standen endlich an der Seite der letzten kämpfenden Demokratie Europas. Die Fackel der Freiheit würde nicht untergehen.

New York New York December 7 1941 Shocked and angry crowds in Times Square grab New York Enquirer

"A day of infamy": Zeitungsverkäufer auf dem Times Square, New York, am 7. Dezember 1941. Die Abendausgaben berichteten in großen Schlagzeilen über den Angriff auf die US-Pazifikflotte.

(Foto: imago stock&people/imago/UIG)

Fast drei Jahre nach dem Angriff auf Pearl Harbor, dem "Tag der Schande", wie Roosevelt am 8. Dezember 1941 vor dem US-Kongress erklärt hatte, war die USS West Virginia im Golf von Leyte dabei, als Japans Flotte noch einmal alle Kräfte zu einem letzten Entscheidungsschlag sammelte und ihre Götterdämmerung erlebte. Es war eine der größten Seeschlachten der Geschichte, sie endete im Oktober 1944 mit einem überwältigenden Sieg der USA und ihrer Alliierten, an dem das inzwischen gehobene und instandgesetzte Schlachtschiff teilhatte.

Der Seemann Charles Prazenica schrieb: "Ich stand an Deck und sah zu, wie wir mit unseren schweren Geschützen ein japanisches Schlachtschiff trafen, ich sah, wie es explodierte. Aber ich hatte Angst, dass es auch uns erwischen würde, doch Gott wachte über uns. Am Morgen trieben Trümmer und Leichen überall auf dem Meer, der Geruch machte uns krank. Und wieder und wieder griffen die Kamikaze-Flieger an, sie trafen mehrere Schiffe. Die West Virginia hatte großes Glück - sie verpassten uns ganz knapp." Ein zweites Pearl Harbor war Japans Militär nicht vergönnt. Und das erste hatte ihm nichts als Schuld und Ruin gebracht.

Zur SZ-Startseite

Zweiter Weltkrieg
:Nach Kriegsende ging das Sterben weiter

Am 8. Mai 1945 trat die bedingungslose Kapitulation des Deutschen Reiches in Kraft. Doch die Folgen des von Hitler entfesselten Krieges forderten noch viele weitere Opfer.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB