Digitale Kultur Nirgends ist das Phänomen so augenfällig wie bei Emojis

Weil mittels Programmiersprachen aber nicht nur Daten, sondern auch das Denken strukturiert wird, erwächst daraus eine Sprachmacht: Programmierer determinieren autoritativ, welche Sprachbefehle die Software versteht und welche nicht. Auf die Frage, "Siri, kennst du Alexa?" antwortet Apples Sprachassistentin übrigens: "Konkurrenzdenken ist nicht so wirklich mein Ding." Zwar ist diese Aussage ironisch gebrochen, doch ist der Sprechakt, der perlokutionäre Akt, dysfunktional, weil der beabsichtigte Effekt, die Suche nach Alexa, gar nicht eintritt.

Vom Philosophen Ludwig Wittgenstein stammt der Satz: "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt." Nur was sich verbalisieren lässt, existiert auch. Bezogen auf die Technikwelt bedeutet das: Nur was sich in der Beschreibungssprache des Codes ausdrücken lässt, existiert auch. Die Konzerne formatieren die Wirklichkeit.

Nirgendwo ist dieses Phänomen so augenfällig wie bei Emojis. Jeden Tag werden sechs Millionen dieser Symbole auf der Welt verschickt. Man kann mit den Piktogrammen bei der Pizzakette Domino's Pizza bestellen oder Politikern seine Unterstützung signalisieren. Die demokratische Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton twitterte im August 2015: "Wie fühlen sich eure Studienkreditschulden an? Sagt es uns in drei Emojis oder weniger."

Social Media Achtung, Durchsage
Soziale Medien

Achtung, Durchsage

Sprachnachrichten werden einem ungefragt hinterlassen und verlangen danach, gehört und beantwortet zu werden - kurz: Sie sind lästig. Jetzt gibt es sie auch noch auf Instagram. Muss das sein?   Von Julian Erbersdobler

Sprachforscher streiten, ob Emojis eine eigene Sprache bilden. Die Computerlinguistin Gretchen McCulloch argumentiert, dass Emojis das "digitale Äquivalent" von Mimik oder Gesten seien, welche Sprache eher ergänzen, aber nicht ersetzen. Wenn man ein Smiley verschicke, sei das so, als wenn man zusätzlich zum Gesprochenen unterstützend lächele.

Nur weil Emojis keine Syntax haben, folgt daraus nicht zwingend, dass sie keine Sprache darstellen. Die Elastizität der Bedeutungseinheiten - das als High-Five beliebte Emoji stellt eigentlich gefaltete oder betende Hände dar - spricht für den Sprachcharakter. Doch das Signum einer modernen Sprache, die Wandelbarkeit und Offenheit, ist bei Emojis gerade nicht gegeben. Die Zeichen sind wie Programmier"sprachen" ein geschlossenes System.

Über die Aufnahme von Emojis entscheidet das Unicode-Konsortium, ein gemeinnütziger Verein mit Sitz in Mountain View, dem Tech-Konzerne wie Apple, Facebook, Google, IBM und Microsoft angehören. Der Unicode-Standard, der von dem Gremium jedes Jahr herausgeben und in die Betriebssysteme implementiert wird, friert die Systematik und Semantik bis zur nächsten Beschlussfassung ein. Das digitale Fußvolk kann allenfalls Vorschläge unterbreiten. Dass eine kleine Elite ein Zeichensystem beherrscht, kennt man nur aus antiken Hochkulturen wie dem alten Ägypten und Mesopotamien. Und das waren keine demokratischen, sondern hierarchische Gesellschaften.