Süddeutsche Zeitung

"The Square" im Kino:Abstieg eines Alphatiers

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Ein Kunstmuseum wird zum Schauplatz des Absurden: Der Cannes-Gewinnerfilm "The Square" skizziert sehr komisch den Zusammenbruch eines weißen Mittelschicht-Mannes.

Von Philipp Stadelmaier

Irgendwann landen sie im Bett, der Kurator des Museums für moderne und zeitgenössische Kunst in Stockholm und die amerikanische Journalistin, die eine Reportage über ihn macht. Ihr lustloser Sex sieht aus, als hätte man ihre Körper an eine Maschine angeschlossen, die sie ein bisschen durchrüttelt. Heraus kommt ein gefülltes Kondom. Einen Tick zu eifrig bietet die Frau an, es zu entsorgen, einen Tick zu beiläufig antwortet der Mann, das werde er schon selber machen - und in einer peinigend brillanten Szene eskalieren dann, unausgesprochen, die gegenseitigen Verdachtsmomente: Verzweifelter Kinderwunsch? Paranoide Angst vor Spermaklau? Und: Hält dieser Typ sich wirklich für den perfekten Genlieferanten? Das tut er allerdings, lautet die Antwort in Ruben Östlunds Film "The Square". Christian (Claes Bang), supereloquent, super geschnittenes Modelgesicht, super dotierte Machtposition in einem super Museum, superschneller, aber umweltfreundlicher Tesla-Bolide vor der Tür, ist einer dieser Männer, die ihre Arroganz fast vollständig kaschieren können - aber eben nur fast. Was macht man mit so jemandem? Klarer Fall, muss sich der schwedische Regisseur Ruben Östlund gedacht haben: Man muss ihn nach Strich und Faden auseinandernehmen.

Der Film zeichnet ein harsches, witziges und zynisches Porträt seines Milieus: der Kunstwelt.

Die Dekonstruktion beginnt beiläufig, als Christian eines Morgens auf dem Weg ins Museum auf offener Straße angerempelt wird - und dann feststellt, dass man ihm Handy und Brieftasche geklaut hat. So beginnt der Abstieg eines weißen Alphatieres - eine bissige Satire, die in diesem Jahr die Goldene Palme der Filmfestspiele von Cannes gewonnen hat. Schon in seinem letzten Film, "Höhere Gewalt", skizzierte Östlund den moralischen Zusammenbruch eines weißen Mannes der oberen Mittelschicht, der während einer Gefahrensituation im Skiurlaub feigerweise seine Familie im Stich ließ und sich das nicht eingestehen konnte.

Auch aus Christian, der sich selbst für den Gipfel an Kultiviertheit hält, brechen unkontrollierte Impulse hervor - etwa als sein Assistent ihm mitteilt, er habe den Standort des gestohlenen Handys elektronisch geortet. Nach zwei Gläsern Rotwein düst er zu dem trostlosen Plattenbau, wo der Dieb wohnen muss, und wirft allen Hausbewohnern Drohbriefe durch den Türschlitz - der Täter muss ja logischerweise darunter sein. Sollte sein Handy nicht wieder auftauchen, schreibt Christian auf die Zettel, wird es bald verdammt ungemütlich. Ein paar Tage später hat er tatsächlich seine Sachen wieder - aber das wird nur ein vorübergehender Sieg sein.

Parallel zu Christians Psychogramm zeichnet Östlund ein harsches, witziges und zynisches Porträt des Milieus, in dem Christian herrscht: der Kunstwelt. "The Square" ist der Name eines fiktiven Kunstwerkes, das Christian ins Museum geholt hat und das im öffentlichen Raum - auf dem Vorplatz - installiert werden soll. Es handelt sich um einen Rahmen, der eine "Freistatt des Vertrauens und der Fürsorge" sein soll; ein Ort, an dem alle die gleichen Rechte und Pflichten teilen. Die Kunst, so scheint es zunächst, entwirft hier eine humanistische, soziale Utopie. Bei einer Veranstaltung für die Freunde und Förderer des Museums stellt Christian das Projekt mit einer Rede vor, die dessen ethischen Glamour möglichst anschaulich vermitteln soll. Angenommen, Sie wollen mit jemandem reden, weil einer Ihrer Nächsten gestorben ist; angenommen, Sie haben Hunger und brauchen eine Mahlzeit; oder Sie suchen jemanden, der Ihnen einfach nur Schwimmen beibringt: "The Square" ist der Ort, an dem Ihnen geholfen werden kann.

