Porträt der Schauspielerin Barbara Nüsse:Wie es ihr gefällt

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Porträt der Schauspielerin Barbara Nüsse: Alterslose Rotzgöre: Barbara Nüsse als Pippi Langstrumpf am Hamburger Thalia Theater.

Alterslose Rotzgöre: Barbara Nüsse als Pippi Langstrumpf am Hamburger Thalia Theater.

(Foto: Armin Smailovic)

Barbara Nüsse kann als Schauspielerin einfach alles: In Hamburg spielt sie gerade die Mutter in Christian Krachts "Eurotrash". Aber auch Pippi Langstrumpf mit 78.

Von Till Briegleb

Es lassen sich nicht viele Schauspielerinnen auf der Welt finden, die an einem Tag eine neunjährige Explosivgöre spielen und am nächsten eine barbituratabhängige Rentnerin mit Rollator, Wodkaflasche und fiesem Verstand. Noch seltener sind die Verwandlungskünstlerinnen, die in einem Stück alle Nebenrollen in kleine Hauptrollen verwandeln können und dabei ohne jedes Glaubwürdigkeitsproblem zwischen den Geschlechtern wechseln. Barbara Nüsse kann das. Und tut das. Aktuell turnt und tanzt sie als Pippi Langstrumpf über die Bühne des Hamburger Thalia Theaters, macht Kopfstand und gelenkige Bewegungen, die manch Neunjährige außer Atem bringen würden. Und in "Eurotrash", der zweiten Bühnenadaption von Christian Krachts Erfolgsroman nach der Uraufführung an der Berliner Schaubühne, zeigt sie mit größter Überzeugungskraft die greise Zerbrechlichkeit von Krachts Mutterfigur, die ihr selber völlig fehlt.

Barbara Nüsse ist 78 Jahre alt, aber diese Zahl hat höchstens eine versicherungstechnische Bedeutung. Als natürliche Gestaltwandlerin, die für ihre Übergänge zwischen Alter, Charakter und Erscheinung keine riesigen Effektabteilungen wie in Hollywood braucht, spielt Barbara Nüsse neun verschiedene Stücke im laufenden Spielplan des Thalia Theaters. Und nicht eine Sekunde davon ist Effekt. Ob sie als Königin Elisabeth die Schlüsselszene aus Schillers "Maria Stuart" mit Karin Neuhäuser als komödiantisches Duell der Kränkungen spielt, als Hamlets Mutter in roter Lack-Gala strenge Besorgnis verkörpert oder die Alleinerziehende eines Taugenichts in Hanoch Levins Stück "Krum" mit dem Schmerz enttäuschter Familienträume erfüllt, Barbara Nüsse ist auf dem Punkt, immer, und zwar nicht nur verlässlich, sondern unmittelbar.

Sie ist immer die richtige Besetzung, sogar für Oskar Matzerath in der "Blechtrommel"

Es gibt keine Schwächeperiode in ihrer Vielfalt. Keinen Moment gefühlter Anmaßung, wo sich ein Zweifel einschleichen könnte, ob Nüsse die richtige Besetzung ist. Sie ist immer die richtige Besetzung, sogar für Oskar Matzerath, das ewige Kind aus Günter Grass' "Blechtrommel", das sowohl geschlechts- als auch altersmäßig den Gegenpol darstellt zu einer Akteurin mit sechzig Jahren Berufserfahrung. Direkt nach dem Abitur bewarb sich die Ingenieurstochter aus Sprockhövel im Ruhrgebiet, der Wiege des deutschen Bergbaus, mit der Vorsprechrolle "Phädra" an der Münchner Otto-Falckenberg-Schule und wurde genommen. Und seither, wie Oskar Matzerath, altert Barbara Nüsse nicht wirklich, gewinnt nur an Lebensklugheit in einem elastischen Körper, den sie mit ein paar täglichen Dehnübungen, Gartenarbeit und Spaziergängen mit ihren Hunden fit hält.

