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Kulturpolitik:Zu groß und "nicht mehr steuerbar"

Stiftung Preußischer Kulturbesitz

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) wurde 1957 als bloße Behelfskonstruktion gegründet - über den vielen Neubauten geraten die älteren Häuser in Vergessenheit.

(Foto: dpa)

Insektenbefall, leckende Dächer, Mehltau: Der Wissenschaftsrat empfiehlt die Auflösung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Erstaunlich ist, dass es sie trotz ihrer eklatanten Probleme überhaupt noch gibt.

Von Jörg Häntzschel

15 Museen, etliche Bibliotheken, Archive, Forschungsinstitute, 2000 Angestellte - und viele Baustellen: Die Berliner Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) ist Europas größte Kulturstiftung. Zu groß, viel zu groß, monieren Kritiker seit Langem, "nicht mehr steuerbar", "sklerotisch".

Diesem Befund schließt sich nun der Wissenschaftsrat an, der die SPK im Auftrag von Kulturstaatsministerin Monika Grütters zwei Jahre lang evaluiert hat. Im Entwurf zu ihrem Abschlussbericht fordern die Gutachter die Auflösung der Stiftung und eine Neuordnung in autonome Einzelinstitutionen. In ihrer jetzigen Form sei die SPK "dysfunktional" und leide an "struktureller Überforderung".

Der Wissenschaftsrat erhofft sich mehr Eigenständigkeit, Effizienz und Kreativität

Für die Berliner Kulturszene und die Mitarbeiter der SPK sind die Befunde selbst weniger überraschend als die Radikalität der vorgeschlagenen Reform. Der Bericht sei eine "Bombe", heißt es. Sollten die Empfehlungen umgesetzt werden, wäre dies die größte kulturpolitische Maßnahme seit der Wiedervereinigung.

Offiziell soll die 300-seitige Studie erst am nächsten Montag veröffentlicht werden. Doch die Zeit berichtete schon am Dienstag über die wichtigsten Vorschläge. Danach empfehlen die Gutachter die Teilung der SPK in vier einzelne Institutionen, die als Stiftungen firmieren könnten: die Staatlichen Museen, die Staatsbibliothek, das Geheime Staatsarchiv und das Ibero-Amerikanische Institut. Sie sollen jeweils eigene Leitungen erhalten und personell und budgetmäßig unabhängig agieren. Der Wissenschaftsrat verspricht sich davon mehr Eigenständigkeit, Effizienz und Kreativität bei Themen, Forschung, Bildungsarbeit und Vermittlung.

Vorgeschlagen wird auch ein grundlegender Umbau der Trägerschaft und der Finanzierung der SPK. Ursprünglich wurde die SPK zu annähernd gleichen Teilen vom Bund und von Berlin finanziert. Die Länder trugen ein Viertel bei. Kultur ist laut Grundgesetz ja schließlich Ländersache.

Doch in den letzten Jahrzehnten ist der Bundesanteil auf zuletzt 86 Prozent angewachsen, der Berlin-Anteil auf acht Prozent gesunken. Die Bundesländer waren mit einem Anteil von vier Prozent und Beiträgen im teils niedrigen sechsstelligen Bereich nur noch nominell an der Finanzierung beteiligt. Grütters klagte seit Langem darüber, dass die Länder trotz ihres winzigen Beitrags zum Budget im Stiftungsrat bei allen Entscheidungen mitreden können. Auch das trug zur Lähmung bei.

Die Experten des Wissenschaftsrats empfehlen nun nicht nur das Ende dieses föderalen Modells, also den Ausstieg der Länder. Auch die gemeinsame Finanzierung durch den Bund und das Land Berlin soll neu sortiert werden. Die Staatsbibliothek, das Geheime Staatsarchiv und das Ibero-Amerikanische Institut sollen in Zukunft vom Bund allein getragen werden, die Staatlichen Museen gemeinsam vom Bund und von Berlin. Die "Hauptverwaltung" und das Amt des Stiftungspräsidenten, seit zwölf Jahren bekleidet von Hermann Parzinger, der eigentlich Archäologe ist, wären dann überflüssig.

Die Paralyse der SPK und die dennoch ungeminderte Macht des zentralistisch regierenden Parzinger irritieren die ebenfalls sehr machtbewusste Grütters seit Langem. Vor drei Jahren versprach Grütters gegenüber der SZ, in ihrer zweiten Amtszeit wolle sie "den Tanker SPK neu aufstellen". Sie ließ das sogar in den Koalitionsvertrag schreiben, wo man sich vornahm, die SPK auf der Basis der Evaluierung "strukturell an die Anforderungen eines modernen Kulturbetriebs mit internationaler Ausstrahlung anzupassen".

Dafür wird ihre verbliebene Amtszeit nun nicht mehr ansatzweise ausreichen. Am Dienstag dämpfte sie - ohne im Einzelnen auf den Bericht einzugehen - schon die Erwartungen und schien sich von den Vorschlägen der Gutachter sanft zu distanzieren: "Möglicherweise werden nicht alle Empfehlungen 1:1 umgesetzt werden können", erklärte sie, "aber ich sehe bei allen Beteiligten eine große Offenheit und Bereitschaft, sich gut begründeten, auch weitreichenden Veränderungen zu stellen."

Parzinger seinerseits hat immer wieder beteuert, auch er sehe Reformbedarf, er sei sich "mit Grütters darin einig, dass sich in der SPK was ändern muss". Doch mehr als vage Phrasen - er wolle die Stiftung "schlagkräftiger" machen, die Verwaltung müsse "effizienter und reaktionsschneller" werden - kamen von ihm nicht. Nach wie vor laufen bei ihm sämtliche Fäden zusammen, nach wie vor wacht er über jede Neueinstellung, jede Dienstreise.

Offiziell galt das Mandat der SPK nur "bis zu einer Neuregelung nach der Wiedervereinigung"

Erstaunlich ist, dass es die SPK trotz ihrer eklatanten Probleme überhaupt noch gibt. Gegründet wurde sie 1957 als bloße Behelfskonstruktion. Die Archivbestände und Kunstsammlungen des ehemaligen Königreichs Preußen waren weit über das ehemalige Staatsgebiet und darüber hinaus verstreut. Einige Bundesländer reklamierten die Schätze auf ihrem Gebiet für sich. Andere forderten, alles solle gleichmäßig über die West-Länder verteilt werden. Also erfand man die Hybridinstitution SPK, als Container für alles, was an preußischem Kulturgut mehr oder weniger herrenlos in Nachkriegsdeutschland lagerte. Ein erstaunlicher Bauboom setzte ein. Die neuen Museen in Dahlem entstanden, die West-Staatsbibliothek an der Potsdamer Straße, Mies van der Rohes Neue Nationalgalerie. Offiziell galt das Mandat der SPK nur "bis zu einer Neuregelung nach der Wiedervereinigung". Doch als diese kam, wurde die SPK dank Ost-Sammlungen und Ost-Museen nur noch viel größer.

Gleichzeitig ließ das Bedürfnis nach repräsentativer Kultur in der Hauptstadt das Bundesgeld fließen wie nie zuvor. Während Alt- und Neubauten auf der Museumsinsel Hunderte Millionen verschlangen, entstanden im Westen für weitere Hunderte Millionen das Kupferstichkabinett, die Gemäldegalerie, der Hamburger Bahnhof, das Berggruen-Museum. Kaum ist etwas fertig, wird schon das nächste spektakuläre Vorhaben präsentiert.

Doch über den Neubauten - zuletzt kam die vor allem Dekorationszwecken dienende James-Simon-Galerie dazu - geraten die vorhandenen Häuser schnell in Vergessenheit. Die Probleme reichen von antiquierter Ausstattung bis hin zu Insektenbefall und leckenden Dächern wie im Ethnologischen Museum. Noch bevor mit dem Bau des neuen Museums der Moderne begonnen wird, wurde bekannt, dass die Rieckhallen am Hamburger Bahnhof abgerissen werden und der Nutzungsvertrag für den Hamburger Bahnhof ausläuft. Die SPK und das Land Berlin hatten verschlafen, sich darum zu kümmern.

Noch schlimmer ist aber der Mehltau in den Museen: eine Konsequenz aus Parzingers Zentralismus, Behördendenken und ewig mageren Budgets. Auch das Preußen im Namen steht der Zukunftsfähigkeit im Weg. Entsprechend schlecht sind die Besucherzahlen der Museen: Zwar sind sie 2019 wieder leicht gestiegen, auf 4,2 Millionen, doch das sind immer noch weniger als die 4,4 Millionen Menschen, die alleine die Uffizien in Florenz besuchten und weniger als halb so viele wie der Louvre jährlich zählt. Für Ankäufe gibt es kaum Geld, bei Vermittlung, Provenienzforschung, Digitalisierung, können die Berliner Museen im internationalen Vergleich nicht mithalten. Schon oft haben Evaluierungen des Wissenschaftsrats für wirkliche Neuanfänge gesorgt. Ob das bei der SPK auch so sein wird, muss sich erst zeigen. Die Beharrungskräfte sind wohl nirgends größer.

© SZ vom 08.07.2020/tmh
Pressebilder KUNSTMUSEUM STUTTGART

Kunst
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