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Gesundheit in den USA:Die Verzweiflung der Kranken ist zu spüren

Die ohnehin schon prekäre Situation dürfte sich für viele Amerikaner durch die geplante Gesundheitsreform der Republikaner weiter verschlimmern. Der unparteiische Kongress-Rechnungshof schätzt, dass mit Trumpcare 22 Millionen US-Bürger bis 2026 ihre Versicherung verlieren werden. Außerdem sieht der Entwurf große Einschnitte bei Medicaid vor. Das Programm versichert 47 Millionen Geringverdiener, Kinder, Alte und Behinderte.

Wer sich durch die Crowdfunding-Profile klickt, spürt die Verzweiflung der Kranken und ihrer Angehörigen. "Bitte helft uns, das Leben unserer kleinen Jenny zu retten! Sie hat Krebs!", schreiben da etwa Eltern über ihre Fünfjährige. "Liz hatte einen Autounfall und liegt seither im Koma", berichtet die beste Freundin einer 20-Jährigen. Oder Teenager-Kinder, die für ihre Mutter sammeln, die an Multipler Sklerose leidet: "Wir wollen unserer geliebten Mama helfen." Die Schicksale geben einen ungefähren Einblick, wie unterversichert Amerika ist.

Digitale Crowdfunding-Plattformen sind ein relativ neues Phänomen, doch schon bevor es das Internet gab, sammelten Amerikaner Geld für ihre hilfsbedürftigen Bekannten. Charity ist tief in der US-Kultur verankert und Wohltätigkeitsaktionen gibt es sehr oft. Wie etwa im Nachbarschaftsrestaurant in New Orleans, das einen Abend lang die Hälfte seines Umsatzes an eine Frau aus dem Viertel spendet, die Schulden wegen ihrer Krebserkrankung hat. Es versteht sich von selbst, dass an einem solchen Abend alle Nachbarn, die die Dame kennen und helfen wollen, in diesem Restaurant einkehren und eine ordentliche Zeche machen.

In einem anderen Fall ist es der Freundeskreis, der ein Benefiz-Konzert organisiert, um Geld für den kranken Kumpel zu sammeln. Oder es ist die Kirchengemeinde, die eine Kuchenaktion für ein bedürftiges Gemeindemitglied veranstaltet. Konservative argumentieren sogar, dass die Hilfe durch Familie, Freundeskreis, religiöse Gruppen und sonstige Communities eine wesentlich bessere Variante darstelle als das öffentliche Gesundheitssystem.

Je größer die Konkurrenz im Kampf um die Aufmerksamkeit potenzieller Spender ist, desto geringer ist auch die Chance, tatsächlich den erforderlichen Betrag zusammenzubekommen. Eine jüngst im Magazin Social Science & Medicine veröffentlichte Studie hat herausgefunden, dass mehr als 90 Prozent der GoFundMe-Aktionen ihr Ziel nicht erreichen. Erfolgreich seien vor allem die Kampagnen, die geschickt sind im Selbstmarketing, erläutern die beiden Autorinnen der Studie, Lauren Berliner und Nora Kenworthy, in einem Beitrag für das Simpson Center for the Humanities der University of Washington in Seattle.

Selbstvermarktung und ein wohlhabender Freundeskreis

Zwingend erforderlich sind demnach: Eine Dokumentation der Leidensgeschichte in Bildern, noch besser im Video. Dazu eine detaillierte Anamnese, mit der der Kranke nachweist, wie schlimm seine Lage wirklich ist. Außerdem sind ein weitreichendes soziales Netzwerk und ein wohlhabender Freundeskreis die Schlüssel zum Erfolg einer Spendenaktion. Manche Krankheiten "funktionieren" außerdem besser als andere. Und das Alter des Patienten spielt ebenso eine entscheidende Rolle.

Dieses Paradigma schaffe für die Patienten einen starken Anreiz, ihre Geschichten auszuschmücken und sensationeller darzustellen, um das Spendenziel zu erreichen, argumentiert der im kanadischen Vancouver lehrende Gesundheitsökonom und Medizinethiker Jeremy Snyder (hier ein kurzer Artikel zu seinen Erkenntnissen, hier der komplette kostenpflichtige Aufsatz). Nur wenn der Fall auffällig genug sei, würden Menschen außerhalb des sozialen Netzwerkes auf die Kampagne aufmerksam.

Seiten wie GoFundMe ermuntern ihre Nutzer ausdrücklich, das Anliegen "authentisch" zu schildern und "aussagekräftige" Bilder zu verwenden. Läuft eine Kampagne gut, freut sich auch GoFundMe. Die Plattform erhält 7,9 Prozent vom Umsatz plus 30 Cent pro Spende als Provision.

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