"The Hand of God" im Kino und auf Netflix:Es war einmal in Neapel

Lesezeit: 6 min

Hand of God

Wohin schauen die da alle in Paolo Sorrentinos "Hand of God"? Auf die sonnenbadende Tante, ein gleichermaßen sinnliches wie tragisches Geschöpf.

(Foto: Netflix)

Der Oscarpreisträger Paolo Sorrentino erzählt in "The Hand of God" vom wilden, bunten Italien seiner Kindheit und Jugend.

Von Tobias Kniebe

Dies ist die Geschichte eines Jungen und seiner Stadt. Weil diese Stadt aber nicht irgendeine Stadt ist, sondern Neapel, drängt sie sich die meiste Zeit ganz schön in den Vordergrund: farbenfroh und theatralisch, größenwahnsinnig und ewig geprügelt, edel und verkommen, wie sie nun mal ist.

Die Wucht Neapels zeigt sich zum Beispiel, wenn die Menschen im Stadtteil Arenella Fußball-WM schauen und ihre Fernseher alle draußen auf die sommerlichen Balkone gestellt haben, im Juni 1986. Und dann reckt Diego Maradona, aktuell ihr Schutzheiliger und Liebling und Lokalheld, die Hand Gottes in den Himmel von Mexiko, und der Ball ist im Tor. Da bebt die ganze Straße vor Lust und Triumph und Schadenfreude.

Aber das ist noch nicht alles, denn in der Wohnung des Schwagers, wo alle das Spiel schauen, klingeln just in diesem Moment die Carabinieri an der Tür. "Das Spiel ist aus", sagen sie und eröffnen dem Mann, dass er wegen Korruption ins Gefängnis muss, was alle ja immer wussten, dass das eines Tages passieren wird. Während er kleinlaut seine Sachen packt, legt Maradona seinen Sechzig-Meter-Torlauf hin, die Straße bebt wieder, und dann schauen alle von ihren Balkonen, wie der Verbrecher ins Polizeiauto gezwängt und weggefahren wird, und im Hintergrund leuchten ultrablau das Meer und die Insel Capri.

Der Regisseur wurde mit nur 16 Jahren zum Vollwaisen, die Eltern erstickten in einem Feuer

Das ist aber immer noch nicht alles, denn kaum ist der Schwager weg, richten sich alle Blicke auf seine übellaunige und garstige und touretteartig "Affanculo" brüllende Mutter, Signora Gentile, die auch im Hochsommer stets Pelzmantel trägt, ihr stolzester, vom Sohn ergaunerter Besitz. Und dann schiebt diese von allen gehasste Frau die Schuld an der Sache doch tatsächlich ihren Verwandten zu, woraufhin sie zu Boden gebracht und geprügelt und getreten wird wie bei den Hooligans. Männer, Frauen und Kinder machen begeistert mit.

Und jetzt mal ehrlich: Wie soll ein Künstler, der beschlossen hat, die Geschichte seiner frühen Jahre und seiner Künstlerwerdung zu erzählen, eigentlich eine stille und auch tragische Geschichte, ankommen gegen so eine Stadt? Gegen so eine Verwandtschaft? Gegen so einen Hexenkessel der verdichteten Emotionen und Korruptionen und Ereignisse und raumgreifenden Persönlichkeiten und Verrückten und Freaks? Keine Chance, mag Paolo Sorrentino sich gedacht haben, als der Film "È stata la mano di Dio / The Hand Of God" in seinem Kopf Gestalt annahm.

Und also war klar, dass die Stadt und ihre Menschen die Hauptrolle spielen würden, gewissermaßen im Kollektiv, dass er sie feiern und vergöttern und überzeichnen und erzählerisch alles noch dichter packen würde, als es ohnehin schon war, während der gelockte Jüngling namens Fabietto (Filippo Scotti), der das alles erlebt und der er natürlich selber ist, oft nur staunend dabeisteht und den Mund nicht mehr zukriegt und nicht weiß, wie ihm geschieht. Eine Geschichte des Erwachsenwerdens also, in welcher der Held lange kaum einen eigenen Antrieb entwickelt, aber alles in seiner Umgebung in sich aufsaugt.

