Nelson Mandela Ein Held, aber kein Heiliger

Vor 100 Jahren wurde Nelson Mandela geboren: Weltweit gilt er als Ikone der Versöhnung, doch in Südafrika sehen ihn viele heute kritisch.

Von Bernd Dörries, Kapstadt

Eine Straße nach sich benannt zu bekommen ist mehr, als die meisten im Leben erreichen. Für kleine Verdienste gibt es vielleicht eine schöne Sackgasse in einem Vorort, je weiter der Ruhm strahlt, desto zentraler und größer die Straßen. Danach kommt die nächste Liga, der große Gral, das moderne Denkmal, die Namensgebung eines Flughafens.

Und obwohl Politiker gerade in vielen Gesellschaften nicht sonderlich hoch im Kurs stehen, sind die Flughäfen fast immer ihnen vorbehalten. Willy Brandt, Ronald Reagan und Charles de Gaulle, alle nicht unumstritten, als sie noch lebten, jetzt aus der Distanz aber doch gute alte Zeit, flughafenwürdig.

Es ist durchaus eigenartig, dass der wohl beliebteste Politiker aller Zeit bisher noch keinen Flughafen hat, zumindest nicht im eigenen Land. Was daran liegen mag, dass die Kapverdischen Inseln schneller waren und ihren zentralen Flughafen vor einigen Jahren nach Nelson Mandela benannt haben. Zum anderen aber auch, dass Mandela in internationalen Umfragen regelmäßig zum beliebtesten Politiker gekürt wird, zu einer Art Weltchef, Monarch und lieber Onkel zugleich, dass er in Südafrika aber nicht mehr ganz so geliebt wird wie im Rest der Welt.

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Hundert Jahre alt wäre er am 18. Juli geworden, weshalb in Südafrika nun doch noch mal überlegt wird, den Flughafen Kapstadt nach ihm zu benennen. Dass es durchaus auch noch andere Kandidaten gibt, zeigt schon, dass da etwas passiert ist mit der Wahrnehmung dieses großen Helden, dessen Namen man nur nennen musste, um feuchte Augen auszulösen.

Dabei hat sich Mandelas Botschaft ja nicht verändert, er ist seit bald fünf Jahren tot. Es ist Südafrika, das sich nicht so verändert hat, wie Mandela es hoffte und viele andere auch.

Die ökonomische Apartheid ist geblieben

Die Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag starteten zu Jahresbeginn mit großem Elan, T-Shirts wurden bedruckt, neue Biografien erschienen, auf deren Deckel hätte stehen können: "Jetzt mit noch mehr heldenhaften Details". Aber so richtig in Schwung kam die ganze Sause bisher nicht. Nelson Mandela hatte die Menschen träumen, hoffen und vielleicht auch ein bisschen besser sein lassen, als sie es waren.

Fast ein Vierteljahrhundert nach dem Ende der Apartheid merken viele Südafrikaner aber eben auch, dass es oft nur Träume waren. Dass sich die Realität zu wenig geändert hat. Freiheit gibt es nun, das ja, oft ist es aber nur die Freiheit beklagen zu dürfen, dass es immer noch zu wenig zu essen gibt und keine Jobs, dass die Weißen immer noch die großen Häuser haben und die besseren Autos. Südafrika ist nach Angaben der Weltbank das ungleichste Land der Erde. Die politische Apartheid hat Mandela niedergerissen, die ökonomische bleibt.

Mandela als junger Revolutionär, 1961.

(Foto: imago/United Archives Internatio)

Es geht also in Südafrika darum: Was bleibt vom Erbe Mandelas? Und darum, wie man seine Leistungen beurteilt. Mit dem Blick von heute? Oder aus seiner Zeit heraus?

Nelson Mandela wurde am 1918 im Dorf Mvezo in der damaligen Transkei geboren; Südafrika war noch ein Dominion, eine sich selbst verwaltende Kolonie des britischen Empire. Die Eltern nannten ihn "Rolihlahla", was wörtlich "am Ast eines Baumes ziehen" bedeutet, letztlich aber Unruhestifter. Und so kam es dann ja auch.