Demokratie:Intellektuelle missverstehen den neuen Populismus

Digital Life Design DLD Campus 2019 im Audimax der Universität Bayreuth Vortrag Weltgeist im Silico

Intellektuelle haben sich in eine Sackgasse manövriert: Hans Ulrich Gumbrecht, von der Stanford University.

(Foto: Peter Kolb/imago images)

Sind Trump, Bolsonaro und die AfD eine Wiederkehr des Faschismus? Nein, sagt der Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht.

Gastbeitrag von Hans Ulrich Gumbrecht

Im Herbst 1940 bat der britische Radiosender BBC den deutschen Literaturnobelpreisträger Thomas Mann, in seinem kalifornischen Exil kurze Radiovorträge zu verfassen, die nach Nazi-Deutschland gesendet wurden. 55 Ansprachen verfasste Mann bis Kriegsende. Der Trägerverein der Begegnungsstätte Thomas Mann House in Los Angeles hat die Idee der Radioansprachen wieder aufgenommen und veranstaltet die Reihe "55 Voices" mit Ansprachen für die Demokratie, die die SZ abdruckt und der Deutschlandfunk sendet.

Hans Ulrich Gumbrecht ist Literaturwissenschaftler und Professor Emeritus an der Stanford University in Kalifornien.

Der Reihe kurzer Ansprachen, die Thomas Mann an seinem Schreibtisch im kalifornischen Pacific Palisades zwischen 1940 und 1945 für "Deutsche Hörer!" aufnahm, kommt ein monumentaler Rang in der Kulturgeschichte zu. Denn sie dokumentiert, wie der Literatur-Nobelpreisträger, nachdem er die politische Szene mit der bewusst paradoxen Selbstdarstellung eines "Unpolitischen" betreten hatte, nun jene zentrale Rolle verkörperte, die Emile Zola über vierzig Jahre vorher für die westlichen Intellektuellen erfunden hatte - mit seinem berühmten Manifest "J'accuse" zur Verteidigung des jüdischen Offiziers Alfred Dreyfus. Wider Erwarten bewirkte Zolas Intervention, die zunächst selbst seitens der französischen Justiz einen äußerst aggressiven Rückschlag ausgelöst hatte, am Ende den Umschwung der öffentlichen Meinung zugunsten von Dreyfus. Thomas Manns Reden hingegen haben aus offensichtlichen Gründen im nationalsozialistischen Deutschland nur sehr wenige Hörer erreicht und waren so nicht imstande, einen wirklichen Beitrag zur Niederlage des Hitler-Regimes zu leisten. Ihre in der Tat monumentale Bedeutung erlangten sie als Beleg dafür, dass es unter den in Deutschland Geborenen während der Jahre 1933 bis 1945 Fälle des kritischen Widerstands gab. Außerdem hat die Tatsache, dass Thomas Mann der deutschen Bevölkerung eine Kollektivschuld für die Verbrechen jener Jahre zuwies, ihn nicht nur von einer persönlichen Aussöhnung mit der Nation, der er entstammte, abgehalten, sondern wurde zu einer heilsamen Provokation, als sich Deutschland in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf den Weg machte, zu einer funktionierenden demokratischen Gesellschaft zu werden.

Populisten haben Frustration und Ressentiment in Wähler-Zulauf kanalisiert

In jüngerer Zeit freilich könnte dieses Vermächtnis auch eine problematische Wirkung gezeitigt haben. Wenn Thomas Mann ausschließlich im Faschismus eine Gefahr für die parlamentarische Demokratie als anzustrebende politische Form und für die Gleichheit als Voraussetzung wahrer Menschlichkeit sah, so mag diese enge Perspektive spätere Beobachter ermutigt haben, dasselbe Konzept allzu umstandslos zur Analyse aller möglichen als problematisch erachteten politischen Phänomene zu verwenden - mit dem Ergebnis einer immer weiter anwachsenden Ungenauigkeit. Denn schließlich war Faschismus, wie Mann herauszustellen nicht müde wurde, eine geschichtlich durchaus spezifische und dabei in hohem Maße kohärente Ideologie. Seit ihrer Erfindung im Italien der Jahre nach dem Ersten Weltkrieg beruhte sie auf der Grundannahme einer angeborenen substantiellen Überlegenheit, deren Berufung zur Herrschaft durch in der Vergangenheit erlittene Akte des Verrats verloren gegangen waren. Von dieser Verkehrung einer angeblich natürlichen Hierarchie sollten sich Nationen wie Italien oder Deutschland durch die Unterwerfung der Verräter erlösen. Dies etwa war der Inhalt der sogenannten "Dolchstoßlegende." Eben diese Konvergenz von biologischem Rassismus als der Matrix für Ansprüche nationaler Überlegenheit mit einer säkularisierten Version des mythisch-religiösen Narrativs von der Erlösung wirkte besonders verführerisch in solchen Gesellschaften, die sich, wie eben Italien und Deutschland, in ihrem Nationalstolz durch die weltpolitischen Entwicklungen nach 1918 gedemütigt fühlten.

Zweifellos zeigt ein neuer Stil politischer Praxis und Rhetorik, der nicht nur in den Vereinigten Staaten während der letzten zwei Jahrzehnte Auftrieb bekommen hat und vor dem die meisten Mainstream-Medien, mit Unterstützung der Intellektuellen, als einer "Neuen Rechten" warnen, gewisse Überschneidungen mit dem historischen Syndrom des Faschismus. Donald Trump, Jair Bolsonaro oder die "Alternative für Deutschland" (AfD) haben es geschafft, Gefühle von Frustration und Ressentiment in einen erstaunlichen Wähler-Zulauf zu kanalisieren, indem sie eine Rückkehr zu vager nationaler Glorie in Aussicht stellen. Doch abgesehen von gelegentlichen Momenten eines Recyclings solch diskursiver Versatzstücke kann ich in diesem politischen Stil der Gegenwart keinen systematischen Gebrauch von rassistischen Diskriminierungen und Hierarchisierungen erkennen, wie er für Faschismen essentiell gewesen ist.

Demokratie: Im Exil: Thomas Mann und seine Frau Katia mi zwei Enkelkindern im Garten ihres Hauses in den Pacific Palisades.

Im Exil: Thomas Mann und seine Frau Katia mi zwei Enkelkindern im Garten ihres Hauses in den Pacific Palisades.

(Foto: AP)

Obwohl sich die wirtschaftliche und rechtliche Situation vieler Afroamerikaner in den letzten vier Jahren wohl verschlechtert hat, halte ich es für einen gefährlichen Irrtum, wenn man heute eine systematische Verbindung zwischen Trumps "MAGA"-Losung und einer ideologischen Reaktivierung des traditionellen Rassismus ausmachen will. Eher sollten wir Intellektuelle ernsthaft zu verstehen suchen, wie es Donald Trump geschafft hat, bei den Wahlen des vergangenen Novembers Stimmen zu gewinnen, ohne seinen Anhängern irgendeinen für sie wirklich zählenden Wandel geboten zu haben. Und dies mit einer Rhetorik, der in krassem Kontrast zu jeder Art von Faschismus jeder spezifische Inhalt abgeht.

Wir Intellektuellen müssen so etwas wie "riskantes Denken" lernen

Eine erste Antwort darauf mag sein, dass Trump als politische Figur, ob zufällig oder als Ergebnis einer ebenso unsichtbaren wie raffinierten Strategie, eine tiefgehende Krise der politischen Repräsentation als Kernstruktur der parlamentarischen Demokratie zu seinem Vorteil nutzte. Denn nicht etwa das Verlangen, einen verlorenen Status der Überlegenheit wiederzugewinnen, scheint der bestimmende gemeinsame Nenner all unserer Mitbürger zu sein, die ihm ihre Stimme gegeben haben, sondern das Gefühl, dass die Vereinigten Staaten von einer akademisch gebildeten politischen Klasse geführt werden, die, statt sich um ihre Anliegen ernsthaft zu kümmern, prinzipiell und arrogant auf sie herabsieht. Und je drastischer sich Politiker im Stil Trumps von diesem Image einer abgehobenen Elite (dem übrigens niemand mehr entspricht als der von mir hochgeschätzte und bewunderte Barack Obama) absetzen, desto besser kommen sie an - und umso rücksichtsloser können sie ihre eigenen, oft klar klassen-spezifischen Interessen durchsetzen.