Barbara Nüsse

"Ich misstraue allem, was nicht stimmt": Barbara Nüsse.

(Foto: Armin Smailovic)

Allerdings geht das Wunder ihrer körperlichen und geistigen Beweglichkeit durchaus zurück auf Trainingsleistungen. Seit dem sechsten Lebensjahr bis zum Abitur war sie im Turnverein aktiv, hat später Ballett geübt und so viel ("und gut", wie sie sagt) getanzt, dass sie einmal fast bei Pina Bauschs Tanztheater in Sprockhövels Nachbarort Wuppertal gelandet wäre. Da hatte sie von "den ganzen Peymännern gerade mal genug", der Regieherrenriege der Sechziger und Siebziger, bei der sie als junge Schauspielerin arbeitete, am Münchner Residenztheater bei Helmut Henrichs, in Köln bei Hansgünther Heyme, und eben in Stuttgart bei Claus Peymann, bis zu dessen Rauswurf durch das "rechte Arschloch Filbinger", wie Nüsse sagt über den ehemaligen Ministerpräsidenten und, davor, NS-Marinerichter.

"Ich habe es dann doch nicht gemacht, weil ich so gerne mit Worten zu tun habe", erklärt Nüsse ihre Absage an Pina Bausch. Aber die tänzerische Energie, die bei "Pippi Langstrumpf" in der Agilität keinen Unterschied zu ihren halb so alten Kollegen wie Ole Lagerpusch oder Maja Schöne erkennen lässt, blieb ihr erhalten. Tanz ist ihre ständige Hintergrundspannung. Wenn sie von ihren Inspirationen und Vorbildern spricht, dann glänzen ihre Augen auch nicht bei den großen Diven der Nachkriegszeit, sondern wenn sie von ihrer Faszination für die Tempo- und Crash-Solistin der kanadischen Extremtanzcompagnie La La La Human Steps spricht, Louise Lecavalier, "ein Zaubergeschöpf" wie Nüsse sie nennt.

Ein Zaubergeschöpf ist Nüsse am Thalia Theater längst selbst. Seit 2010 im Ensemble entwickelte sie sich bei ihrer dritten Hamburger Festanstellung (1980 kam sie mit Niels-Peter Rudolph ans Deutsche Schauspielhaus und war dort von 1993 an auch bei Frank Baumbauer engagiert) zur Frau für alle Fälle. Luk Perceval, mit dem sie zu Beginn ihrer Thalia-Zeit am intensivsten gearbeitet hatte, ebnete ihr den Weg in die "Plutimikation" - wie Pippi sagen würde - der Figuren. Er besetzte sie vielfach als Mann, ließ sie den Blechtrommler spielen, und gab ihr in seiner Inszenierung von Borcherts "Draußen vor der Tür" nahezu alle Nebenrollen geschlechts- und altersübergreifend. Als gehässige Nachbarin, zynischer Oberst, feiger Kabarettchef und final als Gott quälte sie den Kriegsheimkehrer Beckmann als chamäleonhaftes Ein-Frau-Ensemble. Göttlich.

"Man kann nur intelligent sein, wenn man auch empathiefähig ist"

Die Frage, wie haben Sie das gemacht, Frau Nüsse, beantwortet sie mit einer didaktischen Gegenüberstellung von Eitelkeit und Empathie als Berufsauffassung. Es gebe die "Persönlichkeitsschauspieler", die auf der Bühne vor allem "ihre Persönlichkeit präsentieren, wenn auch zum Teil auf großartige Weise". Das sei ihr nicht ihre Art. "Eitelkeit verhindert bei dieser Art von Schauspielern, was eine Figur bieten könnte, auch auszuschöpfen." Nüsse glaubt dagegen an Einfühlung: "Man kann nur intelligent sein, wenn man auch empathiefähig ist." Authentisches Spiel habe darum "viel mit Imagination zu tun". Und wie bewahrt sie die Glaubwürdigkeit in der ständigen Verwandlung? "Ich misstraue allem, was nicht stimmt. Da habe ich offenbar ein ziemlich genaues Gespür für." Gefakte Gefühle? "Da wurde mir immer schlecht."

