Fernsehshow:Töchter Mannheims

Plötzlich war Heidi Klum verschwunden. Die Bombendrohung bei "Germany's next Topmodel" und ihre Folgen.

Von Hans Hoff, Felicitas Kock und Hannes Vollmuth

Heidi Klum verschwindet zwanzig Minuten früher als die anderen. Gegen 21.15 Uhr kündigt die Mutter aller Topmodels eine Werbepause an. Schon wieder? Als regelmäßiger Zuschauer der Pro-Sieben-Mädchenschau "Germany's next Topmodel" ist man das ja gewohnt. Auch am Ende der zehnten Staffel ist das Finale von Werbepausen durchzogen wie ein Schinken mit Speck. Aber gleich so oft? In der Mannheimer SAP Arena verlässt Klum mit ihrer Tochter und den Co-Juroren Thomas Hayo und Wolfgang Joop die Bühne. Um 21.35 Uhr dann fordert der Veranstalter alle 8500 Zuschauer auf, das Gebäude sofort zu verlassen. Ein Hallensprecher sagt, es gebe ein technisches Problem. Nur keine Panik. Gerade erst war die 19-jährige Katharina Wandrowsky aus der Sendung befördert worden. Allerdings aus anderen, oberflächlicheren Gründen. Für ihren GNTM-Traum hatte die Hamburgerin sogar ihr Abitur geschmissen. Umsonst. Nun bleiben noch drei andere "wunderschöne Puppen" (Klum) übrig. Aber dann ist die Sendung plötzlich aus.

Es braucht fünf weitere Minuten, bis auch der Fernsehzuschauer bemerkt, dass hier irgendetwas nicht stimmt: Wieso schaltet der Privatsender aus Unterföhring nicht mehr zurück in die Arena, sondern zeigt ein Sozialdrama mit Sandra Bullock? Was ist da los? Kurz vor 22 Uhr ist in den sozialen Netzwerken von einer "Bombendrohung" die Rede. Bild-Online-Reporter stellen am Parkplatz vor der Halle ihr Smartphone auf live - 3000 Leute schauen zu. Riesenerfolg für den Internetdienst, der diese Art von Skype-Twitter neuerdings ermöglicht! Periscope, heißt er.

Ein Anruf, ein Koffer. Auch ein Mann mit einer Prinz-Eisenherz-Frisur?

Bis drei Uhr morgens durchsuchen Polizisten mit Sprengstoffhunden die Halle, der Inhalt eines zunächst herrenlos geglaubten Koffers aus der Garderobe erweist sich laut Sprengstoffexperten aus Stuttgart jedoch als harmlos. Es dauert noch ein paar Stunden, bis sich der Kofferbesitzer endlich meldet.

Zunächst macht die Meldung von einem Mann mit "Prinz-Eisenherz-Frisur" die Runde, der in einer Werbepause Heidi Klum seine Drohung persönlich überbracht haben soll. Polizei und Pro Sieben dementieren das. Laut Polizei ging die Bombendrohung um 21.07 Uhr telefonisch ein. Von einer Frau. Der Veranstalter habe die Evakuierung selbst angeordnet und die nach und nach eintreffenden Beamten darüber informiert. Auch dank der mehr als hundert Mitarbeiter einer privaten Sicherheitsfirma sei die Sache am Ende geregelt und ohne Verletzte abgelaufen.

Derzeit versuchen nun Spezialisten der Kriminaldirektion Heidelberg die Nummer zurückzuverfolgen. Wird die Anruferin gefunden, so muss sie wegen Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten mit einer Geldstrafe oder einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren rechnen. Zudem könnten zivilrechtliche Ansprüche geltend gemacht werden.

In der Vergangenheit waren ja immer wieder Großveranstaltungen aus Sicherheitsgründen abgesagt worden. Etwa das Radrennen "Rund um den Finanzplatz Eschborn-Frankfurt" am 1. Mai oder ein Karnevalsumzug in Braunschweig im Februar dieses Jahres. Und bereits im Jahr 2003 war es die Kölnarena, die mit 8000 Karnevalsgästen geräumt werden musste. Auch damals hatte ein Unbekannter mit einer Bombe gedroht.

Das Finale von "Germany's next Topmodel" soll nun in zwei Wochen nachgeholt werden. "Es wird eine Siegerin 2015 geben, wir zeigen am 28. Mai das Finale", sagte ein Sprecher von Pro Sieben. Die Kür der Siegerin werde allerdings - keine Überraschung - diesmal nicht live ausgestrahlt.

Die eigentliche Gewinnerin steht eh schon lange fest. Sie ist sogar im offiziellen Titel vermerkt, denn da prangt in allen offiziellen Verlautbarungen sehr deutlich, was wirklich zählt. "By Heidi Klum" steht da und signalisiert, wem dieses Format gehört, auf wen dieses Format hört.

