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Salzburger Festspiele:Kein Fortschritt ohne Schmerz

Sellars nimmt diese Gedanken wörtlich ernst. Liebe ist das beherrschende Thema des "Idomeneo", und Liebe heißt für ihn Teamarbeit. Deshalb ist kein Sänger bei seinen Arien allein auf der Bühne. Zudem bringt Sellars, das ist typisch für ihn, die ganze Welt auf die Bühne: eine Chinesin, zwei Schwarze, einen Neuseeländer, eine Irin, eine US-Amerikanerin, eine Tänzerin aus Honolulu, einen Tänzer aus Ozeanien.

Der Dirigent Teodor Currentzis stammt aus Athen, lebt in Russland und macht in Zentraleuropa die spektakulärste Musikerkarriere seit Karajan. Sein "musicAetera"-Chor aus Perm - ein Bravo auf dessen Leiter, Vitaly Polonsky! - ist der beste der Welt, er kann Wucht und Feinheit, er ist schnell, sehnsüchtig und rätselhaft: Allein die eingeschobene Chorarie aus Mozarts fast nie zu hörendem "Thamos" kommt einem Wunder ziemlich nahe.

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Salzburger Festspiele

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So wird dieser Abend schon durch die Besetzung zu einem Appell an die Menschheit, mit ihrem selbstzerstörerischen Tun aufzuhören und umzudenken. Das geht weit über das übliche Operngeschäft hinaus. Genau das ist jedoch schon der Subtext des "Idomeneo"-Libretto, das wie jedes Libretto des aufklärerischen 18. Jahrhunderts auf Umsturz, Neuanfang und die Umwertung aller fragwürdig gewordenen Werte abzielt. Am deutlichsten macht das Levy Sekgapane als Idomeneos Chefberater. Er darf zwar keine seiner beiden Arien singen, aber sein großer, vom Orchester begleiteter Sprechgesang ist ein verzweifelt heftiger Aufruf im Sinne der Fridays-for-Future-Jugendbewegung.

Mozart weiß in der Figur der Elettra allerdings auch, dass Liebe und Umdenken furchtbares Leid bedeuten können. Elettra und Idamante sind so lange glücklich, bis Ilia daherkommt und er seiner alten Geliebten darum die Liebe entzieht. Sellars zeigt, wie lange Idamante zwischen seinen beiden Frauen hin und her schwankt, wie unsicher er ist, wem seine Liebe gilt. Und Nicole Chevaliers Elettra macht einen Höllenritt der Gefühle durch. Ihre Stimme ist so klar wie ihre zu den Extremen neigenden Gefühle. Sie kann verliebt zwitschern. Als zuletzt abgewiesene Liebhaberin aber legt sie eine furiose Hassszene hin, die das Publikum begeistert goutiert. Dann bricht sie zusammen und liegt als sichtbares Opfer, quasi als Ersatz für den nicht gemordeten Idamante, während des langen Finalballetts auf der Bühne, in dem Brittne Mahealani Fuimaono und Arikitau Tentau tänzerisch zeigen, wie mühelos überraschend das Crossover zwischen Mozarts München und dem Pazifik heute funktionieren kann. Aber das Opfer ist gebracht und liegt als Menetekel dafür da, dass kein Fortschritt ohne schmerzliche, auch brutale Einschnitte zu haben ist.

Genauso dirigiert auch Teodor Currentzis das fabelhafte Freiburger Barockorchester, das sich in jedem Takt erneut übertrifft. Alle Musiker, die Cellisten ausgenommen, stehen beim Spielen, und die so gewonnene Freiheit ist hörbar. Currentzis tanzt die Partitur gewissermaßen, seine rastlosen Hände wühlen die Abgründe aus ihr heraus, bedeuten die Unbedingtheit des Eros wie alle Schmerzen und alle Freuden, die trotzdem über die Menschen auf der Bühne hereinbrechen. Currentzis ist der grandiose Erbe der beiden wegweisenden Mozartdirigenten der letzten Jahrzehnte. Er verbindet die Leichtigkeit und Eleganz John Eliot Gardiners mit der herben, existenziellen Nachdrücklichkeit Nikolaus Harnoncourts. Er amalgamiert beider Ansätze und treibt sie zudem noch in Extreme weiter. Kein Wunder, dass dieser derart und unbedingt als Zeitgenosse dirigierte Mozart mache Zuhörer erschreckt. Hier hat sich alles Liebliche mozartausgekugelt.

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