Vier Favoriten der Woche:Kunst der Natur

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Vier Favoriten der Woche: Szene aus dem Film "Taming the Garden".

Szene aus dem Film "Taming the Garden".

(Foto: Verleih)

Bäume, die übers Meer reisen, ein neuer Design-Shop in der Münchner Innenstadt und die Kunst der kürzlich verstorbenen Etel Adnan. Die Empfehlungen der Woche.

Von SZ-Autoren

Film: Taming the Garden

Ein irreales Bild, und doch ganz natürlich: ein gewaltiger Baum auf dem Meer, langsam bewegt er sich auf die Küste zu. Das ist heute ein ganz banales Bild in Georgien, erzählt die Filmemacherin Salomé Jashi: Der reichste Mann des Landes, einst dessen Premierminister - er bleibt namenlos in ihrem Film - hat eine Leidenschaft: Er sammelt jahrhundertalte Bäume, lässt sie ausbuddeln, übers Meer transportieren und in seinem privaten Garten einsetzen. Jashi filmt den Transport und die Reaktionen der Einwohner, sie werden mit kleinen Beträgen entschädigt, aber es gibt auch Kollateralschäden, andere Bäume müssen für den Weg gefällt werden. Was ist der Wert, fragt der Film melancholisch, von Natur und Kultur, was bleibt, wenn man Natur zu zähmen beginnt. Denn was wir als Surrealismus empfinden, hat seinen Ursprung in der Natur. Fritz Göttler

Vier Favoriten der Woche: Der Extreme Concept Store in München.

Der Extreme Concept Store in München.

(Foto: Extreme Concept Store)

Design: Extreme Concept Store

"Nein, ein Weihnachtsmarkt ist man wirklich nicht", sagt Lukas Kubina von dem Münchner Verlag Sorry Press und muss ein bisschen lachen, so absurd findet er die Vorstellung, das, was sie hier gerade auf Europaletten und leere Pappkartons in dem Laden aufbauen, mit diesem Label zu versehen. Also kein Weihnachtsmarkt, auch wenn es hier Seifen, Papier, Kaffee, Geschirr, ein knallrotes Vogelhäuschen, T-Shirts, Bücher, Design, nachhaltige Mode und auch Hochprozentiges geben wird. Was in normalen Zeiten ja durchaus dem Sortiment eines Weihnachtsmarktes, sagen wir einem im Prenzlauer Berg oder im Glockenbachviertel, entspricht. Aber normal sind die Zeiten eben nicht, was nicht zuletzt der Grund dafür sein dürfte, dass der Laden im Preysing Palais, gleich hinter der Feldherrenhalle und damit eine der exklusivsten Immobilien Münchens, leer stand. Auch die Innenstädte sterben in der Pandemie. (Dass sie schon vorher fast tot waren, ausverkauft an internationale Ketten und Unternehmen, sollte nicht ganz vergessen werden.)

Doch nun ist hier, mitten im Fast-Lockdown-Blues, doch so etwas entstanden wie ein Zeichen der Hoffnung und des urbanen Überlebenswillens. Möglich wurde das, weil dem Münchner Designer Stefan Diez die leer stehende Verkaufsfläche zur Zwischennutzung angeboten wurde. Diez wäre nicht Diez, wenn er diesen Ort, der mit seinem nackten Betonboden, den offen liegenden Rohren und zebragefleckten Wänden natürlich laufsteghaft glamourös aussieht, nur als Showroom für seine Lampen, Stühle und Sofas genutzt hätte. Lieber holte Diez sein lokales Netzwerk an Bord, allen voran Sorry Press. Zusammen stieß man Kollaborationen an, die zu all den Produkten geführt haben, die man hier nun kaufen kann und die deutlich machen, wie lebendig die Münchner Designszene doch ist. "Dieser Ort soll wie in einem Labor zeigen, wie in Zukunft Orte in den Städten funktionieren können," sagt Stefan Diez. Das zumindest wäre ein Weihnachtsmärchen mit Happy End. Laura Weißmüller