Barbara Nüsses Vorteil - und die Grundlage ihres kaleidoskopartigen Spiels - scheint zu sein, dass sie nicht eitel ist, im Sinne von selbstverliebt und anerkennungssüchtig. Deshalb traut sie sich was. Zum Beispiel mit Ende Sechzig noch in die Schule des postdramatischen Theaters zu gehen. Bei Nicolas Stemanns formatoffener "Faust I und II"-Inszenierung 2011 habe sie am Anfang gedacht, "ich kann das nicht, ich weiß gar nicht, was der will von mir." Doch sie ließ sich drauf ein, fand Stemanns Konzept immer einleuchtender und am Ende "fast genial".

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Barbara Nüsse als Mutterwrack im Chanel-Kostüm in "Eurotrash" nach dem Roman von Christian Kracht. Ihren Sohn spielt Jirka Zett.

(Foto: Krafft Angerer)

Nun Christian Krachts Familiengeschichte "Eurotrash" - die zwischen Eitelkeit und Snobismus, Selbstentblößung und Zuneigung hin und her schlingernde Schweiz-Reise des Autors mit seiner anästhesierten Mutter. Der als Popregisseur bekannt gewordene Stefan Pucher hat den Roman mit Nüsse und Jirka Zett als Krachts Alter Ego im Thalia in der Gaußstraße inszeniert. Erstaunlich vorlagentreu geht Pucher hier vor, dabei klug gekürzt um die endlosen Angebereien Krachts mit Wohlstandsattributen, Weltreisen und prominenten Bekanntschaften im Toppersonal der alten Bundesrepublik. Zett und Nüsse zelebrieren diese faire Wiedergabe mit Anflügen von "Harold and Maude"-Erotik in einem geradezu filmischen Beziehungsrealismus. Wobei jeder, der Nüsse vorher als anarchistischen Rotschopf in Jette Steckels Pippi-Revue gesehen hat, kaum glauben mag, dass dieses hellwache Wrack im Chanel-Kostüm dieselbe Schauspielerin ist.

Als Frau, der Angeberei so fremd ist, dass sie eigentlich gar keine Porträts über sich lesen will, und die jedes Kompliment mit der Bemerkung abwiegelt, das sei eben eine besonders gute Inszenierung gewesen, erzählt sie auch wenig Privates. Dass sie mal mit Gerhard Richter zusammen war, der ein Porträt von ihr als Schlafende gemalt hat; dass sie in den Sechzigern mit einigen der großen kommenden Künstler in München und Köln abhing, die ihr - wie etwa der Lichtkünstler Dan Flavin - Werke widmeten; dass sie mit Blinky Palermo von seinen Vernissagen floh und überhaupt die ganze wilde Zeit Ende der Sechziger miterlebt hat, als Kunst für sie viel aufregender war als Theater - das alles wäre vermutlich auch ein schönes Büchlein wert. Das Barbara Nüsse aber nicht schreiben will, weil sie zu viel Respekt vor dem literarischen Wort hat.

Und weil sie schließlich doch immer treu nur dem Theater war. Selbst wenn sie mal in einer Erfolgsserie wie "Dark" auf Netflix mitspielt (wo sie trotz ihrer alterswandlerischen Fähigkeiten nur die "Eva" der dritten Generation verkörpern darf), ist ihr wahres Zauberreich die Bühne, der Ort, wo die Zuschauer ihre unaufdringliche Empathie unmittelbar erleben und bewundern. Und sich im Stillen fragen: Ob es irgendetwas gibt, das Barbara Nüsse nicht spielen kann?

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