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Fehlende Selbstliebe:Muster bei seelischen Erkrankungen

Sie sprechen beruflich mit Menschen, die seelisch krank sind, und sind auf Suchtkrankheiten spezialisiert. Gibt es da ein Muster?

Zunächst möchte ich darauf hinweisen, dass Magersucht zwar auch das Wörtchen "Sucht" beinhaltet. Essstörungen und Abhängigkeitserkankungen werden aber in verschiedenen, jeweils spezialisierten Zentren behandelt. Mein Spezialgebiet sind Störungen im Bereich Alkohol und Drogen. Sucht bedeutet immer, dass ich versuche, mir von außen etwas zu holen, was mir im Inneren fehlt. Wir entwickeln Sucht, um Belastungen loszuwerden, Trauer nicht zu spüren oder um einen glücklicheren Zustand herzustellen. Unabhängig davon, ob jemand unter einer Suchterkrankung, Angststörung oder Depression leidet, entdecke ich bei fast allen Patienten fehlende Selbstliebe. Dieses Thema nimmt ja auch bei der jungen Frau viel Raum ein.

Was verstehen Sie unter Selbstliebe?

Selbstliebe bedeutet, eine wohlwollende Beziehung zu sich selbst aufzubauen. Viele Menschen spüren sich kaum. Sie sind in hohem Maße anpassungsfähig, wissen sofort, was ihr Gegenüber möchte, reagieren aber ratlos, wenn sie nach ihren Bedürfnissen gefragt werden. Von außen werden sie als die "Lieben" wahrgenommen, die immer hilfsbereit sind und sich um andere kümmern. Selbstliebe bedeutet, den Blick auf sich selbst zu richten und sich zu fragen, was brauchst du jetzt, was beschäftigt dich, was bewegt dich - und abschließend die Frage: Was kann ich mir Gutes tun?

Aber macht uns das nicht zu Egoisten?

Selbstliebe in sieben Schritten

Tipps von Bodo Unkelbach

1. Zunächst ist es wichtig, uns Zeit und Ruhe zu nehmen, um auf unsere inneren Befindlichkeiten zu hören.

2. Alles, was in uns aufsteigt, nehmen wir bewusst wahr und bewerten es nicht.

3. Wir gehen mit diesen Gedanken und Empfindungen respektvoll um, das heißt, wir erkennen an, dass sie da sind.

4. Wir versuchen weiter, nicht zu bewerten und nehmen alles, was wir in uns finden, bedingungslos als Anteile von uns an.

5. Wenn wir uns mit uns selbst vertraut machen, erkennen wir unseren Wert als Mensch an. Wir entwickeln Selbstwert.

6. Da wir nun über unsere starken und schwachen Seiten immer besser Bescheid wissen, können wir uns vertrauen. Wir sehen unsere Chancen genauso wie unsere Fallstricke. Unser Selbstvertrauen hilft uns, konkrete Veränderungen zu planen.

7. Wir können uns auf uns selbst verlassen, können selbstsicher auftreten. Selbstsicherheit gibt uns die Kraft für Veränderung. Haben wir den Mut aufgebracht, unser Verhalten zu verändern, gehen wir wieder zu Schritt 1 und durchlaufen den Kreislauf erneut.

Bei selbstsicheren Menschen läuft dieser Kreislauf ganz automatisch ab, ohne dass es ihnen bewusst ist. Wenn verunsicherte Menschen diesen Kreislauf einüben, gelingt die Übung mit der Zeit immer leichter und gewinnt an Selbstverständlichkeit.

Egoisten leben auf Kosten von anderen. Sie handeln aus dem Gefühl heraus, nie genug zu haben, und sind nur auf sich bedacht. Der Egoist baut sich eine Welt, in der alle anderen für ihn da zu sein haben, und der das auch einfordert. Allerdings gibt er nichts zurück und saugt seine Mitmenschen aus. Dem Selbstliebenden hingegen ist bewusst, dass er nicht losgelöst von seiner Umwelt existiert. Er achtet auf seine Nächsten - und auf sich selbst. Er weiß, dass er nicht glücklich sein wird, wenn seine Nächsten unglücklich sind.

Man könnte bei Egoismus also auch von Selbstsucht sprechen?

Genau. Manchen Sozialhilfeempfängern gelingt es, mit dem, was sie haben, zufrieden zu sein. Manche gut Verdienende werden ständig von dem Gefühl begleitet, nicht genug zu haben. Viele erfolgreiche Karrieren bauen auf diesem Gefühl auf, ein schier unersättlicher Hunger verlangt nach immer mehr. Irgendwann ist dann die Kraft zu Ende und es folgt ein Burn-out.

Wie kann Hilfe in solchen Fällen aussehen?

Der therapeutische Ansatz besteht darin, zu differenzieren, ob das, dem ich nachjage, das ist, wonach ich mich wirklich sehne. Mit vielen Topverdienern spreche ich nach einiger Zeit über die Frage, wie eigentlich die Beziehung zur Ehefrau aussieht. Dann kommen wir auf Punkte zu sprechen, die uns tief im Inneren antreiben: Wie sieht eine vertrauensvolle Beziehung aus? Wie können wir wieder einen gemeinsamen Raum für Geborgenheit entwickeln? Wie kann es uns gelingen, unsere gemeinsame Zeit zu genießen? Der Mensch ist ein Wesen, das auf funktionierende, belastbare und vertrauensvolle, also liebevolle Beziehungen ausgerichtet ist. Selbstliebe bringt uns an den Punkt, uns wieder auf unsere tiefliegenden Bedürfnisse zu konzentrieren, und nährt damit den Wunsch, unsere Beziehungen zu vertiefen. Geld und Macht sind hierfür häufig nur Ersatzstoffe.