Nun ist es so, dass Östlund diesen utopischen Anspruch in seiner kompletten Verlogenheit vorführen wird - angefangen mit Christians arrogantem Verhalten. Das Museum ist eine Angelegenheit der Reichen, die sich auf Banketten zusammenfinden und hohe Summen spenden, während die Gesellschaft nicht weiter von der sozialen Gleichheit entfernt sein könnte, die das Projekt propagiert - Kunst als schieres Fassadenengagement. Östlund macht sich fast schon einen Jux daraus, seinen Film von Bettlern auf den Straßen Stockholms nur so wimmeln zu lassen - im Hintergrund ist immer wieder ein "Hilfe" zu hören, das ungehört und unbeantwortet verhallt und die Frage stellt: Wem ist mit einem wohlklingenden Kunstprojekt schon geholfen?

Alles ist nur noch eine Frage der Verkaufsidee, des Marketings

Sehr subtil ist das nicht. Aber dafür extrem konsequent. Den ganzen Diskurs, den die Kunst umgibt, führt Östlund als inhaltsleer vor, von Anfang an, wenn Christian von der Journalistin gefragt wird, was er in einem Text mit dem Konzept der "Nicht-Ausstellung" gemeint habe - und er partout keine Antwort geben kann. Später wird ein amerikanischer Künstler (großartig verkörpert von dem mit der TV-Serie "The Wire" bekannt gewordenen Dominic West) auf einer Veranstaltung im Museum etwas über innere und äußere Räume faseln, während ein am Tourette-Syndrom leidender Mann im Publikum offenbar nicht anders kann, als den Künstler mit Schimpfwörtern zu überziehen, von denen "Müll" noch das netteste ist.

Östlund macht sich über jene lustig, die glauben, dass Konzeptkunst mit ihren ästhetischen Ideen und gesellschaftskritischen Ansprüchen heute noch funktioniert. Dass sie eine Aussage hat, dass sie die Leute zu besseren Menschen machen kann. Im Gegenteil: Alles ist nur noch eine Frage der Verkaufsidee, des Marketings. Daran wird man allein schon dadurch erinnert, dass die amerikanische Journalistin von der großartigen Elisabeth Moss gespielt wird, die durch "Mad Men" bekannt wurde, die Fernsehserie über eine New Yorker Werbeagentur in den Sechzigerjahren. Und dann sind da die Jungs von der Marketingagentur, welche die "Square"-Ausstellung bewerben sollen. Ihr Konzept: Ein Video online stellen, in dem ein Bettlerkind auf dem kleinen Kunst-Rechteck in die Luft gesprengt wird. Was so ziemlich das Gegenteil jeglicher Fürsorge und Nächstenliebe ist und abgesehen davon ziemlich geschmacklos. Egal: Es geht darum, mit drastischen Bildern Aufmerksamkeit zu provozieren.

Gibt es heute nichts Wichtigeres zu filmen als die Irrwege eines mächtigen Kurators?

"The Square" zeichnet also ein zynisches Bild der zeitgenössischen Kunst. Und, sehr selbstkritisch, auch vom europäischen Kino, das ja ebenfalls eine Kunstform ist und sich hier nur um eine weiße wohlhabende Oberschicht dreht. Gibt es heute nichts Wichtigeres zu filmen als die Irrwege eines mächtigen Kurators? Währenddessen verliert Östlund aber niemals aus dem Blick, dass da noch andere Kräfte sind, soziale Ungleichheit und Armut, die irgendwann hervorbrechen müssen.

Verkörpert wird diese Kraft hier durch jenen seltsamen Künstler, der im Film in einer Videoinstallation im Museum zu sehen ist und wie ein wildes Tier den Betrachter anknurrt, um später während einer Performance die feine Gesellschaft in Fleisch und Blut zu terrorisieren. Man kann die Wirklichkeit eine Weile in Leinwände, Installationen und Filme sperren. Aber irgendwann wird sie aus ihrem Käfig ausbrechen - und die Zähne fletschen.

Kurz nachdem Christian seine Brieftasche zurückbekommen hat, steht ein Schüler aus dem Plattenbau vor seiner Tür. Der Junge ist nicht der Dieb, aber Christians Drohbrief hat ihn in den Augen seiner Eltern zum Verbrecher degradiert, nun verlangt er eine Richtigstellung und Entschuldigung - andernfalls kündigt er Chaos an. Christian aber zieht es vor, diesen Schicksalsboten zu ignorieren.

The Square, S/D /F/DK 2017 - Regie und Buch: Ruben Östlund. Kamera: Frederik Wenzel. Mit Claes Bang, Elisabeth Moss. Alamode, 145 Minuten.

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Quelle:
SZ vom 18.10.2017/efo
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