"The Hand of God" im Kino und auf Netflix: Fabietto (Filippo Scotti) ist ein Kind der Achtzigerjahre, den Walkman stets am Gürtel - und Diego Maradona im Herzen.

Fabietto (Filippo Scotti) ist ein Kind der Achtzigerjahre, den Walkman stets am Gürtel - und Diego Maradona im Herzen.

(Foto: Gianni Fiorito/AP)

Vielleicht musste dieser Paolo Sorrentino auch wirklich erst einmal was werden in der Welt, bevor er sich seiner Heimatstadt auf diese Weise wieder nähern konnte. Musste den Oscar gewinnen für "La Grande Bellezza", wo es eben nicht um Neapel geht, sondern um Rom, einen Ort von versteinerter Schönheit und Ewigkeit und Dekadenz, gezeichnet aber von einer fatalen Herzmuskelschwäche, einem allumfassenden Gefühl der Vergeblichkeit. Musste sich mit seinen Reim auf Phänomene wie Giulio Andreotti ("Il Divo") oder Silvio Berlusconi ("Loro") und sogar auf den Papst ("The Young Pope") machen, in durchaus spektakulären und lauten und surrealen Bildern, um endlich zu dem stillen Jungen zurückzukehren, der er einmal war.

Dabei ist es doch ganz klar seine wichtigste und persönlichste Geschichte. Davon muss nun die Rede sein, was jedoch zwangsläufig Spoiler und Geheimnisverrat mit sich bringt, wer da allergisch ist, sollte hier aussteigen. Sorrentino wurde, was auch schon länger bekannt ist, mit sechzehn Jahren zum Vollwaisen. Daran muss man denken, wenn man seine liebevoll gezeichnete Mutter Maria (Teresa Saponangelo) sieht, die mit stoischer Geduld und Großzügigkeit die Familie zusammenhält.

Sie hat einen Hang zu aufwendigen, hinterlistigen Streichen, über die sie sich dann selbst fast totlachen kann, wenn die hochnäsige Nachbarin oder ihr Mann in die Falle gehen. Auch der Vater Saverio (Toni Servillo), wenngleich voller Schwächen, erscheint in freundlichem Licht - die Geliebte, mit der er ein Kind hat, bleibt außerhalb des Bildes, sie wird überwunden, die Eltern rücken wieder zusammen. "Wir sind Kommunisten", sagt der Vater immer, man sieht ihn Vespa fahren, und nur in einer einzigen Szene erkennt man, dass er tatsächlich Direktor einer Bank ist.

Sorrentino sagt, er verdanke Diego Maradona sein Leben - und das ist mehr als eine Metapher

Das ist so widersprüchlich und rätselhaft, wie das Leben eben manchmal spielt, und schon daran meint man zu erkennen, wie nah Sorrentino hier an der eigenen Geschichte entlangerzählt. Und so kommt auch der Tag im April des Jahres 1987, als die Eltern zum Skifahren in die Berge aufbrechen, in ihre Ferienwohnung in den Abruzzen, Fabietto aber nicht mitkommt, weil er das Spiel des SSC Neapel gegen Empoli nicht verpassen will. Dass Diego Maradano wie durch ein Wunder der Vorsehung nach Neapel kam, hat nicht nur der ganzen Stadt einen ungeheuren Auftrieb gegeben, sondern auch Fabietto ganz persönlich. Er verpasst kein Spiel. Und also überlebt er, während seine Eltern vor einem Kaminfeuer, aus dem unmerklich Kohlenmonoxid strömt, tragisch ersticken.

