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Serie "Stimmen der Demokratie":Widerstandsketten

Karen Tongson

Karen Tongson, Professorin an der University of Southern California, bei ihrer Ansprache.

(Foto: Thomas Mann House Los Angeles)

Was soll eine Demokratie wert sein, die nicht der alltäglichen Entrechtung entgegentritt? Ein Warnruf vor der Wahl in den USA, wo jetzt ein Mindestmaß an Menschlichkeit verteidigt werden muss.

Gastbeitrag von Karen Thongon

Im Herbst 1940 bat der britische Radiosender BBC den deutschen Literaturnobelpreisträger Thomas Mann, in seinem kalifornischen Exil kurze Radiovorträge zu verfassen, die nach Nazi-Deutschland gesendet wurden. 55 Ansprachen verfasste Mann bis Kriegsende. Der Trägerverein der Begegnungsstätte Thomas Mann House in Los Angeles hat die Idee der Radioansprachen wieder aufgenommen und veranstaltet die Reihe "55 Voices" mit Ansprachen für die Demokratie, die die SZ abdruckt und der Deutschlandfunk sendet.

Karen Tongson ist Professor of English, American Studies and Ethnicity and Gender and Sexuality Studies an der University of Southern California. Zuletzt erschien von ihr "Why Karen Carpenter Matters".

Im Juli 1942 fragte Thomas Mann in seiner Radiosendung "Deutsche Hörer!" seine deutschen Mitbürger: "Wann werdet ihr endlich den höllischen Strizzi verjagen, der euch dies alles antut und das deutsche Antlitz zur Medusenfratze gemacht hat? Wann werdet ihr's aufgeben und vor der Vernunft kapitulieren?"

Die Präsidentschaftswahlen hier in den Vereinigten Staaten stehen kurz bevor. Die Demokratie selbst steht auf dem Spiel, und ich möchte es nicht versäumen, Manns Appell an die Öffentlichkeit weiterzugeben. Allerdings bin ich etwas weniger optimistisch als er, der in derselben Ansprache erklärte: "Ein Ende wird es haben, und zwar bald, mit dem scheusäligen System des Nationalsozialismus. Aus wird es sein mit seiner Schund- und Schand-Philosophie und mit den Schund- und Schandtaten, die daraus erflossen."

Ich muss in meinen Ausführungen nicht all die vielen "Schund- und Schandtaten" des 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten aufzählen, das würde viel zu lange dauern. Aber ich muss doch einige von ihnen benennen, um festzustellen, wo wir uns gerade befinden.

Mehr als acht Millionen Amerikaner haben sich mit dem Coronavirus infiziert, mehr als 225 000 sind bereits an der Covid-19-Pandemie gestorben, und zwar infolge des Fehlverhaltens des Trump-Regimes und der von Trump selbst eingeräumten Täuschung. In meinem wunderschönen Heimatstaat Kalifornien zerstören Waldbrände Leben und Land, und das inmitten all der anderen Verwüstungen, die unsere Klima-Apokalypse verursacht. Während in Erinnerung an unsere von der Polizei ermordeten schwarzen und braunen Brüder und Schwestern der zivile Widerstand gegen den systemischen Rassismus dieser Nation andauert, legitimieren die Regierung und ihre Propagandaorgane zunehmend rechtsradikale und rassistische Gruppen. Gegen die Vertreter der freien Presse, die von einer militarisierten Polizei offen beschossen, verprügelt und festgenommen wurden, wird weiterhin autoritär vorgegangen. Und jeder, der sich gegen den Faschismus ausspricht, wird auf die gleiche Weise, und auch von noch finstereren Kräften, brutal behandelt. Die "Antifa" ist dabei zur zeitgenössischen Entsprechung des "Kommunisten" geworden, der während des Aufstiegs der Nazis als Sündenbock herhalten musste.

"Wie jeder, der nicht zu den Ureinwohnern dieses Landes gehört, bin ich eine Immigrantin in den USA"

Die Demokratie in den USA steht am Rande des Abgrunds. Dabei darf man nicht vergessen, dass die repräsentative Demokratie, die wir jetzt verteidigen müssen, schon immer gefährdet und stets von den Eliten bestimmt war, die über genügend Kapital und Macht verfügen, sich als unsere Vertreter zu etablieren. Tatsächlich hat die enge Verzahnung unserer repräsentativen Demokratie mit der herrschenden Klasse die Ausbeutung und Erosion des Systems ermöglicht und so die Machterhaltung der Privilegierten gesichert.

Wie jeder, der nicht zu den Ureinwohnern dieses Landes gehört, bin ich eine Immigrantin in den USA. Und wie Thomas Mann, der von einem autoritären Regime nach Los Angeles ins Exil getrieben wurde, zog auch ich aus einem Land - den Philippinen -, das von einem Diktator - Ferdinand Marcos - beherrscht wurde, nach Südkalifornien. Ich wurde 1973 geboren, ein Jahr nachdem Marcos das Kriegsrecht erklärt hatte. Wenn meine Verwandten mir von der Nacht meiner Geburt erzählen, enthalten diese Geschichten immer auch detaillierte Beschreibungen der Tricks und Kniffe, die sie anwenden mussten, um an Ausgangssperren und bewaffneten Bataillonen vorbei zu meiner Mutter und mir ins Krankenhaus zu gelangen.

Es ist kein Wunder, dass ich als Kind von einer Demokratie jenseits der leeren, pseudodemokratischen Gesten des Regimes träumte, mit dem ich in Manila aufgewachsen war. Normalerweise kommt jetzt der erhebende Teil der Geschichte, in dem man "nach Amerika kommt", erwachsen wird, seine Rechte ausübt - und das nur wenige Jahre, nachdem man angesichts der Fernsehbilder der "People's Power"-Revolution 1986 im eigenen Lande Tränen vergossen hatte. Jetzt müsste ich eigentlich mit feierlichem Blick direkt in die Kamera starren und alle auffordern: "Geht wählen!" Doch leider endet der Kampf nie mit der Gründung einer Demokratie - mit ihr beginnt er erst.

Wohin flohen Ferdinand Marcos und seine Frau denn (auch wenn Imelda dabei mehrere Tausend Paar Schuhe zurücklassen musste)? In die guten alten USA! Ferdie verbrachte seine verbleibenden Jahre im tropischen Paradies Hawaii, einem weiteren Gebiet, das die Vereinigten Staaten - ebenso wie die Philippinen - im Jahr 1898 annektiert hatten. Die abgesetzten, perfekt frisierten philippinischen Despoten bekamen hier die Belohnung für ihr Wohlverhalten gegenüber den amerikanischen Präsidenten von Nixon bis Reagan. Sie hatten sich den militärisch-strategischen Interessen der USA in Südostasien unterworfen und im Gegenzug die Ressourcen des eigenen Landes plündern und seine Zukunftschancen vernichten dürfen.

Es liegt in unserer Macht, uns zu verweigern - und sie ist größer, als wir denken

Dass man Demokratie nicht einfach auf einen Führungswechsel reduzieren kann, wurde mir auch später vor Augen geführt: Erst, als Corazon Aquino die Regierung übernahm und sich für die Ärmsten im philippinischen Volk wenig änderte; dann, als nach mehreren Putschversuchen, einer Amtsenthebung und "freien" Wahlen Rodrigo Duterte übernahm - ein Autokrat, der bis heute an der Macht ist.

"Freiheit" bedeutet nichts ohne die Umverteilung von Macht und Ressourcen und ohne Fürsorge für die Entrechteten. Demokratie bedeutet nichts, wenn sie nicht mit einer Aufarbeitung von Kolonialismus, Völkermord und Versklavung einhergeht, sie bedeutet nichts ohne die Auseinandersetzung mit einer alltäglichen Entrechtung, an die wir uns durch einen Kapitalismus gewöhnt haben, den wir mit "Freiheit" verwechseln.

Wir, die wir das Privileg genießen, noch nicht unmittelbar gefährdet zu sein, haben uns bereits mit Kindern in Käfigen arrangiert, mit der Sterilisation von Migrantinnen und mit steigenden Zahlen von Covid-19-Toten. In den Nachrichten wird wie selbstverständlich darüber spekuliert, dass der Präsident möglicherweise nicht freiwillig aus dem Amt scheiden wird, während wir uns auf ein Wahlchaos vorbereiten, das normalerweise internationale Beobachter auf den Plan rufen würde. Das alles zu wissen, reicht nicht aus, um etwas zu verändern.

Doch genauso, wie das Böse und der Terror das Banale zu instrumentalisieren gelernt haben, um auf bürokratischem Wege Schaden anzurichten, so können auch wir im Alltag Akte des Widerstands und der Heilung vollziehen. In einem kürzlich erschienenen Text beschreibt der Autor und Aktivist Daniel Hunter "10 Dinge, die man wissen sollte, um einen Putsch zu stoppen". Hunter betont darin die Rolle von Menschen, die einst allein dadurch etwas veränderten, dass sie sich weigerten, Propaganda zu drucken und zu verteilen. Er erzählt die Geschichte eines deutschen Putschisten in den 1920er-Jahren, der "auf dem Flur hin und her lief und vergeblich nach einer Sekretärin suchte, die seine Proklamationen abtippen sollte".

Wie können wir diese Sekretärin sein? Wie können wir das business as usual ablehnen, um sicherzustellen, dass alle unsere Stimmzettel gezählt werden? Wie können wir wie die Krankenschwester Dawn Wooten sein, eine Whistleblowerin, die medizinische Gräueltaten in Haftanstalten der US-Zollbehörde aufdeckte? Oder wie die Mitarbeiter des US Postal Service, die sich gegen die Sabotage ihrer Agentur durch deren eigenen Leiter, Postmaster Louis DeJoy, und gegen den Abbau zentraler Dienstleistungen wehren?

Wir haben uns derart an das Drama und die großen Gesten des Widerstands gewöhnt, dass wir vergessen, wie selbst die kleinsten Weigerungen, Befehlen zu folgen, das Potenzial haben, unseren Nächsten zu retten, die Welt zu retten. Wir sind aufgefordert, das Heilungspotenzial in unserer beschädigten Demokratie zu erkennen. Dafür ist jetzt der Moment gekommen.

Mein lieber, verstorbener Freund, der queere Akademiker José Esteban Muñoz, schrieb in seinem jüngsten Buch "The Sense of Brown" (das erst vor einem Monat posthum erschien), dass wir Träume "weitergeben und verstärken und so dazu beitragen müssen, eine Gegenöffentlichkeit zu schaffen, Gemeinschaften und miteinander verbundene Widerstandsketten, welche die dominante Öffentlichkeit konterkarieren". Es liegt in unserer Macht - einer Macht, die wir fälschlicherweise als begrenzt wahrnehmen -, uns zu verweigern und zu widerstehen, bis keine Möglichkeiten mehr übrig bleiben, Gräueltaten zu begehen. Wir können gemeinsam eine Kette der Verbundenheit und des Widerstandes bilden, die es ermöglichen wird, die letzten Überreste dieser repräsentativen Demokratie zu erhalten, bis wir schließlich durch unsere Träume etwas Besseres Wirklichkeit werden lassen.

Übersetzung: Alexander Menden

© SZ vom 28.10.2020
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