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Regisseurin Maren Ade:"Ich war überrascht, welche Wege mein Gehirn geht"

Essenzielles Scherzgebiss: Peter Simonischek als Toni Erdmann.

(Foto: Komplizen Film, NFP)

Wie schon in ihren vorigen Werken "Der Wald vor lauter Bäumen" (2003) und "Alle anderen" (2009) beruht das Grundkonzept des Films weniger auf der Handlung als auf den Charakteren. Sie habe am Anfang immer nur die Figuren im Kopf: Еrst daraus entwickele sich drumherum eine Geschichte, die sie zum Drehbuch ausbaue.

Der Titel "Toni Erdmann" ihres neuen Filmes zitiert zwei persönliche Bezugspunkte der Filmemacherin: "Toni" ist eine Referenz an den verstorbenen US-Komiker Andy Kaufman, der in seinen Shows hinter einer Maske die Kunstfigur "Tony Clifton" verkörperte, die das Publikum anpöbelte und die Kaufman dazu diente, richtig Dampf abzulassen. "Das hat wie die Faust aufs Auge gepasst - daher auch der Vorname für unseren Erdmann", sagt Ade.

Auf eben jenen "Erdmann" stieß die Regisseurin wiederum in ihrer Geburts- und Heimatstadt Karlsruhe: "Das habe ich in irgendeiner Regionalwerbung bei meinen Eltern gesehen. Da war ich überrascht, welche Wege mein Gehirn geht."

Auf das Scherzgebiss aus schiefen Zähnen, das in "Toni Erdmann" eine zentrale Rolle spielt, stieß Ade hingegen in München, wo sie an der Filmhochschule Regie und Produktion studierte. Sie war dort bei einer Premiere der US-Komödie "Austin Powers", in der die Hauptfigur ein solches Pferdegebiss trägt. Die Prothesen wurden bei der Vorführung als PR-Gag verteilt, und sie dachte sich sofort, das ihr Vater diese am besten gebrauchen könne. So war es dann auch - der Altvordere machte von dem Ding reichlich Gebrauch. "Mein Vater neigte schon immer zu Scherzen. Er hat da ein großes Repertoire", sagt Ade. Der väterliche Spaßvogel im Film, der seine Tochter in groteske Situationen hineinzieht, hat für die Regisseurin also durchaus eine autobiografische Komponente.

Aber auch in der Unternehmensberater-Tochter erkennt sich Ade wieder. Wie schon bei "Alle anderen" habe sie sich zwar bemüht, die Männerfiguren gleich wie die Frauenfiguren zu behandeln , sagt sie.

Das Ringen darum, im Leben anzukommen

Doch dann merke sie immer wieder, dass es sie zu den Frauenfiguren mehr hinziehe, in dem Fall zur Tochter Ines: "Natürlich haben wir unterschiedliche Jobs, trotzdem gibt es auch Überschneidungen. Beim Filmemachen muss man Dinge oft auch hoch hängen und übernimmt eine Führungsrolle."

Anders als Ines auf ihrem seelenlosen Karrieretrip geht es Ade allerdings vor allem um die Nöte ihrer eigenen Generation. Ihre zwei vorigen Filme handeln stets von Menschen in den Dreißigern, die darum ringen, im Leben anzukommen - eine Aufgabe, die sich auch die Business-Tochter in "Toni Erdmann" stellt: "Ines spielt in ihrem Job stark eine Rolle, die sie oft ins Private hineinzieht, die ihr immer wieder verrutscht", sagt Ade.

Zwischen Privatem und Beruflichen kann bei Maren Ade hingegen gar nicht viel verrutschen. Sie ist mit Ulrich Köhler verheiratet, der ebenfalls Film-Regisseur ist. Wie sie wird auch er gelegentlich der Berliner Schule zugerechnet, und wie sie ist Köhler bereits mit einer Einladung in den Wettbewerb der Berlinale ausgestattet: Mit "Alle anderen" gewann Ade 2009 den Großen Preis der Jury, während Köhler 2011 mit einem silbernen Regie-Bären ausgezeichnet wurde.

"Eine Jury darf sich gegen die Kritikermeinung stellen"

In Cannes versagte die Jury Ade die "Goldene Palme", was der Einschätzung so gut wie aller Beobachter entgegenstand. Während der Furor in den Medien über diese als ungerecht empfundene Entscheidung groß war, nahm sie selbst das Votum der Juroren mit Gelassenheit hin: "Eine Jury darf sich gegen die Kritikermeinung stellen", sagt sie. Enttäuschung habe sie keine empfunden, ihr Gefühl beschreibt sie mehr als Überraschung: "Ach so, jetzt also kein Preis." Denn sie habe mit dem Werk so viel tolle Sachen erlebt, wie noch nie zuvor: "Dass sich "Toni Erdmann" zum Beispiel so gut verkauft hat. Das ist bei einem solchen Typ Film ja immer das Problem. Ich dachte der spaltet, und jetzt hat er in vielen Ländern einen Verleih gefunden. Das allein hat mich schon sehr zufrieden gemacht."

Man merkt Maren Ade an, dass sie sich von dem Hype, der in Cannes um ihre Person gemacht wurde, nicht verrückt machen lässt. Die Voraussetzungen dafür, dass in ein paar Jahren wieder ein toller, ausdauernd produzierter, Film von ihr vorliegt, stehen also gut.

© SZ.de/mcs/ghe
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