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Zweiter Weltkrieg:Nach Kriegsende ging das Sterben weiter

Zweiter Weltkrieg endete im Mai vor 75 Jahren

Hitlers Hauptstadt - in Schutt und Asche gelegt: Berlin im Mai 1945.

(Foto: dpa)

Am 8. Mai 1945 trat die bedingungslose Kapitulation des Deutschen Reiches in Kraft. Doch die Folgen des von Hitler entfesselten Krieges forderten noch viele weitere Opfer.

Von Joachim Käppner

Robert Capa sind einige der eindringlichsten Fotos über den Krieg zu verdanken, beinahe ikonische Mahnungen: aus dem Spanischen Bürgerkrieg etwa, vom D-Day 1944, eine verwackelte Aufnahme von Soldaten, die am Strand Deckung suchen, wo es keine gibt. Der Fotograf Capa war immer ganz vorn dabei, "nah genug dran", wie er es nannte, auch am 18. April 1945 bei Straßenkämpfen in Leipzig-Lindenau. Life veröffentlichte die Fotoserie "The Last Man to Die", der letzte Tote. Am Fenster eines bürgerlichen Wohnzimmers liegt ein toter US-Soldat, während mildes Frühlingslicht hereinschimmert; es sieht aus, als schliefe er, doch ein deutscher Scharfschütze hat ihn getroffen. Eine Blutlache ist auf dem gepflegten Parkett zu sehen.

Das Bild wurde zum Inbegriff der Tragik mitten im Sieg über die Nazis. Doch natürlich war der junge GI, Raymond J. Bowman, nicht der letzte Tote des Krieges. Die drei Wochen, in denen die untergehende Diktatur den Kampf noch fortsetzte, forderten ungezählte weitere Opfer: Soldaten aller Armeen (die Rote Armee und die Wehrmacht verloren bei der Schlacht um Berlin bis zum 2. Mai noch Zehntausende Soldaten); auf Todesmärschen ermordete Häftlinge der Konzentrationslager; Opfer der "fliegenden Standgerichte", viele mehr.

Der letzte gefallene Amerikaner auf dem europäischen Kriegsschauplatz zumindest ist dokumentiert. Charles Havlat geriet auf tschechischem Boden mit seinem Jeep in einen deutschen Hinterhalt und wurde von Splittern einer Panzerfaust und einer Kugel tödlich getroffen. Es galt schon der Waffenstillstand, was die deutsche Einheit offenbar nicht wusste, wie die amerikanischen Ermittlungen ergaben.

Wehrmachtsgeneräle unterzeichneten Urkunden in Reims und Berlin-Karlshorst

In der ersten Maiwoche 1945 bestand der deutsche Machtbereich aus einem Flickenteppich von Gebieten etwa in Norddeutschland, Holland, Norwegen, Norditalien, dem Baltikum und in Jugoslawien. Am frühen Morgen des 7. Mai unterzeichnete Hitlers Paladin, Generaloberst Alfred Jodl, in Reims die bedingungslose Kapitulation, die am 8. Mai um 23.01 Uhr in Kraft trat. Am 9. Mai um 0.16 Uhr wurde der Akt in Berlin-Karlshorst gegenüber der Roten Armee wiederholt, durch Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, wegen seiner Hitlerhörigkeit "Lakeitel" genannt. So ist es zu erklären, dass in Russland der Jahrestag des Sieges erst am 9. Mai gefeiert wird.

Aber der Mahlstrom des von Nazideutschland entfesselten Krieges forderte noch viele weitere Opfer. Nicht allein im Pazifik, wo Japan erst nach den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki kapitulierte, am 2. September. In China tobte der Bürgerkrieg zwischen Nationalisten und Kommunisten weiter, bis zum Sieg Maos 1949. Auch in Europa setzte sich das Sterben fort: befreite KZ-Häftlinge, die nicht zu retten waren; polnische Aufständische und sowjetische Soldaten; die Toten des Bürgerkriegs in Griechenland; deutsche Vertriebene, die Racheakten oder den Strapazen der Flucht zum Opfer fielen; traumatisierte NS-Opfer, die sich das Leben nahmen; vergewaltigte Frauen in Berlin oder Korea; jüdische Opfer des Pogroms von Kielce in Polen 1946 oder der antisemitischen Prozesse in der späten Ära Stalin.

Das Selbstbewusstsein der Offiziere war aus Stalins Sicht zu groß

Ein besonders düsteres und weniger bekanntes Kapitel ist das unfassbare Unrecht, dass die Sowjetregierung vielen ihrer eigenen Soldaten antat. Keine Streitmacht hatte größere Opfer gebracht als die Rote Armee. Doch das Selbstbewusstsein der Offiziere war aus Stalins Sicht gefährlich gewachsen, und so befahl der Tyrann neue "Säuberungen". Der britische Historiker Antony Beevor schreibt von 135 000 Soldaten, die der Geheimdienst NKWD 1945 wegen "konterrevolutionärer Vergehen" verhaftete. Viele wurden getötet.

Robert Capa trat 1954 in Vietnam, dessen Widerstandsbewegung unter Ho Chi Minh gegen die Rückkehr der von den Japanern gedemütigten französischen Kolonialherren rebellierte, auf eine Mine und starb. Nein, der amerikanische Soldat in Leipzig war nicht das gewesen, was Life unter das Foto geschrieben hatte: "The Last Man to Die."

© SZ vom 08.05.2020/saul
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