La Boum:Bequem und unauffällig

La Boum
(Foto: Steffen Mackert)

Unsere Kolumnistin trifft in Paris auf Menschen, die nicht wissen, wer Christian Lindner ist. Außerdem kauft sie sich das falsche Paar Schuhe.

Von Nadia Pantel

Mein Lieblingsschuh ging kaputt. Der Schuh und ich waren schon so lange zusammen, dass ich mich nicht mehr fragte, ob er schön war oder nicht. Er war einfach mein Schuh. Einmal hatte ich ihn versehentlich für ein Briefing im Élysée angelassen, weil der Schuh und ich vorher noch Nudeln kaufen waren. Ich konnte sehen, wie er sich auf dem Marmorboden schämte. Er war eher ein privater Schuh. Und irgendwann hatte er vorne am Zeh ein Loch.

Um seinen Nachfolger auszusuchen, versuchte ich mich zu erinnern, mit welchen Kriterien mir vor ein paar Jahren so ein erfolgreicher Schuhkauf gelungen war. Mir fiel "bequem, unauffällig und leicht" ein. Und dann ging ich in einen Laden und kaufte einen Schuh aus orange eingefärbtem Breitcord. Er scheuerte ein bisschen an der Ferse, er war nicht zu übersehen, und wenn ich ihn mit seinen Klettverschlüssen (ja, Klettverschlüssen) an meinem Fuß befestigte, dachte ich jedes Mal, puh, das ist aber viel Schuh.

Mein Pariser Freund kannte weder die FDP noch die "Sesamstraße"

Erinnern Sie sich, wie mein Kolumnen-Vorgänger, der Kollege in New York, mal in verschiedenen Folgen seiner Kolumne mit sehr hässlichen Schuhen durch Hell's Kitchen lief? Ich dachte damals beim Lesen jedenfalls sofort: Ja, Journalisten kaufen irgendwie häufig hässliche Schuhe. Gern so übertrieben gut gelaunte Modelle mit dicker Sohle. So Sportschuhe, mit denen man nie Sport macht. Und nun stand also ich mit meinen orangenen Füßen im Park und versuchte, meinem Bekannten zu erklären, wie es zu dem Kauf gekommen war. "Ich wollte keine weißen Schuhe, die trägt schon Christian Lindner", sagte ich. "Qui", fragte er. Wer? "Außerdem sehen die Schuhe aus, als könnte sie Samson aus der 'Sesamstraße' tragen, das fand ich lustig", sagte ich. "Qui", fragte er. Es stellte sich heraus, dass mein Pariser Freund weder die Existenz der FDP noch die der "Sesamstraße" wahrgenommen hatte. Was für ein Leben! Eine andere Bekannte kam hinzu, starrte auf meine Schuhe und sagte: "Mit denen kannst du auf jeden Fall ins Marais."

Ein paar Tage später machten die Schuhe und ich tatsächlich einen Ausflug ins Marais. Ist in Paris mal wieder Fashion Week, fällt einem das zuerst im Marais auf, weil sich dort dann besonders viele sehr dünne, sehr laute und sehr abwegig gekleidete Menschen zusammenfinden. Ich hatte zwar abwegige Schuhe an, aber ich war weder dünn noch laut, und außerdem war nicht Fashion Week. Vor mir ging ein Mann in dynamischem Tempo. Er hatte weiße Turnschuhe an und sagte auf Deutsch: "Das war so ein genialer Hybrid-Space, halb Fleischerei, halb Kunstgalerie." Huch, war das etwa Christian Lindner? Ich joggte an ihm vorbei (links orange, rechts orange, links orange, rechts orange) und schaute ihm ins Gesicht. Es war nicht Lindner. Ich sah, wie der Mann dachte: "Oh, eine deutsche Journalistin mit hässlichen Schuhen." Dann schwiegen wir beide. Wir waren schließlich im Marais und wollten nicht weiter negativ auffallen.

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:Be happy

Ein Dealer auf Zack und eine ziemlich beseelte Nachbarin: Im Pariser Viertel unserer Kolumnistin sind die Bewohner unterschiedlich schnell unterwegs.

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