Heidi Klum ist die ungekrönte Königin der deutschen Topmodel-Such-Branche, und sie wird es wohl immer bleiben oder zumindest so lange, wie ihr die über die Show generierte Popularität lukrative Werbe- und Vermarktungsverträge mit diversen Kosmetik-, Schmuck- und Schuhherstellern sichert. Wer immer auch in ihren Shows als offizielle Siegerin bekanntgegeben wird, darf sich darauf einstellen, eine Weile im Blitzlichtgewitter zu stehen, hier und da auch mal ein Zeitschriftencover zu zieren, spätestens aber bei Beginn der Folgestaffel in der Versenkung zu verschwinden oder auf Dschungelcamp-Besuche und Auftritte bei drittklassigen Rote-Teppich-Events reduziert zu werden. Das Topmodel vom letzten Jahr ist nichts, Heidi Klum ist alles.

Die 41-Jährige aus Bergisch Gladbach, die 1992 in Thomas Gottschalks RTL-Latenightshow entdeckt wurde, inszeniert sich sehr klar als Herrscherin über die Bewerberschar, über das, was die stets als "Mädchen" bezeichneten Kandidatinnen zu tun und zu lassen haben. Klum ist die eiserne Lady, die selten mit kleinen Grausamkeiten bei der Bewertung der Bewerberinnen geizt, weil sie weiß, dass so jene Tränen erzeugt werden, die eine eiskalt kalkulierte Auswahlprozedur erst zur emotionalen Achterbahnfahrt und damit fernsehtauglich machen. Die jungen Frauen müssen verschiedene Aufgaben ("Challenges") erledigen, um "Jobs" (Buchungen) oder Preise zu ergattern. In jeder Sendung findet außerdem ein groteskes "Shooting" statt. So werden die Kandidatinnen beispielsweise mit Salatsauce übergossen, oder mit Bikini in eine Eislandschaft gesetzt. Wer's mag.

Ganz nebenbei wird dabei allerdings ein Frauenbild zementiert, das man seit den späten Siebzigern überwunden glaubte. Heidis Mädchen haben zu funktionieren. "Weil der Kunde das so will", heißt es häufiger mal. Der Kunde zahlt, also darf er fordern. Assoziationen zu ähnlich gelagerten Gewerben werden da durchaus billigend in Kauf genommen.

Die Mädchen sind Material, das im familiären Klum-Clan gleich weiterverarbeitet wird. In der Heidi Klum GmbH & Co. KG führt Vater Günther Klum die Geschäfte und vermarktet all jene, die sich aus welchen Gründen auch immer qualifiziert haben, im Klum'schen Kosmos zu bestehen.

Hans, Franz und die Gesetze der Aufmerksamkeitsökonomie

Dass es daran regelmäßig auch Kritik gibt, ist durchaus Teil des Verwertungsgeschäfts. Wenn etwa besorgte Jugendschützer bemängeln, dass durch die in "Germany's next Topmodel" bevorzugten Mädchenmaße die Magersucht von Heranwachsenden befördert werde, nehmen die Macher das durchaus gelassen zur Kenntnis und behaupten, wer so etwas sage, habe nicht genau hingeschaut. Das Prinzip ist klar: Hauptsache, es wird geredet. Im Gegenzug beißt dann Heidi Klum in den nächsten Sendungen häufiger mal in irgendetwas Fettiges und unterfüttert damit die offizielle Verteidigungsstrategie, während sich am eigentlichen Format natürlich nichts ändert.

Offiziell gibt sich Heidi Klum gerne volkstümlich. Auf einem Kölner Karnevalswagen ist sie schon mitgefahren, und im US-Fernsehen hat sie verraten, dass sie ihre Brüste "Hans" und "Franz" nenne. Wie keine andere beherrscht sie das Wechselspiel zwischen mitfühlender Mutter auf der einen Seite und der kalten Kalkulatorin auf der anderen. Stets aber sorgt sie dafür, dass die Grenzen des medial Erlaubten nicht überschritten werden. Aber daran reiben wird man sich wohl noch dürfen!

Dass die Neuauflage des Finales Ende Mai für einen Quotenschub sorgen wird, versteht sich nach den Gesetzen der Aufmerksamkeitsökonomie von selbst. Es könnte den zuletzt arg bröckelnden Quoten ein wenig auf die Beine helfen. Um die 15 Prozent Marktanteil waren in der Zielgruppe der Zuschauer unter 50 Jahren zuletzt noch drin. Das sind zwar gute acht Prozentpunkte weniger als zu Glanzzeiten, aber auf jeden Fall mehr, als Pro Sieben sonst so über den Tag einfährt. Marktwirtschaftlich gesehen, dürfte es Pro Sieben also gar nicht stören, dass auf die Evakuierung ein Shitstorm folgte. Das Motto hier: Wann endlich verschwindet Heidi?

© SZ vom 16.05.2015
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