NS-Zwangsarbeiter:"Brot war ihm heilig"

Lesezeit: 2 min

NS-Zwangsarbeiter: Ein Foto von Giuseppe de Giovanni, gehalten von Sohn Franco.

Ein Foto von Giuseppe de Giovanni, gehalten von Sohn Franco.

(Foto: Alessandra Schellnegger/Alessandra Schellnegger)

Das spätere Leben vieler ehemaliger Zwangsarbeiter aus der NS-Zeit eint, dass sie wenig erzählten. Doch was wissen die Nachfahren? Zu Besuch bei Familie de Giovanni.

Von Alex Rühle

Die Geschichte von Giuseppe de Giovanni (* 15.06.1922 in Lu, Monferrato, + 25.01.1991 in Conzano). Erzählt von seinem Sohn Franco de Giovanni:

"Ein Deutscher hat mal zu mir gesagt, das Piemont sei das Preußen Italiens. Wir kommen aus Pinerolo, hinter Turin. Meine Urgroßväter haben mitgekämpft bei der Einigung Italiens, mein Großvater war im Libyenkrieg, mein Vater wurde 1942 eingezogen. Am 8. September 1943 wurde seine Einheit völlig alleingelassen, die Offiziere sind alle abgehauen, und die Soldaten wurden in Viehwaggons von Montenegro nach Königsberg deportiert. Kein Essen, viele sind unterwegs gestorben. Dort musste er Schiffe entladen.

Irgendwann wurde er nach München deportiert, vielleicht weil die Russen Richtung Königsberg vorrückten. In Neuaubing hat er dann Zugwaggons ausgebessert. Die Deutschen waren sehr streng und sehr gut organisiert. Das Einzige, was es gab, waren Hunger, Kälte und Läuse. Sonntags wurden die Zwangsarbeiter oft für irgendwelche Arbeiten ausgeliehen. Mein Vater musste ein Mädchen aufs Land bringen, zu Verwandten eines Lagerchefs, weil München immer häufiger bombardiert wurde. Er hat von den Bauern was zu Essen gekriegt, Brot, Butter, Marmelade. Das hat er aufgehoben, um es abends im Lager mit seinem Freund zu teilen. Als derselbe Freund auch zu diesen Leuten aufs Land rausmusste, hat er dort ebenfalls zu essen bekommen, aber alles allein aufgegessen. Ab dem Tag wurde mein Vater den Menschen gegenüber misstrauisch. Und hat auch mich immer gewarnt: Pass auf mit Freunden!

NS-Zwangsarbeiter: Geht oft in einen Park zum Gedenken an die Eltern: Franco de Giovanni.

Geht oft in einen Park zum Gedenken an die Eltern: Franco de Giovanni.

(Foto: Alessandra Schellnegger/Alessandra Schellnegger)

Die Kälte und der Hunger in Neuaubing haben ihn sehr geprägt, er hat später im Winter immer alle Ritzen und Löcher zugestopft und den Holzofen eingeheizt, bis er glühte. Brot war ihm heilig. Er hat noch versucht, Invaliditätsrente zu bekommen, weil er sich in Deutschland Tuberkulose geholt hat. Der italienische Staat wollte einen eindeutigen Nachweis, dass das TBC aus Kriegszeiten kommt. Die endgültige Antwort der Behörden kam über 30 Jahre nach der ersten Anfrage, da war mein Vater längst tot: Er hat hier in Casale Monferrato bei Eternit gearbeitet und ist an Lungenkrebs gestorben, wegen des Asbests, wie so viele. Meine Mutter ebenfalls, bei ihr waren es die giftigen Lacke. Wo früher die Fabrik stand, ist heute ein Gedenkpark, da geh ich oft hin, um an die beiden zu denken.

Mein Vater sprach oft davon, dass er nochmal nach Neuaubing will. Ich hatte nie Zeit - glaubte ich zumindest. Der einzige Trost war ihm diese Urkunde: 'Attestato Volontario della Libertà'. Er hat diese Schlüsselszene erlebt, die so viele erzählen. Ein Kasernenhof, ein gedeckter Tisch, wer sich für Mussolini und die Republik von Salò verpflichtet, bekommt zu essen, wer sich verweigert, muss in den Zug nach Deutschland. Er hat sich verweigert."

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