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GNTM-Shitstorm nach Bombendrohung:Häme nur, wem Häme gebührt

Germany's Next Topmodel - Finale abgebrochen

Finale abgebrochen, Jury schnell evakuiert - und dann brach der Shitstorm los über "Germany's Next Topmodel by Heidi Klum" auf Pro Sieben.

(Foto: dpa)

Dieselbe Häme, die Heidi Klum in "Germany's next Topmodel" auf Pro Sieben nährt, fällt ihr am Tag nach der Bombendrohung auf die Füße. Die Netz-Reaktionen zeigen eine gefährliche Schieflage in der Wahrnehmung potenzieller Anschlagsopfer.

Berlins neue Supertranse "Jurassica Parka" bringt die Reaktionen auf den Punkt: Noch in der Nacht zu Freitag, als die letzten Mädchen vom Parkplatz der SAP-Arena in Mannheim in Sicherheit gebracht werden, postet sie auf ihrer Facebook-Seite ein Video, in dem sie die unerwartete Situation auf dem Parkplatz kommentiert: "Bombendrohung, Bombendrohung!", ruft sie immer wieder mit spöttischem Grinsen. Als ob eine Bombendrohung gegen 8500 Menschen - darunter viele junge Mädchen - weitaus weniger ernstzunehmen wäre als die gegen die gleiche Menge an Fußball- oder Radsportfans.

Natürlich: Es ist kein wahnsinnig ernstzunehmendes Ereignis, wenn eine Sendung wie GNTM Deutschlands nächstes Nicht-Supermodel küren will. Das ist allerdings, wenn man es nüchtern betrachtet, ein Fußballspiel oder ein anderes Sportereignis genauso wenig. Es bewegt die Welt eben in dem Maße, in dem sich Menschen davon bewegen lassen.

Was nun allerdings bewegt, ist der Umgang mit der Bombendrohung, wegen der das Finale am Donnerstagabend nach nur einer Stunde abgebrochen werden musste - und die Reaktionen darauf im Netz.

Gar nicht witzig

"Die erste sinnvolle Bombendrohung der Menschheitsgeschichte!", kommentiert ein Facebook-Nutzer, ein anderer schreibt: "Da stelle ich mir doch jetzt ernsthaft die Frage, was nun schlimmer ist? Die Sendung oder die Bombendrohung?" Und Jurassica Parka mutmaßt in ihrem Video, wahrscheinlich habe Heidi Klum nur "gepupt", oder es seien "die bösen Opfer von Femen" gewesen, "weil sie Heidi hassen".

Noch sind viele Fragen zum Ablauf des Abends offen. Wir wissen aber: Gegen 21 Uhr ist in der Halle eine telefonische Bombendrohung eingegangen, die Sendung wurde abgebrochen, die Halle nach und nach evakuiert. Ein verdächtiger Koffer erwies sich als ungefährlich, die Ermittlungen laufen.

Doch es ist jetzt schon egal, was dabei herauskommen wird - in Bezug auf einen Punkt: Bombendrohungen müssen ernst genommen werden. Egal wen sie betreffen. GNTM-Fans oder die Topmodel-Jury sind nicht weniger wert als jeder andere. Sich aktuell öffentlich über die Maßen darüber lustig zu machen, weil man die Sendung nicht mag, ist überflüssig - und schäbig.

Wer sich darüber allerdings am allerwenigsten wundern sollte, ist Heidi Klum selbst - und die Sendungsverantwortlichen. Germany's Next Topmodel befeuert auf Pro Sieben seit genau zehn Jahren exakt die Häme, die dem Stöckelschuh-Format jetzt auf die Füße fällt.

Mit wechselnder Belegschaft - nur Klum bleibt immer dieselbe, wenn auch über die Jahre in nachlassend strenger Form - werden unablässig junge Mädchen nach ihrem Körper (möglichst dürr), nach ihrem Erscheinungsbild (möglichst glatt), nach ihrem Charakter (gegenüber der Jury möglichst unterwürfig) und nach Showformat-tauglichen Rollen (gegenüber den anderen Kandidatinnen möglichst zickig) geformt, genormt und wieder in die Welt entlassen. Anfangs wurden, wie bei Bohlen und Co. damals auch noch üblich, die Mädchen erniedrigt, gequält und ganz offen verspottet. Inzwischen gibt Klum sich nach viel Kritik zeitgeistgemäß eher mütterlich. Doch die Häme bleibt dieselbe, nur ein bisschen geschickter versteckt.

Zwischen Schönheit und Niedertracht

So wurde in der aktuellen Staffel etwa Kandidatin Darya aus München gleichzeitig über viele Folgen hinweg zur Superzicke aufgebaut, um sie dann am vergangenen Sonntag im Halbfinale von der Jury dafür abstrafen zu lassen. Das Format lebt von der Scheinheiligkeit und von der Ambivalenz aus Schönheit und Niedertracht. Nicht mehr ganz so gut wie am Anfang, aber es lebt. GNTM hat sich diese Häme selbst hart erarbeitet und muss sich nun nicht wundern, dass das Format mit ähnlich strengen Augen betrachtet wird wie die Mädchen von der Jury. "Die hässlichste Fratze des deutschen Fernsehens" nannte die Welt kürzlich die Sendung.

Die Kritik an der Sendung darf allerdings nicht verwechselt werden mit Hass von einer ganz anderen Seite. Und zwar von jenen, die die Sendung bekennenderweise nicht sehen, sich jetzt aber über die Bombendrohung lustig machen. Dieser Shitstorm im Netz wird offenbar vor allem von Männern angetrieben; aus vielen Kommentaren sprechen Neid, Wut und Hass. Neid auf Frauen, die allein auf Grund ihres Aussehens berühmt und bewundert werden, Wut auf ein Geschäft, das sich diesen Umstand, der im Übrigen wiederum oft von Männern befördert wird, zunutze macht, und Hass auf das Fernsehen, das diese Umstände fördert, und damit Millionen bewegt - Zuschauer wie Euros.

Wer die Sendung kennt, weiß, dass sie menschenverachtend ist und dass sie indirekt Essstörungen fördert, indem sie für Millionen junger Mädchen ein extrem genormtes Schönheitsideal propagiert. Damit bringt GNTM einiges mit, was hassenswert ist. Doch nicht wenige im Netz benutzen diese Argumente als Schutzschild, um etwas anderes loszuwerden: Wut über eine Gesellschaft, in der sie sich an allen möglichen Stellen selbst erniedrigt fühlen.

Nicht zuletzt schwingt in der Häme gegenüber Heidi Klum eine unzeitgemäße Kritik mit: Die anachronistische Vorstellung, dass Frauen in der Öffentlichkeit nicht unangenehm auffallen dürfen.

Bombendrohung

So lief die Evakuierung bei Germany's Next Topmodel

Wenigstens gibt es im Auge dieses Shitstorms noch mäßigende Stimmen - und dann doch noch so etwas wie Witz, zum Beispiel diesen Facebook-Eintrag: "Ein Mann mit einer 'Prinz Eisenherz Frisur' klingt sehr gefährlich... Gut dass sie Heidi als erstes aus der Arena geschafft haben... Nicht dass sie ihm sonst noch eine neue Frisur verpasst hätte." Was man abseits der aktuellen Aufregung um eine eventuelle Bombe und abseits aller sehr berechtigten Kritik an diesem Format nämlich auch nicht vergessen sollte: Es ist und bleibt dennoch eine Unterhaltungsshow.