Comic: Der Wald

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(Foto: Extreme Concept Store)

Mit der aufwendigen Schabkarton-Technik zeichnet Thomas Ott seit mehr als 35 Jahren Comics. Unheimlich geht es in ihnen zu, es leuchtet ein nachtschwarzer Humor auf, wie in den amerikanischen EC Comics der 1950er, deren Tradition der Schweizer kongenial erneuert hat. Ott ist ein Meister der kurzen Form: "Der Wald" (Carlsen Verlag, 14 Euro) besteht aus gerade einmal 25 einseitigen Bildern. Ein Junge stiehlt sich darin von einer ländlichen Trauerfeier fort und wandert durch einen dschungelartigen Märchenwald. Albtraumhafte Gestalten begegnen ihm, am Ende aber auch der geliebte, verstorbene Großvater. Genre-Muster, mit denen Ott sonst so gerne arbeitet, finden sich hier kaum. "Der Wald" ist eine Coming of Age-Geschichte, in höchster Verdichtung und von einer Warmherzigkeit, die es im Werk dieses Künstlers zuvor nicht gab. Christoph Haas

Vier Favoriten der Woche: Die Autorin und Künstlerin Etel Adnan.

Die Autorin und Künstlerin Etel Adnan.

(Foto: Felix Gruenschloss)

Literatur und Kunst: Etel Adnan

Leuchtendes Dunkelgelb fasst das Bild u-förmig ein, umhegt Rechtecke in Ultramarin, Rot, Hellblau, Orange, Weiß, Schwarz. Zuletzt präsentierte das Pariser Centre Pompidou eine Schau mit Werken abstrakt malender Frauen, "Femmes et abstractions". Da überstrahlten die Bilder der gerade gestorbenen Etel Adnan (SZ vom 16. November) mühelos und lebensprall die ihrer Kolleginnen. Etel Adnan war in die Sonne verliebt, ins Helle und Geordnete, das an den Rändern ausfranst. Das ist auch ihrer Lebensgeschichte geschuldet. Vor fast 100 Jahren geboren, wuchs sie in Beirut auf, unterhielt sich mit der Mutter auf Griechisch, während die Eltern, eine christliche Griechin aus Smyrna und ein ehemals ottomanischer Offizier aus Damaskus, mit ihr Türkisch sprachen. Sie besuchte eine französische Schule, studierte in Paris, schrieb anfangs auf Französisch, ging dann, der Algerienkrieg war mit ein Grund für diese so unaufgeregt politische Dichtermalerin, nach Kalifornien an eine Uni, wechselte ins Englische, begann zu malen, kehrte zurück nach Beirut, floh wieder vor dem Bürgerkrieg nach Paris, nach Kalifornien.

Das Leid nicht ausblenden, aber dennoch das Leben leuchten lassen, so hat sie gemalt und gedichtet, so auch ihr berühmtestes Buch, "Arabische Apokalypse", dessen 59 Gedichte mit ihren die Worte fortsetzenden Minizeichnungen sich auf das 59-tägige Gemetzel in Beiruts Flüchtlingslader Tel al-Zaatar beziehen. Es ist Protest und jubelnder Sonnengesang. Wer die ganze Etel Adnan erleben will, der braucht nicht nur ihre Texte, der Sammelband "Sturm ohne Wind" ist dafür ideal, sondern auch ihre Bilder, die wunderbar präsentiert werden in Kaelen Wilson-Goldies leider nur noch antiquarisch erhältlichen Monografie. Der schauende Leser merkt es schnell: Die Bilder Adnans kommunizieren mit ihren Texten. Immer sind ihre Sprach- und Malbilder verständlich, weil einfach. Das Einfache hebt bei ihr immer ab ins Poetische, Weltumspannende, Liebende: "Von Anfang an habe ich jedes Mal, wenn ich vor einer Leinwand saß und keine Ahnung hatte, wo es hinging, ein rotes Quadrat gemalt." Dann kommen die Rechtecke dazu, die Kreise, und das oft in reinen, in sich ruhenden Farben. Reinhard J. Brembeck

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