NS-Zwangsarbeiter: "Natürlich hat er Entschädigungsanträge gestellt"

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NS-Zwangsarbeiter: Ein Bild von Gino de Zolt, gehalten von Tochter Fabia.

Ein Bild von Gino de Zolt, gehalten von Tochter Fabia.

(Foto: Alessandra Schellnegger/Alessandra Schellnegger)

Das spätere Leben vieler ehemaliger Zwangsarbeiter aus der NS-Zeit eint, dass sie wenig erzählten. Doch was wissen die Nachfahren? Zu Besuch bei Familie de Zolt.

Von Alex Rühle

Die Geschichte von Gino de Zolt (*12. 07. 1924 in Santo Stefano di Cadore, + 05.12. 2020 ebendort), erzählt von seiner Tochter Fabia de Zolt:

"Es gibt ein italienisches Sprichwort, 'fare le ale alle farfalle', den Schmetterlingen Flügel machen, für Leute, die handwerklich sehr begabt sind. Mein Vater konnte alles, er hat dieses Haus allein gebaut.

Er hat mir nie etwas erzählt, ich habe erst 2017 erfahren, was er erlebt hat, als eine Historikerin zu einem Interview vorbeikam. Da saß ich hier am Ofen und hab heimlich mitgeschrieben. Als ich ihm am nächsten Tag dazu Fragen gestellt habe, ging es ihm sehr schlecht. Er sagte, er sei 'tot' von dem Interview und wolle nie wieder darüber reden. Selbst mit seinem Bruder, der ja ganz Ähnliches erlebt haben muss - kein Wort über die Zeit in Deutschland. Natürlich hat er Entschädigungsanträge gestellt, aber da kamen nur Büroschreiben zurück, ,leider gibt es für Sie nichts'. Selbst darüber hat er nicht gesprochen.

NS-Zwangsarbeiter: Vor dem vom Vater gebauten Haus: Fabia de Zolt.

Vor dem vom Vater gebauten Haus: Fabia de Zolt.

(Foto: Alessandra Schellnegger/Alessandra Schellnegger)

Ich weiß also nur Dinge aus unserem Dorf: Meine Schwester wurde manchmal zu Fuß von hier oben mit Essenspaketen nach Bozen runtergeschickt, die seine Eltern für ihn gepackt haben. Das kam alles nur in Krümeln in Deutschland an, wenn überhaupt. Als er im Juni '45 zu Fuß wieder hier ankam, wog er noch 43 Kilo. Das ganze Dorf war zu seiner Begrüßung auf den Beinen - aber dann hat er erfahren, dass sein Vater tot war. Die Partisanen hatten im Krieg Bäume auf die Straße gelegt und mit Sprengfallen ausgestattet. Die Deutschen haben dann Italiener aus den Dörfern gezwungen, diese Bäume wegzuräumen. Einer davon war mein Großvater, der bei der Räumung von einer explodierenden Bombe getötet wurde.

Mein Vater hat dann jahrzehntelang in Cortina d'Ampezzo als Zimmermann gearbeitet. Er war bis zuletzt topfit. Er hat noch kurz vor seinem Tod aus Tausenden von Streichhölzern diese Kirche gebastelt und hat sich lustig gemacht über mich, wenn ich fürs Einkaufen einen Zettel brauchte. Und dann ist er im Frühjahr 2020 ganz schnell an Corona gestorben."

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