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Was ist Heimat?:Das war jetzt also auch "Dunkeldeutschland"

Dabei war das Dorf meiner Eltern immer mein Rückzugsort gewesen. Im Sommer saß ich unter dem Kirschbaum, las ein Buch oder schaute. Einfach so, Stundenlang. Mit der Bundestagswahl verlor auch dieser Ort seine Unschuld. 40 Prozent erreichte die AfD in der Gemeinde. Ich musste nach Hause, um von dort zu berichten. Mit dem Leihwagen fuhr ich die Straße hinunter, die zum Haus meiner Eltern führt. Die Felder, die Wälder, der 800 Jahre alte Baum auf dem Dorfplatz - das war jetzt also auch "Dunkeldeutschland", "Kaltland".

Ich zweifelte an meiner Entscheidung, wieder zurückkommen zu wollen. Doch bei meinen Recherchen hatte ich immer wieder Menschen getroffen, die wie ich wütend und enttäuscht sind, die zwischen dem "Wir" und dem "Die" stehen. Zu gut kann ich mich an eine Bürgermeistern erinnern, in deren Gemeinde Rechtspopulisten und Rechtsextreme gemeinsame Sache machen. Weil sie sich klar dagegen positioniert hatte, wurde sie gemieden, sogar bedroht. "Ich will nur noch hinschmeißen", sagte sie mir. Und blieb.

Auch ich will Sachsen nicht aufgeben

Nach der Bundestagswahl besuchte ich eine Bekannte meiner Eltern. Sie war tief getroffen von den Wahlergebnissen. Vor ihr lag die Zeitung. Die erste Seite des Lokalteils zeigte das Foto von Frauke Petry, die damals ein Direktmandat für die AfD gewonnen hatte. Ein paar Seiten weiter, das Foto meiner Bekannten. Für ihr Engagement für Flüchtlinge war sie als "Botschafterin der Wärme" ausgezeichnet worden. Wir legten beide Bilder nebeneinander. Besser hätte man die Zerrissenheit meiner Heimat nicht darstellen können. Ich fragte, ob, sie jemals darüber nachgedacht hat, weg zu ziehen? "Nein, das ist doch meine Heimat hier, die gebe ich nicht auf."

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Auch ich will Sachsen nicht aufgeben - und bin zurückgekehrt. Ich lebe jetzt in Leipzig. Auch ein Ort zwischen "Wir" und "Die": Bei der Bundestagswahl wählten viele in der Stadt SPD und Linke. Auf den Wahlkarten war Leipzig ein kleiner roter Fleck inmitten der schwarzen und blauen Flächen. Ein Rechtspopulist sprach vor kurzem vom "roten Stachel", den es auszureißen gilt. In der Tram hörte ich ein paar Tage später die Bewerde eines Ehepaars, dass es in Leipzig so viele Ausländer gebe. Es kam aus Dresden.

Doch auch in Leipzig deutet sich der Riss an. Eine Freundin, die gerade aus München hergezogen ist, schreibt mir regelmäßig Nachrichten wie diese: "Im Waschsalon sitzt ein Typ. Dem hängt sein Schlüsselband aus der Hose, wo draufsteht 'Nationalisten - Deutschland schützen'." Vor kurzem erzählte sie mir, dass ihre Kollegin abends nicht mehr raus gehe, weil sie Angst vor den "maximal Pigmentierten" habe.

Ich war schockiert

Ich liebe meine Heimat. Und ich hasse sie. Die Zerrissenheit wird für immer bleiben. Etwa zu Weihnachten, als ich wieder auf das Haus meiner Eltern zufuhr, vorbei an dem 800 Jahre alten Baum auf dem Dorfplatz. Unser Hof war behängt mit Sternen aus Hernnhut. Drinnen roch es nach Räucherkerzen, die Pyramide aus dem Erzgebirge drehte sich. "Kaltland" war weit weg. Dann sagte mir mein Vater, dass ein syrischer Bekannter in Dresden von Rassisten zusammengeschlagen worden war.

Er erzählte es so, als handle es sich lediglich um eine Kneipenschlägerei: "Du weißt doch wie das ist: Ein Wort gibt das andere." Ich war schockiert, verstand nicht warum mein Vater das mit so gleichgültiger Stimme sagte. Ich redete auf ihn ein, erklärte ihm, wie krass ich das finde. Er schaute mich mit großen Augen an, als schien er zu verstehen, dass ein solcher Übergriff keinesfalls normal sein sollte. In diesem Moment wurde mir klar, dass ich durchaus gebraucht werde. Und sei es nur in meiner Familie. Als jemand der diskutiert und widerspricht. Das ist meine Aufgabe. Ich bin motiviert. Noch.

Lese-Tipp: Christian Gesellmann kommt aus Zwickau und fragt sich: "Auf was kann man eher verzichten? Aufs Weggehen oder aufs Wiederkommen?" Ein trauriger und nachdenklicher Text.

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