Süddeutsche Zeitung

Altersdemenz und amtliche Betreuung:"Ohne diese neun Jahre hätte ich die Liebe nicht"

Daniela Flemming hat ihre demenzkranke Tante als amtlich bestellte Betreuerin bis in den Tod begleitet. Über die Widrigkeiten einer Aufgabe, die die Autorin an ihre Grenzen führte.

"Die Hausmeisterin von Tante Doris hat eben hier angerufen", sagte meine Schwester aufgeregt am Telefon. "Mit unserer Tante wird es immer schwieriger. Einer muss sich kümmern!" Dieser Anruf sollte mein Leben für die nächsten neun Jahre verändern. Neun Jahre, die zu einer Achterbahnfahrt wurden, bei der sich Momente der Nähe und des Triumphs über Hindernisse mit Anfällen tiefer Verzweiflung abwechselten.

Unsere Familie war klein geworden. Aus der älteren Generation gab es nur noch diese unverheiratete, kinderlose Tante, die damals 83 Jahre alt war. Doris Seck war einst Journalistin bei der Saarbrücker Zeitung; eine belesene, beliebte Frau, die - nachdem ihre Mutter, mit der sie seit Kriegsende zusammengelebt hatte, gestorben war - allein in einer schönen, großen Wohnung lebte. Die einzigen Verwandten waren wir zwei Schwestern und unser Bruder. Wir lebten alle nicht in ihrer unmittelbaren Nähe, aber wir telefonierten regelmäßig mit unserer Tante. Stets behauptete sie am Telefon, sie komme wunderbar allein zurecht, gehe einkaufen, koche sich jeden Tag etwas zu Mittag, treffe Menschen, nehme am Leben teil. Kurz und gut: Sie tat alles, um mich und meine Geschwister in der Überzeugung zu lassen, alles sei in schönster Ordnung.

Die Serie "ÜberLeben"

Wir veröffentlichen an dieser Stelle in loser Folge Gesprächsprotokolle unter dem Label "ÜberLeben". Sie handeln von Brüchen, Schicksalen und wie Menschen aus Krisen wieder herausfinden. Alle Geschichten finden Sie hier. Wenn Sie selbst Ihre erzählen wollen, dann schreiben Sie eine E-Mail an: ueberleben@sz.de.

Natürlich wussten wir, dass es problematisch geworden war mit ihr. Dass ihre Vergesslichkeit zugenommen und ihre Zerstreutheit zuweilen selbstgefährdende Ausmaße angenommen hatte. Doch allzu gerne glaubten wir ihren Versicherungen, sie ziehe ganz bestimmt ins nahegelegene Altenwohnstift, sobald es "nicht mehr geht".

Ab wann geht es nicht mehr? Bei meinem nächsten Besuch fand ich: ab sofort. Doch meine Tante war anderer Meinung. Dass sie nichts im Kühlschrank hatte, abgemagert war, ihre Garderobe müffelte und sie selbstversunken durch die Gegend segelte, das alles nahm sie selbst nicht mehr wahr.

Mir blieb zunächst nichts übrig, als unverrichteter Dinge wieder abzureisen. Meine Tante lebte in Saarbrücken, etwa 400 Kilometer von meinem Wohnort Göttingen entfernt. Doch einen Teil des Jahres verbringe ich bei meinem Lebenspartner auf einer etwa 4000 Kilometer entfernten kleinen Kanareninsel, wo wir einen zweiten Wohnsitz haben. Dort war ich auch, als zwei Wochen nach meinem letzten Besuch ein Anruf aus dem Krankenhaus kam: Meine Tante sei gestürzt, habe sich den Fuß gebrochen und könne unmöglich weiterhin alleine zu Hause leben.

Als sie im Altenwohnstift einzog, blühte sie auf

War jetzt der Zeitpunkt für ihren Umzug ins Altenwohnstift? Freiwillig wollte sie jedenfalls nicht gehen, es brauchte ärztliches Zureden. Und einen amtlich bestellten Betreuer, denn tragfähige Entscheidungen, die ihrer eigenen Sicherheit dienten, konnte sie selber nicht mehr treffen. Dafür kam nach Meinung der beiden Geschwister und der zuständigen Sozialarbeiterin niemand anderes in Frage als ich. Als Altenpflegerin und Lehrerin für Altenpflege, als Buchautorin, die gerade einen Ratgeber zu allen Fragen der Demenzerkrankung, der Begleitung und Betreuung Betroffener veröffentlicht hatte, schien ich ihnen am besten geeignet.

