bedeckt München 31°

Altersdemenz und amtliche Betreuung:Ein ganzes Leben in den Müll

Am Anfang stand sehr viel Organisation und Arbeit - die mich mitunter mitten ins Herz traf: Die schöne, liebevoll eingerichtete Wohnung meiner Tante und der längst verstorbenen Großmutter musste aufgelöst werden. Sie war Teil meiner eigenen Kindheit, jedes Stück verbunden mit Erinnerungen. Niemand von uns drei Geschwistern mochte etwas davon haben, keiner von uns hatte Platz dafür, keines unserer Kinder einen Bezug dazu, kein Antiquitätenhändler Interesse daran. Weg also mit all den Sachen, ein ganzes Leben raus in den Müll. Schließlich folgten die Aufgaben, die mir als Betreuerin übertragen worden waren: das Kündigen unsinniger Verträge und das Sichten von Papieren und Sparverträgen.

Hätte ich gewusst, was bei der amtlichen Betreuung - neben dem Aufenthaltsbestimmungsrecht und der Gesundheitsfürsorge - im Bereich Finanzfürsorge auf mich zukommen sollte, wie umfangreich, mühevoll und konfliktträchtig sie sich gestalten würde, hätte ich diese Aufgabe niemals übernommen. So lag es nun an mir, jede einzelne Ausgabe, jede Barabhebung, jede Überweisung, die meine Tante selbsttätig durchführte, nachzuweisen und zu belegen. Denn, so will es das Vormundschaftsgesetz, das alles durfte sie durchaus: Von Amts wegen konnte sie mit ihrem Geld weiterhin anfangen, was immer sie wollte. Doch darzulegen, wo die einzelnen Beträge hinflossen, oblag mir. Das brachte einen sich stetig wiederholenden Konflikt mit sich.

Oft kam ich die 4000 Kilometer angereist, um sie zu besuchen, ihr nah zu sein und mich von ihrem Wohlergehen zu überzeugen. Genauso oft reiste ich jedoch frustriert wieder ab - vor allem dann, wenn es um ihr Konto ging. Sie verstand nicht, dass ich von Amts wegen dazu verpflichtet war, ihre Finanzen genau im Auge zu haben, um am Jahresende eine lückenlose Abrechnung vor dem Amtsgericht abliefern zu können.

Aus dieser "Rechnungslegung", wie es offiziell heißt, sollte hervorgehen, dass kein Geld "unnötig" ausgegeben wird, so dass die weitere Pflege und Begleitung bis zum Lebensende gesichert ist und die Tante nicht irgendwann der Allgemeinheit zur Last fällt. Außerdem soll sie verhindern, dass der Betreuer, also ich, sich unrechtmäßig selbst bereichert. Meine Tante fühlte sich permanent ihrer Selbstbestimmtheit beraubt. Und begegnete der Verursacherin dieser Ungeheuerlichkeit, also mir, mit unverhohlener Feindseligkeit.

Ich hingegen verstand nicht, warum mich dieses Betreuungsgesetz zu einem so unerfüllbaren Unterfangen zwang. Es ist ein Gesetz, das uns auseinandertrieb, mich verbitterte und sie verbiesterte. Ihre Persönlichkeit veränderte sich, sie betrachtete mich als Sündenbock, der sie an der Ausübung ihres Selbstbestimmungsrechtes hinderte. Am meisten kränkte mich, trotz des Wissens um das Wesen der Demenz, dass sie mein Engagement niemals würdigte und meinen guten Willen nicht schätzte.

Die Demenz verhalf ihr zur inneren Ruhe

Drei unerträglich lange Jahre hielt dieses verletzende Misstrauen an. Jeder Besuch ein einziges Ringen: sie um Autonomie, ich um die Erfüllung meiner Pflicht als amtliche Betreuerin. Danach wurde es deutlich ruhiger - auch wenn der Grund dafür bitter war: Die Demenz schritt voran. Doris legte nun eine unerschütterliche innere Ruhe an den Tag, die uns wieder zueinander führte und uns ein harmonisches Miteinander bescherte. Endlich konnten wir all die Dinge tun, die für mich der wahre Sinn und für sie die schöne Seite einer Betreuung waren: ihre Fotoalben anschauen, ihren Reiseerlebnissen nachspüren und die Vergangenheit Revue passieren lassen. Es war ein friedvolles Zusammensein. Alles, was mit Geldausgeben, Finanzen und Abrechnungen zu tun hatte, hatte als Folge ihrer jetzt deutlich fortgeschrittenen Demenz für sie keinerlei Bedeutung mehr.

Wie sehr hätte ich ihr gewünscht, dass sie so hätte weiterleben können, mit sich und der Welt im Reinen. Nur für den Augenblick da sein und diesen still genießend. Leider war es ihr nicht vergönnt. Ein weiterer, schwerer Demenzschub ließ sie wenig später hilflos werden. Sie verstand sich und die Welt nicht mehr, war restlos verloren. Nach langen inneren Kämpfen und mageren Gesprächen mit ihr entschloss ich mich, von meinem Aufenthaltsbestimmungsrecht und meiner Gesundheitsfürsorge Gebrauch zu machen und sie einem Demenzpflegezentrum in unmittelbarer Nähe meiner Wohnung in Göttingen anzuvertrauen.

Mir war bewusst, dass sie ihrer Heimatstadt eng verbunden war, dennoch war die Entscheidung richtig, weil diese Einrichtung speziell auf die Bedürfnisse Demenzerkrankter ausgerichtet war und ich mich direkt vor Ort wesentlich besser einbringen und kümmern konnte. Meine Tante lebte noch eineinhalb behütete Jahre, während derer ich weiterhin alle Entscheidungen für sie traf und sie begleitete.

Ausgerechnet, als es auf das Ende zuging, war ich wieder 4000 Kilometer entfernt. Sofort nach dem Anruf aus dem Pflegeheim buchte ich einen Flug. Auf der Reise war ich ihr so nah, als säße sie neben mir. Als durchlebte ich noch einmal alle Phasen der gemeinsam verbrachten Zeit mit ihr. Als ich nach der Reise im Pflegeheim eintraf, war sie eine halbe Stunde zuvor für immer eingeschlafen.

Jetzt, wo die neun Jahre der Betreuung vorbei sind, habe ich häufig das Gefühl, dass mich diese Zeit kräftemäßig und emotional ebenso viele Lebensjahre gekostet hat. Wie viel lieber hätte ich sie einfach nur begleitet, mich ganz normal um sie gekümmert. Ich stelle mir vor, wie es gewesen wäre, wenn ich keine Entscheidungen hätte treffen müssen und nicht zum Handeln gezwungen gewesen wäre. Ich hätte stets ihr Wohlwollen genossen, nie wegen Banalitäten mit ihr gezankt, niemals Ärger mit der Bank wegen irgendwelcher Sparverträge oder nicht nachvollziehbarer Geldausgaben gehabt.

Noch einmal vor die Frage gestellt, "amtliche Betreuung ja oder nein", würde ich heute ablehnen. Hätte ich mich damals jedoch verweigert, dann hätte ich heute weniger Wissen um meine eigenen Fähigkeiten, um mein Durchhalte-, Durchsetzungs- und Organisationsvermögen. Ich wäre weniger gestärkt und gar nicht einverstanden mit mir selbst. Und: Ich hätte ohne diese neun Jahre diese Liebe zu ihr nicht.

__________________

Daniela Flemming, 63, ist examinierte Altenpflegerin und Lehrerin für Pflegeberufe mit Schwerpunkt "Pflege und Begleitung Demenzerkrankter". Sie hat im Beltz-Verlag drei Ratgeber für pflegende Angehörige verfasst sowie ein Buch über Ihre Erfahrungen mit ihrer Tante geschrieben: "Neun Jahre Doris", erschienen im Conte Verlag.

Überleben

Wir veröffentlichen an dieser Stelle in loser Folge Gesprächsprotokolle unter dem Label "ÜberLeben". Sie handeln von Brüchen, Schicksalen, tiefen Erlebnissen. Menschen erzählen von einschneidenden Erlebnissen. Wieso brechen die einen zusammen, während andere mit schweren Problemen klarkommen? Wie geht Überlebenskunst? Alle Geschichten finden Sie hier. Wenn Sie selbst Ihre erzählen wollen, dann schreiben Sie eine E-Mail an: ueberleben@sz.de

  • ÜberLeben "Tourette hat eben nichts mit 'Arschloch' zu tun"

    Jean-Marc Lorber hat das Tourette-Syndrom. Was er sich auf der Straße deshalb schon anhören musste und warum er ohne obszöne Worte auskommt.

  • Shufan Huo Die Not nach dem Trauma

    Durch Zufall gerät eine junge Ärztin in die Katastrophe auf dem Berliner Breitscheidplatz. Sie hilft sofort, wird selbst aber mit quälenden Gefühlen allein gelassen. Sie ist nicht die Einzige.

  • "Unsere gemeinsame Zeit war einfach vorüber"

    Trennungen tun meistens weh. Doch wie ist das, wenn man älter ist - und sich mit 60 noch einmal völlig neu orientieren muss? Eine Psychotherapeutin berichtet.

© SZ.de/lala/vs/stein/oll

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite