Magersüchtige über GNTM:"Dünn sein heißt glücklich sein"

Wenn Teresa, Lara, Daria und ihre Mitbewohnerinnen Germany's Next Topmodel schauen, dann tun sie das anders als Menschen, die nie eine Essstörung hatten. Die jungen Frauen sind Expertinnen im Dünnsein. Den Body-Mass-Index der Finalistinnen können sie schon abschätzen, als die Topmodel-Anwärterinnen zum ersten Mal auf die Bühne treten. Sie wissen, dass die Jury mal eine Kandidatin als dick bezeichnet hat - und bemerken jetzt, dass sie als einzige nicht bauchfrei über den Laufsteg läuft. Heidi Klums Oberschenkel? Waren vor 20 Jahren mal richtig klasse, sind jetzt aber viel zu dünn. Wolfgang Joop? Steht auf Männer und findet deshalb eh nur Körper gut, die aussehen wie ein Brett.

Laut wird es, als ein Einspieler die ausgeschiedene Kandidatin Kiki zeigt, die einen Slip in einer ganz normalen Größe in die Luft hält und erklärt, der sei so riesig, dass sie sich komplett hineinlegen könne. "Spinnt die?", ruft eine Bewohnerin durchs Wohnzimmer. Wie soll man da keine Komplexe bekommen? Die Mädchen auf dem Sofa wundern sich auch, dass die Mädchen auf der Bühne so leistungsfähig sind: "Wenn du runtergehungert bist, kannst du eigentlich nicht mal mehr richtig denken."

700 000 Menschen in Deutschland leiden an einer Essstörung. Sie haben Magersucht, Bulimie, Essattacken - oder eine Mischung aus allem. Besonders häufig betroffen sind Mädchen zwischen elf und 17 Jahren. Natürlich ist eine Fernsehsendung allein noch kein Krankheitsauslöser. Oft kommt vieles zusammen, wie bei Lara. Die Mädchen durchleben eine Identitätskrise, zerbrechen daran, eine Situation nicht bewältigen zu können. Wenn sich dann noch der Körper zu Beginn der Pubertät verändert, erste Rundungen bekommt, ist das für die Betroffenen zu viel. Und während sie sich bei allem anderen machtlos fühlen, wird die Beherrschung des Körpers zur einzigen Möglichkeit, die Kontrolle zu behalten.

Magersüchtige werden überall herausgefordert

"Außerdem glaubt man, dass die Topmodels alle total glücklich sind", sagt Daria. Wer am Ende einer Staffel vor Freude weint, weil das eigene Konterfei auf einem Magazincover erscheint, wer einen Modelvertrag bekommt, von Tausenden Menschen bejubelt wird - der muss doch ein tolles Leben vor sich haben. "Dünn sein heißt glücklich sein", fasst Lara den Gedanken zusammen, den sie alle einmal hatten, damals, zu Beginn ihrer Krankheit.

Wie der Körper aussieht, mit dem man vermeintlich glücklich wird, lernen kleine Mädchen seit zehn Jahren bei Heidi Klum. 40 Prozent der Mädchen zwischen elf und 17 Jahren schauen Germany's Next Topmodel. Aber natürlich ist die Show nicht das einzige Format, das ein ungesundes Körperbild vermittelt. Es gibt genügend andere Sendungen, Zeitschriften, Werbeformate. Wenn mager sein eine Sucht ist, dann finden die Betroffenen ihren Stoff in jedem Schaufenster, an jeder Litfaßsäule, an jedem Kiosk. "Wenn ich jemanden sehr dünnen sehe, triggert mich das", sagt Teresa. Sie denkt dann darüber nach, dass sie genauso dünn sein könnte. "Ich habe es schon einmal geschafft, nichts zu essen. Ich weiß, ich würde es wieder schaffen."

Skelita, die Knochenpuppe für kleine Mädchen

Sie will aber nicht. Denn jetzt, wo sie nach zahlreichen Therapiestunden reflektiert über die Sache sprechen kann, klingt die Wahrheit über das Dünnsein nicht mehr nach dem großen Glück: Die Krankheit macht traurig, abgestumpft, wird zur einzigen Freundin. Die echten Freunde, alles, was Spaß macht, wird ausgeklammert, sagt Teresa.

Nur von einer Sache komme sie nicht los. Die junge Frau mit den langen dunklen Haaren legt die Stirn in Falten und senkt die Stimme, ihr Satz wirkt wie ein Geständnis: Sie finde die dünnen Modelkörper immer noch schön. Eine ihrer Mitbewohnerinnen geht noch weiter: "Ich bin immer noch nicht von dem Dampfer runter, dass die Gesellschaft dieses Aussehen toll findet." Was soll man auf so etwas antworten? Dass man diesen Eindruck nicht von der Hand weisen kann? Dass wir uns in den vergangenen Jahrzehnten auf ein sehr enges Schönheitsideal hinbewegt haben, das wenig Raum lässt für Kurven und Kleidergrößen jenseits der 40? Dass sich die Menschheit nun mal vor Frauen verneigt, die aussehen, als würden sie nichts essen? Dass das alles mit uns Normalmenschen aber gar nichts zu tun hat?

In ihrer Heimat Süditalien, sagt Teresa, sähen die Puppen ganz anders aus. In der ehemaligen Sowjetunion, wo ihre Mutter herkommt, auch, sagt Daria. Rund, pausbäckig, mit Kurven, nicht so dürr und lebensunfähig wie Barbie. Aber Barbies seien noch harmlos im Gegensatz zu dem, was jetzt in den Spielzeugläden verkauft wird. Die jungen Frauen geben ein Handy herum, darauf das Foto eines Skeletts mit langen schwarzen Haaren, kurzem Rock und Kussmund. Das Knochenmädchen Skelita aus der Mattel-Serie "Monster High". "Mit sowas spielen die Achtjährigen heute", sagt Daria. "Ist das nicht krank?"

© SZ vom 18.05.2015/feko
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