Wenn Sorrentino häufig sagt, dass er Maradona sein Leben verdankt, ist das also mehr als eine Metapher. Selbst in seiner Oscar-Rede schickte einen Gruß an den großen Fußballer. Den Tod der Eltern aber zum Zentrum seines Films zu machen, mit der ganzen Ziellosigkeit und Verzweiflung, die den jungen Helden danach ergreift, das ist noch einmal etwas anderes. Denn jetzt ist es die Stadt mit ihren raumgreifenden Persönlichkeiten, die natürlich weiterlebt und rumort und Fabietto nicht einfach nur in Trauer versinken lässt. So wird nebenbei auch der Film gerettet - davor, eine dieser Kinobiografien mit zusammengebissenen Zähnen zu werden, voll heroischer Überwindung des Leids.

Da ist nämlich der Zigarettenschmuggler, der mit seinem schnellen Motorboot wie kein anderer die Wasserpolizei ausmanövrieren kann und auch bald im Gefängnis landen wird. Jetzt aber nimmt er Fabietto erst einmal zu einer nächtlichen Spritztour nach Capri mit, wo von den Reichen und Schönen aber niemand mehr wach ist, weshalb sie dann in der blauen Grotte baden gehen. Und da ist die verwitwete, sarkastische, schnell gelangweilte Baronessa aus dem fünften Stock, sicher weit über sechzig, die eines Abends beschließt, dass sie es sein wird, die den trauernden Fabietto in die Liebe einweiht. Und so geschieht es.

Es passiert schon alles ungefähr so, wie man sich das Heranwachsen eines italienischen Jungen eben vorstellt, nur im Detail dann eben doch wieder ganz anders. Besonders eindrücklich merkt man das, als Fabietto einmal als Zaungast bei Dreharbeiten eine junge Schauspielerin erblickt, sagenhaft schön und sinnlich. Sie hat noch keine Rolle, aber sie möchte den Regisseur des Films gerne vom Set ins Theater locken, wo sie spielt. Stattdessen aber kommt Fabietto, verliebt sich von Ferne in sie und wird ein stiller Stammgast. Ahnt man, was dann passiert?

Na klar, nur täuscht man sich. Denn als der Regisseur dann wirklich mal auftaucht, steht er mitten in der Szene auf und schimpft, wie lächerlich talentlos die Schöne sei, bringt sie zum Weinen und sprengt die ganze Aufführung. Und was macht Fabietto? Er vergisst seine Verliebtheit auf der Stelle und folgt diesem Mann der scharfen und klaren Urteile. Es ist der sehr reale Regisseur Antonio Capuano, der in den Neunzigerjahren mit radikalen Filmen über die Jugend Neapels ("Vito und die anderen", "Pianese Nunzio - 14 im Mai") Ruhm erwarb und der dann tatsächlich ein Mentor für Sorrentino wurde. Für Capuano schrieb er schließlich auch sein erstes Drehbuch.

Diese wunderschöne filmische Autobiografie endet zwar davor, aber eins ist klar - der Protagonist wird Regisseur werden und zu Paolo Sorrentino heranreifen. Ein Weg, auf dem sich auch die Kräfteverhältnisse zwischen dem Jungen und seiner Stadt schließlich umkehren. Denn Neapel mit all den raumgreifenden Persönlichkeiten und Verrückten und Freaks, von der "Affanculo" brüllenden Signora Gentile bis zur liebeskundigen Baronessa im fünften Stock, was bleibt davon? Doch nichts als wilde, herrliche Geschichten, die aber unaufhaltsam verschwinden, genau wie die Menschen, die sie angezettelt haben. Und so muss die Stadt heute dankbar sein für den stillen Jungen in ihrer Mitte, der ein großer Erzähler geworden ist und der so gar nichts vergessen hat.

È stata la mano di Dio, IT 2021 - Regie und Buch: Paolo Sorrentino. Kamera: Daria D'Antonio. Musik: Lele Marchitelli. Mit Filippo Scotti, Toni Servillo, Teresa Saponangelo, Marlon Joubert, Luisa Ranieri. Netflix, 130 Minuten. Kinostart 2.12.2012, ab 15. 12. auf Netflix.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB