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"The Square" im Kino:Abstieg eines Alphatiers

Eine Gorilla-Performance beim Sponsorendinner, die im Chaos mündet – bei Ruben Östlund ist der Firnis der Zivilisation ziemlich dünn.

(Foto: Alamode Film)

Ein Kunstmuseum wird zum Schauplatz des Absurden: Der Cannes-Gewinnerfilm "The Square" skizziert sehr komisch den Zusammenbruch eines weißen Mittelschicht-Mannes.

Irgendwann landen sie im Bett, der Kurator des Museums für moderne und zeitgenössische Kunst in Stockholm und die amerikanische Journalistin, die eine Reportage über ihn macht. Ihr lustloser Sex sieht aus, als hätte man ihre Körper an eine Maschine angeschlossen, die sie ein bisschen durchrüttelt. Heraus kommt ein gefülltes Kondom. Einen Tick zu eifrig bietet die Frau an, es zu entsorgen, einen Tick zu beiläufig antwortet der Mann, das werde er schon selber machen - und in einer peinigend brillanten Szene eskalieren dann, unausgesprochen, die gegenseitigen Verdachtsmomente: Verzweifelter Kinderwunsch? Paranoide Angst vor Spermaklau? Und: Hält dieser Typ sich wirklich für den perfekten Genlieferanten? Das tut er allerdings, lautet die Antwort in Ruben Östlunds Film "The Square". Christian (Claes Bang), supereloquent, super geschnittenes Modelgesicht, super dotierte Machtposition in einem super Museum, superschneller, aber umweltfreundlicher Tesla-Bolide vor der Tür, ist einer dieser Männer, die ihre Arroganz fast vollständig kaschieren können - aber eben nur fast. Was macht man mit so jemandem? Klarer Fall, muss sich der schwedische Regisseur Ruben Östlund gedacht haben: Man muss ihn nach Strich und Faden auseinandernehmen.

Der Film zeichnet ein harsches, witziges und zynisches Porträt seines Milieus: der Kunstwelt.

Die Dekonstruktion beginnt beiläufig, als Christian eines Morgens auf dem Weg ins Museum auf offener Straße angerempelt wird - und dann feststellt, dass man ihm Handy und Brieftasche geklaut hat. So beginnt der Abstieg eines weißen Alphatieres - eine bissige Satire, die in diesem Jahr die Goldene Palme der Filmfestspiele von Cannes gewonnen hat. Schon in seinem letzten Film, "Höhere Gewalt", skizzierte Östlund den moralischen Zusammenbruch eines weißen Mannes der oberen Mittelschicht, der während einer Gefahrensituation im Skiurlaub feigerweise seine Familie im Stich ließ und sich das nicht eingestehen konnte.

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Auch aus Christian, der sich selbst für den Gipfel an Kultiviertheit hält, brechen unkontrollierte Impulse hervor - etwa als sein Assistent ihm mitteilt, er habe den Standort des gestohlenen Handys elektronisch geortet. Nach zwei Gläsern Rotwein düst er zu dem trostlosen Plattenbau, wo der Dieb wohnen muss, und wirft allen Hausbewohnern Drohbriefe durch den Türschlitz - der Täter muss ja logischerweise darunter sein. Sollte sein Handy nicht wieder auftauchen, schreibt Christian auf die Zettel, wird es bald verdammt ungemütlich. Ein paar Tage später hat er tatsächlich seine Sachen wieder - aber das wird nur ein vorübergehender Sieg sein.

Parallel zu Christians Psychogramm zeichnet Östlund ein harsches, witziges und zynisches Porträt des Milieus, in dem Christian herrscht: der Kunstwelt. "The Square" ist der Name eines fiktiven Kunstwerkes, das Christian ins Museum geholt hat und das im öffentlichen Raum - auf dem Vorplatz - installiert werden soll. Es handelt sich um einen Rahmen, der eine "Freistatt des Vertrauens und der Fürsorge" sein soll; ein Ort, an dem alle die gleichen Rechte und Pflichten teilen. Die Kunst, so scheint es zunächst, entwirft hier eine humanistische, soziale Utopie. Bei einer Veranstaltung für die Freunde und Förderer des Museums stellt Christian das Projekt mit einer Rede vor, die dessen ethischen Glamour möglichst anschaulich vermitteln soll. Angenommen, Sie wollen mit jemandem reden, weil einer Ihrer Nächsten gestorben ist; angenommen, Sie haben Hunger und brauchen eine Mahlzeit; oder Sie suchen jemanden, der Ihnen einfach nur Schwimmen beibringt: "The Square" ist der Ort, an dem Ihnen geholfen werden kann.

Nun ist es so, dass Östlund diesen utopischen Anspruch in seiner kompletten Verlogenheit vorführen wird - angefangen mit Christians arrogantem Verhalten. Das Museum ist eine Angelegenheit der Reichen, die sich auf Banketten zusammenfinden und hohe Summen spenden, während die Gesellschaft nicht weiter von der sozialen Gleichheit entfernt sein könnte, die das Projekt propagiert - Kunst als schieres Fassadenengagement. Östlund macht sich fast schon einen Jux daraus, seinen Film von Bettlern auf den Straßen Stockholms nur so wimmeln zu lassen - im Hintergrund ist immer wieder ein "Hilfe" zu hören, das ungehört und unbeantwortet verhallt und die Frage stellt: Wem ist mit einem wohlklingenden Kunstprojekt schon geholfen?