Ich willigte ein, nicht wissend, wie umfangreich die Aufgabe sein würde, die mir bevorstand. Meine Tante, die sehr wohl verstand, dass sie jetzt tatsächlich umziehen sollte, war von der neuen Situation genauso wenig begeistert wie ich. Doch als sie endlich im Altenwohnstift eingezogen war und sich eingelebt hatte, blühte sie auf und alles war gut. Für sie. Für mich jedoch, die ich mit der Übernahme der amtlichen Betreuung die volle Verantwortung für das Leben eines anderen Menschen übernommen hatte, fingen damit die Probleme erst an.

Ein ganzes Leben in den Müll

Am Anfang stand sehr viel Organisation und Arbeit - die mich mitunter mitten ins Herz traf: Die schöne, liebevoll eingerichtete Wohnung meiner Tante und der längst verstorbenen Großmutter musste aufgelöst werden. Sie war Teil meiner eigenen Kindheit, jedes Stück verbunden mit Erinnerungen. Niemand von uns drei Geschwistern mochte etwas davon haben, keiner von uns hatte Platz dafür, keines unserer Kinder einen Bezug dazu, kein Antiquitätenhändler Interesse daran. Weg also mit all den Sachen, ein ganzes Leben raus in den Müll. Schließlich folgten die Aufgaben, die mir als Betreuerin übertragen worden waren: das Kündigen unsinniger Verträge und das Sichten von Papieren und Sparverträgen.

Hätte ich gewusst, was bei der amtlichen Betreuung - neben dem Aufenthaltsbestimmungsrecht und der Gesundheitsfürsorge - im Bereich Finanzfürsorge auf mich zukommen sollte, wie umfangreich, mühevoll und konfliktträchtig sie sich gestalten würde, hätte ich diese Aufgabe niemals übernommen. So lag es nun an mir, jede einzelne Ausgabe, jede Barabhebung, jede Überweisung, die meine Tante selbsttätig durchführte, nachzuweisen und zu belegen. Denn, so will es das Vormundschaftsgesetz, das alles durfte sie durchaus: Von Amts wegen konnte sie mit ihrem Geld weiterhin anfangen, was immer sie wollte. Doch darzulegen, wo die einzelnen Beträge hinflossen, oblag mir. Das brachte einen sich stetig wiederholenden Konflikt mit sich.

Oft kam ich die 4000 Kilometer angereist, um sie zu besuchen, ihr nah zu sein und mich von ihrem Wohlergehen zu überzeugen. Genauso oft reiste ich jedoch frustriert wieder ab - vor allem dann, wenn es um ihr Konto ging. Sie verstand nicht, dass ich von Amts wegen dazu verpflichtet war, ihre Finanzen genau im Auge zu haben, um am Jahresende eine lückenlose Abrechnung vor dem Amtsgericht abliefern zu können.

Aus dieser "Rechnungslegung", wie es offiziell heißt, sollte hervorgehen, dass kein Geld "unnötig" ausgegeben wird, so dass die weitere Pflege und Begleitung bis zum Lebensende gesichert ist und die Tante nicht irgendwann der Allgemeinheit zur Last fällt. Außerdem soll sie verhindern, dass der Betreuer, also ich, sich unrechtmäßig selbst bereichert. Meine Tante fühlte sich permanent ihrer Selbstbestimmtheit beraubt. Und begegnete der Verursacherin dieser Ungeheuerlichkeit, also mir, mit unverhohlener Feindseligkeit.

Ich hingegen verstand nicht, warum mich dieses Betreuungsgesetz zu einem so unerfüllbaren Unterfangen zwang. Es ist ein Gesetz, das uns auseinandertrieb, mich verbitterte und sie verbiesterte. Ihre Persönlichkeit veränderte sich, sie betrachtete mich als Sündenbock, der sie an der Ausübung ihres Selbstbestimmungsrechtes hinderte. Am meisten kränkte mich, trotz des Wissens um das Wesen der Demenz, dass sie mein Engagement niemals würdigte und meinen guten Willen nicht schätzte.

Die Demenz verhalf ihr zur inneren Ruhe

Drei unerträglich lange Jahre hielt dieses verletzende Misstrauen an. Jeder Besuch ein einziges Ringen: sie um Autonomie, ich um die Erfüllung meiner Pflicht als amtliche Betreuerin. Danach wurde es deutlich ruhiger - auch wenn der Grund dafür bitter war: Die Demenz schritt voran. Doris legte nun eine unerschütterliche innere Ruhe an den Tag, die uns wieder zueinander führte und uns ein harmonisches Miteinander bescherte. Endlich konnten wir all die Dinge tun, die für mich der wahre Sinn und für sie die schöne Seite einer Betreuung waren: ihre Fotoalben anschauen, ihren Reiseerlebnissen nachspüren und die Vergangenheit Revue passieren lassen. Es war ein friedvolles Zusammensein. Alles, was mit Geldausgeben, Finanzen und Abrechnungen zu tun hatte, hatte als Folge ihrer jetzt deutlich fortgeschrittenen Demenz für sie keinerlei Bedeutung mehr.

Wie sehr hätte ich ihr gewünscht, dass sie so hätte weiterleben können, mit sich und der Welt im Reinen. Nur für den Augenblick da sein und diesen still genießend. Leider war es ihr nicht vergönnt. Ein weiterer, schwerer Demenzschub ließ sie wenig später hilflos werden. Sie verstand sich und die Welt nicht mehr, war restlos verloren. Nach langen inneren Kämpfen und mageren Gesprächen mit ihr entschloss ich mich, von meinem Aufenthaltsbestimmungsrecht und meiner Gesundheitsfürsorge Gebrauch zu machen und sie einem Demenzpflegezentrum in unmittelbarer Nähe meiner Wohnung in Göttingen anzuvertrauen.

Mir war bewusst, dass sie ihrer Heimatstadt eng verbunden war, dennoch war die Entscheidung richtig, weil diese Einrichtung speziell auf die Bedürfnisse Demenzerkrankter ausgerichtet war und ich mich direkt vor Ort wesentlich besser einbringen und kümmern konnte. Meine Tante lebte noch eineinhalb behütete Jahre, während derer ich weiterhin alle Entscheidungen für sie traf und sie begleitete.

Ausgerechnet, als es auf das Ende zuging, war ich wieder 4000 Kilometer entfernt. Sofort nach dem Anruf aus dem Pflegeheim buchte ich einen Flug. Auf der Reise war ich ihr so nah, als säße sie neben mir. Als durchlebte ich noch einmal alle Phasen der gemeinsam verbrachten Zeit mit ihr. Als ich nach der Reise im Pflegeheim eintraf, war sie eine halbe Stunde zuvor für immer eingeschlafen.

Jetzt, wo die neun Jahre der Betreuung vorbei sind, habe ich häufig das Gefühl, dass mich diese Zeit kräftemäßig und emotional ebenso viele Lebensjahre gekostet hat. Wie viel lieber hätte ich sie einfach nur begleitet, mich ganz normal um sie gekümmert. Ich stelle mir vor, wie es gewesen wäre, wenn ich keine Entscheidungen hätte treffen müssen und nicht zum Handeln gezwungen gewesen wäre. Ich hätte stets ihr Wohlwollen genossen, nie wegen Banalitäten mit ihr gezankt, niemals Ärger mit der Bank wegen irgendwelcher Sparverträge oder nicht nachvollziehbarer Geldausgaben gehabt.

Noch einmal vor die Frage gestellt, "amtliche Betreuung ja oder nein", würde ich heute ablehnen. Hätte ich mich damals jedoch verweigert, dann hätte ich heute weniger Wissen um meine eigenen Fähigkeiten, um mein Durchhalte-, Durchsetzungs- und Organisationsvermögen. Ich wäre weniger gestärkt und gar nicht einverstanden mit mir selbst. Und: Ich hätte ohne diese neun Jahre diese Liebe zu ihr nicht.

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Daniela Flemming, 63, ist examinierte Altenpflegerin und Lehrerin für Pflegeberufe mit Schwerpunkt "Pflege und Begleitung Demenzerkrankter". Sie hat im Beltz-Verlag drei Ratgeber für pflegende Angehörige verfasst sowie ein Buch über Ihre Erfahrungen mit ihrer Tante geschrieben: "Neun Jahre Doris", erschienen im Conte Verlag.

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