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Pro und Contra Kulturreisen:Pro: Kunst ist Kulturverständigung - und deshalb politisch

Kultur Reisen Corona Pro Contra

Probelauf der Besucherstromkontrolle vor der Mona Lisa am 23. Juni im Pariser Louvre - am 6. Juli wird das Museum wieder eröffnen.

(Foto: Sabine Glaubitz/dpa)

Europa hat die Freizügigkeit zurück. Soll, darf, will man nun auch wieder auf Kulturreisen gehen? Es gibt viele Gründe dafür. Und ebenso viele dagegen.

Von Nicolas Freund

Kunst ist ein Privileg. Jahrhundertelang war Kunst und ihr Besitz eine Demonstration von Macht, denn der Zugang zu den Werken war in der Regel stark eingeschränkt. Zu sehen waren Kunstwerke oft nur in sakralen Räumen oder den Palästen der Herrschenden. Ihre Enthüllung war ein Ritual, das sich vom Alltag so stark wie möglich abheben sollte, um die Macht zu demonstrieren, die mit der Herrschaft über die Bilder einherging.

Diese Zeiten sind zum Glück vorbei. Kunst ist heute allgegenwärtig. Sie ist, besonders im Fall von Bildern, technisch reproduzierbar und dadurch praktisch überall und für jeden verfügbar geworden. Die einstigen Machtsymbole erscheinen auf Bildschirmen und in Katalogen, sie werden auf Taschen und Kugelschreiber gedruckt, sie hängen als Ausstellungsplakate an Küchentüren und sie werden in Fernsehserien zitiert. Die Kunst wurde geradezu befreit. Sie hat ein Eigenleben entwickelt, indem Bilder neu gedeutet, entdeckt und verändert werden können. Die Originale sind dabei nicht überflüssig geworden. Sie sind die Anker dieser Liberalisierung und Demokratisierung der Kunst, denn in sehr vielen Fällen sind sie heute günstig und für jeden gleichberechtigt in Museen zugänglich. Dieses Privileg sollte genutzt werden, gerade jetzt.

Denn die Einschränkungen durch die Corona-Pandemie haben die Kultur sehr hart getroffen. Künstler und Kulturinstitutionen haben keine Lobby und mussten als "weiche Ziele" für Maßnahmen herhalten, die sich Politiker an anderer Stelle nicht durchzusetzen getraut hatten. Viele Museen und andere Institutionen haben, obwohl sie oft staatlich unterstützt werden, in den letzten Monaten Verluste in Millionenhöhe gemacht.

Reisen sind Kulturverständigung und im weiteren Sinne politisch

Mitte Juni hat das Auswärtige Amt die Reisewarnung für die EU und einige andere europäische Länder aufgehoben. Seitdem sieht es so aus, als könne es in diesem Jahr doch noch so etwas wie eine Urlaubssaison geben. Die Frage, ob man deshalb jetzt zum Baden und Biertrinken unbedingt an einen südeuropäischen Strand fahren sollte oder ob das nicht auch zu Hause geht, muss jeder selbst entscheiden. Obwohl Kunst auch von zu Hause verfügbar ist, macht es dagegen einen großen Unterschied, ob man einen Katalog durchblättert, oder wirklich den Louvre erkundet. Die Uffizien in Florenz kann man mit Google Arts & Culture digital besuchen, aber wer sich damit schon einmal durch die Gänge geruckelt hat, wird die App kaum als Ersatz für einen realen Besuch ansehen. Ganz zu schweigen von den Originalen, die eben trotz ihrer technischen Reproduzierbarkeit nach wie vor eine besondere Wirkung entfalten, wenn man sie wirklich vor Augen hat. Es macht einen Unterschied, ob man zu den Bildern kommt oder ob die Bilder zu einem kommen.

Der Schriftsteller John Berger schrieb in dem Essay "Ways of Seeing", dass angesichts eines Originals die zeitliche Distanz zwischen seiner Entstehung und seiner Betrachtung zusammenschrumpft. Kunst anzusehen ist heute nicht nur ein demokratischer Akt, es ist auch eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und unserem Zugang zu ihr. Wer sich mit Kunst auseinandersetzt, nimmt eine andere Perspektive ein. Museen und Kultur sind nicht nur Unterhaltung, sie sind auch wichtige Orte zur Verhandlung gesellschaftlicher Diskurse, die sich auch auf einen freien Zugang zur Kunst stützen.

Kulturinstitutionen und Künstler sind auch auf die Unterstützung durch die Besucher angewiesen

Für Kulturreisen stellt sich die Frage nach ihrer Notwendigkeit deshalb anders als für einen Badeurlaub. Selbst wenn sie in erster Linie dem Vergnügen dienen, sind sie auch Bildung, sie sind Kulturverständigung und sie sind im weiteren Sinne politisch. Nachdem im Frühjahr die europäischen Staaten selbst im Schengenraum die Grenzen geschlossen hatten, garantiert das Grundrecht der Freizügigkeit nun wieder, die Grenzen nach Italien oder Frankreich zu überqueren. Davon sollte man Gebrauch machen, gerade weil die Gefahr durch das Virus zwar noch lange nicht gebannt, aber wesentlich beherrschbarer geworden zu sein scheint. Als Ansteckungsherde haben sich zuletzt vor allem Schlachthöfe und kleine, schlecht gelüftete Räume erwiesen. Es ist noch kein Fall von massenhaften Ansteckungen in Zügen oder Flugzeugen bekannt, und im privaten Pkw ist die Infektionsgefahr gleich null. Wenn die einfachsten Sicherheitsvorkehrungen eingehalten werden - Abstand halten, Maske tragen, Hände waschen, gut lüften - lässt sich das Risiko einer Ansteckung sehr stark reduzieren. Völlige Sicherheit wird es in absehbarer Zeit nicht geben. Die Lage auszusitzen ist keine realistische Option, deshalb muss auch beim Reisen ein vernünftiger Umgang mit der Gefahr des Virus gefunden werden. (Ein anderes Problem ist der CO₂-Ausstoß beim Fliegen und Autofahren. Hier muss aber bei den Antriebssystemen, nicht am Reisen als solches angesetzt werden.)

Auch in Museen oder bei Kulturveranstaltungen, die im Sommer im Freien stattfinden, scheint die Ansteckungsgefahr verschwindend gering, wie die Erfahrungen der letzten Monate zeigen. Gerade in Museen ist es selbst in geschlossenen Räumen kein Problem, Besucher einzeln oder in kleinen Gruppen mit ausreichend Abstand durch eine Ausstellung zu leiten, ohne dass das Erlebnis darunter leidet.

Nicht zuletzt sind die Kulturinstitutionen und die Künstler auch auf die Unterstützung durch die Besucher angewiesen. Im April erinnerte der Fotograf Wolfgang Tillmans im Gespräch mit der SZ daran, dass Kunstmessen wie die Art Basel in Hongkong für die dortigen Künstler eine wichtige und seltene Gelegenheit zum intellektuellen Austausch sind. Der internationale Kunsthandel wird wohl schrumpfen, verschwinden darf er nicht, wenn nicht viele lokale Kunstszenen in Gefahr gebracht werden sollen. Für kleine Museen, Theater und Festivals ist die Krise finanziell existenzbedrohend, und auch wenn große Häuser wie der Louvre oder die Uffizien an einer mehrmonatigen Schließung nicht gleich zugrunde gehen werden, so fehlen durch die Millionenverluste doch vermutlich auf Jahre hinaus Gelder, die dringend für Forschung und Restaurierungen gebraucht werden. Dieses Loch sollte auf keinen Fall noch größer werden, als es ohnehin schon ist.

Kulturreisen sind in diesem Sommer natürlich keine Pflicht. Es sollte aber auch niemand ein schlechtes Gewissen haben, eine Schau im Ausland, die Filmfestspiele in Venedig oder eine andere Kulturveranstaltung zu besuchen, solange man sich an die grundlegenden Hygienemaßnahmen hält. Kunst zu unterstützen ist gerade in diesen Zeiten auch ein Zeichen von Solidarität und von demokratischem, europäischem Bewusstsein. Es ist, und das sollte man nicht vergessen, historisch gesehen ein großes Privileg, das man nicht leichtfertig aufgeben darf, erst recht nicht, wenn es gerade etwas schwierig ist.

© SZ vom 04.07.2020
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