Staatsakt für Helmut Kohl Die popkulturelle Begleitung des Todes von Prinzessin Diana sprengte jeden Ritus

Die Weimarer Republik, die wenig Gelegenheit zu zeremonieller Selbstdarstellung hatte, nutzte die Totenfeiern für den 1922 ermordeten Außenminister Walther Rathenau und den 1929 verstorbenen Kanzler und Außenminister Gustav Stresemann für beeindruckende republikanische Staatsakte.

Republikanisch mehr als monarchisch war 1878 die Überführung des ersten Königs von Italien ins Pantheon in Rom. Italien war als Staat damals erst 17 Jahre alt - Riten gab es nicht, und Viktor Emanuel II. war im Unfrieden mit der Kirche gestorben. Man hätte ihn auch in Turin, wo seine Dynastie zu Hause war, beerdigen können. Aber es musste Rom sein, es wurde eine Kirche, die zuvor ein heidnischer Tempel gewesen war, auch wenn es nur der Ortsgeistliche war, der für minimale kirchliche Verabschiedung sorgte.

Das junge Land, das eine geschriebene Verfassung hatte, begann sich zeremoniell erst zu sortieren. Alle atmeten durch, als der riskante Staatsakt über die Bühne gegangen war.

Krönungen, Begräbnisse und Fürstenhochzeiten sind heute Medienereignisse, und sie vermischen sich unversehens mit dem Starkult und seiner Rührseligkeit. Als Prinzessin Diana nach ihrem tödlichen Unfall beerdigt wurde, musste die britische Monarchie sich auf erhebliche protokollarische Umwälzungen einlassen - bis zur Änderung der Fahnenordnung -, um der öffentlichen Trauer gerecht zu werden. Die popkulturelle Begleitung sprengte dann jeden Ritus.

In Speyer wollte Kohl Thatcher überzeugen, dass er Europäer ist. Darauf sie: "Er ist so deutsch."

Jeder einzelne dieser Staatsakte ist etwas anders, und in jeder Variation prägt sich ein aktuelles Selbstverständnis aus. Konrad Adenauer wurde mit einem Pontifikalrequiem im Kölner Dom verabschiedet, danach wurde der Sarg auf dem Rhein zur Beerdigung nach Rhöndorf verschifft. Daran knüpfen die heutigen Pläne zu Kohls Verabschiedung unübersehbar an.

Deren symbolische Resonanzmöglichkeiten sind reich: Straßburg ist nicht nur Sitz des Europäischen Parlaments, sondern auch der zwischen Deutschen und Franzosen jahrhundertelang am meisten umstrittene Ort.

Helmut Kohl Europäischer Staatsakt für Helmut Kohl im Gespräch
Trauerfeier für Helmut Kohl

Europäischer Staatsakt für Helmut Kohl im Gespräch

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker will für den verstorbenen deutschen Altkanzler eine Zeremonie in Straßburg organisieren. Auch eine Totenmesse im Dom zu Speyer ist angedacht.

Speyer und sein Dom liegen nicht nur in der Heimat Helmut Kohls, hier ruhen auch zwei deutsche Kaiser des Mittelalters, Konrad II. und Heinrich V., außerdem mehrere deutsche Könige. Hier wollte, in einer zuletzt viel erzählten Szene, Helmut Kohl seine englische Kollegin Margaret Thatcher davon überzeugen, dass er mehr Europäer als Deutscher sei - was diese mit dem Seufzer "er ist so deutsch" quittierte.

Deutsch-französische Gemeinsamkeiten

Wer nach Vorläufern für europäische Staatsakte sucht, mag sie in den Verleihungen des Aachener Karlspreises erkennen - benannt nach dem ersten nachantiken Kaiser, der zu Deutschland und Frankreich gleichermaßen gehört.

Man kann aber auch an die Versöhnungsmesse denken, die Charles de Gaulle und Konrad Adenauer am 8. Juli 1962 in der Kathedrale von Reims feierten, dem von Deutschen im Ersten Weltkrieg bombardierten Heiligtum Frankreichs. Es war der vielleicht beeindruckendste Moment der französisch-deutschen Aussöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg.

Alle diese Vorläufer und Assoziationen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein Staatsakt für Helmut Kohl eine protokollarische Revolution sein wird, ein zeremonieller Gründungsakt. Wird Europa aus einer republikanisch-kirchlichen Totenfeier neu erstehen? Die Nachfolger von Professor Percy Ernst Schramm haben durchaus Grund, aufmerksam mitzuschreiben.