Diejenigen aber, welche die neue politische Affinität erfolgreich verkörpern, von oben herab als "faschistisch" zu etikettieren, verkennen nicht nur die reale politische Dynamik, sondern machen die Erfahrung auf einer nicht privilegierten Seite der Gesellschaft, abgehängt zu sein und sogar verachtet zu werden, nur umso gravierender. Was von uns Intellektuellen daher zu fordern ist läuft darauf hinaus, herauszufinden, wie wir uns in eine solche Situation manövriert haben und was tun können, um das Vertrauen in die politische Repräsentation durch demokratische Politik wieder zu stärken.

Die gegenwärtige Öffentlichkeit in diesem brandgefährlichen Frühstadium ihrer Implosion krankt nicht nur an einer tief empfundenen Entfremdung großer Teile der Bevölkerung, zu der wir Intellektuelle beigetragen haben, sondern zeigt auch, entgegen den viel zu optimistischen Erwartungen der letzten dreißig Jahre, dass die neuen, von der elektronischen Technologie bereitgestellten Kommunikationsformen keinesfalls eine bessere Partizipation am politischen Prozess zustande gebracht. Vielmehr haben sie ein Klima kalter Distanzierung und Isolierung weiter verstärkt, wenn nicht schon definitiv etabliert. Wer je die Illusion hatte, bei Trump Ansätze für die Rückkehr zur authentischen Demokratie zu finden, dem muss seine Untergrabung des Vertrauens in den Prozess der Wahl korrigiert haben. Und doch war er - das muss man ihm lassen - manchen jener Politiker, die glauben, sie verkörperten die gute alte Tradition der Demokratie, einen Schritt voraus; denn mehr als seine Gegner war Trump nah bei jener Anhängerschaft, welche die demokratische Partei an ihn verloren hatte. Der einzig mögliche Weg, um die brüchig gewordene Architektur der Repräsentation wieder aufzurichten, führt über das Eingeständnis, das wir keine offenkundigen oder einfachen Lösungen zur Hand haben.

Anstatt auf der Bewahrung altbewährter Mechanismen zu bestehen, die in der veränderten Sphäre der Öffentlichkeit ihre Funktion verloren haben, müssen wir Intellektuellen so etwas wie "riskantes Denken" lernen, das heißt wirklich neue Ideen wagen und sie experimentierend erproben. Sollten wir zum Beispiel der politischen Wirkung von Sportlern wie Colin Kaepernick (American Football) oder Lebron James (Basketball) bei vielen Mitbürgern trauen, da sie immer weniger geneigt sind, auf uns Intellektuelle zu hören? Es mag in Zeiten von COVID schwer vorstellbar oder ganz unwahrscheinlich klingen. Aber könnte nicht eine Rückwendung zu direkteren nicht-elektronischen Formen von Begegnung und Austausch möglicherweise einiges Vertrauen zur Repräsentation (im Sinne politischer Interessenvertretung) retten?

Die wahrscheinlich größte Herausforderung in der Konsequenz dieser Überlegungen kommt mir noch radikaler und offen gestanden furchterregend vor. Wie sollen wir Mitglieder der gebildeten Elite reagieren, falls sich herausstellen sollte, dass einer Mehrheit unserer Mitbürger bestimmte Formen sozialen und politisches Zusammenleben vorschweben, die wir nicht mit guten Gewissen als "demokratisch" ansehen können? Würde solch eine Einsicht uns verpflichten, oder uns zumindest nahelegen, vom Grundprinzip der Repräsentation abzurücken? Leider ist dies zu einer wirklichen und sehr ernsten Frage geworden.

Zur SZ-Startseite
Karen Tongson

Serie "Stimmen der Demokratie"
:Widerstandsketten

Was soll eine Demokratie wert sein, die nicht der alltäglichen Entrechtung entgegentritt? Ein Warnruf vor der Wahl in den USA, wo jetzt ein Mindestmaß an Menschlichkeit verteidigt werden muss.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB