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Salzburger Festspiele:"Die Mitte kippt, das ist das Spannende"

Jörg Hartmann

Jörg Hartmann hat ihn drauf: den Charme und Sound des Potts.

(Foto: Stefan Klueter)

Abgrund und Ambivalenz sind das Spezialgebiet des Schauspielers Jörg Hartmann. In Salzburg spielt er nun in Horváths "Jugend ohne Gott" - und hat zugleich eine gute Nachricht für alle "Tatort"-Fans.

Ungefähr in der Mitte des Gesprächs beugt sich Jörg Hartmann vor, sein Kopf schwebt jetzt über dem Mikrofon auf dem Tisch im Café Bazar in Salzburg. Und er hat gute Nachrichten für alle Dortmunder. Es wird demnächst etwas Positives in einem "Tatort" aus Dortmund zu sehen sein, nicht nur Zerfall und Suff und Trainingsanzüge vor Zechensiedlungen in Einstellungen, die, das ist ja fast das Schlimmste, nicht mal in Dortmund gedreht wurden. Hartmann spricht ins Aufnahmegerät, und es klingt fast feierlich: "Ich verspreche das jetzt: Es werden bald andere Sachen kommen, andere Orte, die schöner sind." Der Technologiepark? Vielleicht das Kreuzviertel, wo Dortmund aussieht wie Berlin-Schöneberg, weil es nicht so zerbombt war? "Kommt noch. Ich schwöre es. Kommt noch."

Andererseits haben die Dortmunder aber auch immer was zu meckern. Dabei wird Hartmann auf seinen suizidalen Berserker-Kommissar Peter Faber sogar hier in Salzburg von Fans angesprochen. Sein "Tatort" sei der einzig lohnenswerte, weil er kraftvoll und authentisch ist, schwören sie. Zugegeben, bisschen düster, aber das liegt am Genre. So was wie die Spaßbolzen aus Münster ist Gold fürs Stadtmarketing, aber nüchtern schwer erträglich.

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So ungefähr hätte Hartmann das dem Dortmunder Oberbürgermeister Ullrich Sierau erklärt, nachdem der sich wegen einer Folge mit besonders abgeranzter Optik beschwert hatte, vorausgesetzt, Sierau hätte seine Einladung auf ein "lecker Pilsken" angenommen. Was er nicht tat.

Seine Kindheit verbrachte er in Herdecke zwischen Sporthalle und Frittenbude

Zweierlei ist zu diesem Zeitpunkt deutlich geworden: Jörg Hartmann ist ein enorm unterhaltsamer Erzähler, nicht nur, aber besonders, wenn er über das Ruhrgebiet spricht, seine Geburtsstadt Herdecke, die Eltern - der Vater gelernter Dreher, dann Hausmeister in der "Sporthalle am Bleichstein", die Mutter Supermarkt-Angestellte -, die Kindheit an einer Frittenbude auf einer Verkehrsinsel. Mal in Herdecke drehen, das wär's: "Ich bin ein Kind der Kleinstadt, das merke ich immer wieder", sagt Hartmann. "Herdecke hat Fachwerk, Herdecke ist zauberhaft, jetzt kann ich mal Werbung für meine Heimat machen. Fahrt hin!" Heute lebt er in Potsdam.

Außerdem, dies ist das Zweite, klingt der 50-Jährige gerade unüberhörbar nach Ruhrgebiet, was vorher nicht so war und sich danach wieder verliert. Sein Erzählen hat eine so pointensichere Schnodderigkeit, als würde sich nicht nur der Sprecher entspannen, sondern die Sprache selbst.

Ansonsten spürt man die Konzentration des Schauspielers vor der Premiere. An diesem Sonntag ist Hartmann bei den Salzburger Festspielen in "Jugend ohne Gott" zu sehen, einer Inszenierung von Thomas Ostermeier nach dem Roman von Ödön von Horváth. Das Buch erzählt von einem Lehrer im heranwachsenden Nationalsozialismus. Er ist kein Held und kein Verbrecher, sondern "auch nur ein Mensch, der möchte, dass seine Krawatte richtig sitzt" (Horváth), aber es mit einer Meute gehirngewaschener, gewaltbereiter Schüler zu tun hat. Ein Bootcamp, eine Liebesaffäre, ein toter Schüler - und plötzlich ist Schweigen für den Lehrer keine Option mehr.

Horváth schrieb das Werk in Henndorf, bei Salzburg. Es erschien 1937 in Amsterdam und wurde in Deutschland verboten. "Jugend ohne Gott" bedeutete Horváths Geburt als antifaschistischer Schriftsteller, begrub aber auch alle Hoffnungen auf einen Platz im System. Horváth hatte ja durchaus Kompromisse gemacht, Drehbücher für die NS-Kulturindustrie verfasst. Die Gewissensnöte des Anpassungswilligen kannte er gut. In "Jugend ohne Gott" schrieb er sie sich vom Leib.

Hartmann spielt den Lehrer, und weil er ein Schauspieler ist, der das Furchterregende und das Bemitleidenswerte nicht nur in derselben Figur, sondern in einer einzigen Geste, einem Blick, einem winzigen Innehalten zusammenbringen kann, ist diese Besetzung von höchstem Interesse. Für Hartmann ist der Lehrer ein Opportunist, der es dann doch schafft, "zu seiner eigenen Wahrheit vorzudringen". Aber er will dieser Figur auch etwas mitgeben, das Horváth nur andeutet, wenn er den Lehrer den Brief eines Schülers lesen, ihn in die Welt der Jugendlichen eindringen, ihre Liebschaften bespitzeln lässt. Hartmann will ihn in Verbindung setzen zu dem jugendlichen T., einem eisigen Menschenexperimentator, einem Mörder. "Da gibt es eine Parallele. Definitiv. Das fängt ganz früh an, und davon kann sich der Lehrer nicht frei machen. Wann beginnt Schuld? Das ist die große Frage des Stücks, deshalb habe ich überhaupt angebissen."

"Jugend ohne Gott" ist eine Parabel aus der Nazizeit, ungeheuer zeitgemäß

Ostermeier und sein Dramaturg Florian Borchmeyer haben "Neger" durch "Afrikaner" ersetzt, aber ansonsten nicht viel aktualisiert. "Jugend ohne Gott" bleibt eine Parabel aus der Nazizeit. Trotzdem ist sie natürlich ungeheuer zeitgemäß, vielleicht sogar zeitgemäß bis zum Abwinken. Gibt es wirklich noch jemanden, der die Rechten schlimm findet, aber erst im Theater von ihrem Aufstieg erfahren würde? Wann führt Wachrütteln ins Koma?

Hartmann gegenüber formuliert man diese Überlegungen diplomatischer. Aber die Frage nach der politischen Wirkung von Theater ist eine große und ewige und einem Schauspieler mit dem Spezialgebiet Abgrund und Ambivalenz vertraut. "Ich kann mit Theater nicht die Welt retten. Es ist und bleibt eine elitäre Veranstaltung, vor allem in Salzburg, wenn man sich die Kartenpreise anguckt." Aber da die Rechten auch in gehobenen Kreisen gewählt werden, statistisch gesehen von jedem Dritten, und von denen ein paar im Zuschauerraum sitzen, warum nicht versuchen, einen, vielleicht zwei Köpfe zu erreichen? "Die Mitte kippt, das ist das Spannende", sagt er und schiebt sofort nach: "Aber natürlich auch das Unheimliche."

Die Schlimmen liegen ihm mehr als die Lichtgestalten, die Guten werden manchmal flach und eckig, Katalogware. Im besten Fall gibt er ihnen einen Zug ins Arrogante oder eine Sturheit, die sie fehlbar und menschlich macht wie in Arthur Schnitzlers "Professor Bernhardi", den er ebenfalls für Schaubühnen-Chef Ostermeier spielte. "Was mich immer interessiert hat, ist eine Form von authentischem Ton. Ich hinterfrage mich ständig: Hartmann, was du da anschiebst, ich glaube dir kein Wort."

In der Serie "Weissensee" spielte er den Stasi-Offizier Falk Kupfer, einen Lebenszerstörer

Falk Kupfer haben ihm alle geglaubt, so sehr, dass manche Zuschauer einen echten Hass auf ihn entwickelten. Falk Kupfer ist ein Stasi-Offizier in der ARD-Serie "Weissensee", ein angsteinflößender, angstzerfressener Karrierist, der drei Staffeln lang Leben zerstört und in der vierten nach dem Mauerfall in den Armen seines Bruders stirbt. Hartmann, der für seine Darstellung den Deutschen Fernsehpreis erhielt, verdankt Falk Kupfer eine Menge. Dennoch hat er ihn leichten Herzens abtreten lassen, es war sogar sein Wunsch. "Ich wollte das nicht zum Sankt-Nimmerleins-Tag durchziehen: Da kommt noch etwas auf seine Schuldliste, dann versucht er da wieder rauszukommen. Irgendwann ist Sense. Ich wollte die Party verlassen, solange sie noch halbwegs schön ist."

So kam er zurück zur Schaubühne, wo er früher schon mal war. Zehn Jahre lang hatte er mit Ostermeier gearbeitet. Dann kamen "Weissensee" und der "Tatort" und jetzt sind sie wieder zusammen, erst für "Bernhardi", dann für "Jugend ohne Gott".

Es sind die letzten Tage vor der Premiere und die ersten, in denen Hartmann vor lauter Technik, Ton und Licht, Gängen, Gassen und Video überhaupt zum Spielen kommt. Ungeheuer anspruchsvoll sei die Inszenierung, ein steter Wechsel zwischen Epischem und Szenischem, Erzählen und Handlung, das Komplexeste, was er auf der Bühne je erlebt habe, sagt Hartmann: "Der Ablauf muss perfekt getaktet sein, es muss etwas Magisches bekommen. Erst wenn das stimmt, kann ich anfangen zu fliegen." Noch habe er die Figur "nicht hundertprozentig", sagt er. Aber das mag der Selbstschutz des Künstlers sein.

Aber warum überhaupt wieder Theater? Und warum noch mal Schaubühne und nicht irgendwas ganz Neues, Performatives? Weil Theater eine kollektive Versenkung in den Stoff erlaubt vor der Ensembleleistung auf der Bühne. Beim Film gebe es bestenfalls eine Leseprobe, dann Kamera an, "zack - und bitte".

Und warum wieder Ostermeier? Da wird er kurz unwirsch: Die Schaubühne sei "im guten Sinne konventionell". Immer müsse man sich rechtfertigen dafür, "dass man nicht die Volksbühne à la Castorf macht". Er habe gar nichts gegen Performance, solange es gelinge, die Welt des Autors auf die Bühne zu bringen. Aber, und da ist wieder dieser Hartmann-Sound: "Wenn ich da vorne an der Rampe irgendwie Männekes mache und meinen Arsch ins Publikum halte, ist das ja eher nicht förderlich."

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