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Kino:Der Extra-Terrestrische

Mehr Hype geht nicht: Was man in Maren Ades Cannes-Erfolg "Toni Erdmann" noch entdecken kann, der jetzt in die Kinos kommt - zum Beispiel die besondere Rolle eines Hundes.

Die eigentliche Hauptfigur in "Toni Erdmann" ist ein Hund. Es ist der Hund von Winfried, dem sechzigjährigen Musiklehrers mit großem Faible für Verkleidungen, der sich gerne ab und an in eine Figur namens Toni Erdmann verwandelt. Sicher: Der Hund stirbt nach etwa einer Viertelstunde. In den zweieinhalb Stunden Film, die seinem Dahinscheiden folgen, denkt man aber noch oft an ihn zurück.

Diese Stunden, in denen der Musiklehrer Winfried alias Toni Erdmann sein scherzkeksartiges Unwesen treibt und dabei seiner Unternehmensberater-Tochter auf die Nerven geht, sind die meistbejubelten des deutschen Kinos seit Jahren - zumal es sich bei Maren Ades drittem Film um den ersten deutschen Cannes-Wettbewerbsbeitrag seit 2008 handelt. Die Filmwelt, nicht nur die deutsche, lief Maren Ade hinterher, als hätte sie die Hundepfeife ausgepackt. Zum Unglück vieler wurde Deutschland dann aber ebenso wenig Goldene Palme wie später Europameister.

Nach dem Tod seines Hundes fährt Winfried also nach Bukarest, wo seine Tochter Ines an einem Outsourcing-Projekt arbeitet. Da trifft der zottelige Musiklehrer auf seine glatte und mit allen Wassern des Kapitalismus gewaschene Ines, da prallt der Alt-Achtundsechziger mit humanistischen Idealen auf seinen komplett neoliberal gepolten Nachwuchs. Und dann beginnt er einfach, überall im Leben seiner Tochter aufzutauchen: im Nobelrestaurant, in der Firma, bei Aufträgen und Empfängen. Zuerst als Winfried, dann immer mehr als Toni Erdmann.

Winfried ist dabei ein Scherzkeks von der ganz harten Sorte. Seine Erfindung Toni Erdmann ist weniger eine Rolle als ein Ausnahmezustand, der sich durch einen labbrigen Anzug, zottelige Perücke sowie falsche Zähne mit Überbiss auszeichnet - Basisutensilien, die im Laufe des Films noch um eine lustige Sonnenbrille sowie ein Furzkissen ergänzt werden. Äußerlich ähnelt Erdmann außerdem dem daueralkoholisierten Lokalzeitungsmacher Horst Schlämmer, jener Figur des Comedians Hape Kerkeling, die sich ebenfalls durch Überbiss und Achtzigerjahre-Mähne auszeichnete - sowie einem Vampir. Man könnte meinen, dass der Scherzvampir Toni Erdmann mit seinem gewöhnungsbedürftigen Outfit nach und nach seinem armen Hund, einem sensiblen Ästheten und unfreiwilligen Zuschauer einer Dauerfarce, die letzte Lebensfreude abgesaugt hat. Vielleicht war der Hund aber auch einfach nur alt. Irgendwann ist halt die Luft raus, aus einem Furzkissen und aus dem Leben eines Hundes.

Kinostart - 'Toni Erdmann'

Bei Ines (Sandra Hüller) zeigt sich hier der Toni-Erdmann-Effekt.

(Foto: NFP/dpa)

Toni Erdmann wird zu einer Art Narr und Clown am Hof des Neoliberalismus

Indem Erdmann erst seine Perückenmähne und dann gegen Ende einen Ganzkörperzottelpelz trägt, wird die Verwandlung in Toni Erdmann aber auch nach und nach zur Verwandlung in seinen eigenen Hund. Ebenso wie der Hund zuerst ihn begleitet, so begleitet er nun seine Tochter und damit die harte Finanzwelt, die Ade in allen ihren Facetten darstellt: nicht nur beim Feiern, sondern auch und gerade bei der Arbeit.

Als Begleiter ist Erdmann aber nicht einfach nur Zuschauer. Er wird zu einer Art Narr und Clown am Hof des Neoliberalismus, der ihn zugleich bespaßt und kritisiert. Mal gibt er vor, der Personal Coach von Ines' Chef oder der deutsche Botschafter zu sein. Natürlich durchschaut man ihn sofort - und dennoch lässt man ihn irgendwie gewähren.

Ade geht mit dieser Narrenfreiheit sehr ökonomisch um: Es geht ihr schließlich nicht darum, die Finanzwelt im Irrsinn zu zersetzen. Zwar gibt es eine Kurve des Wahnsinns, die vom Pastakochen übers Koksen auf dem Discoparkplatz und dem Ejakulieren auf kalte Häppchen schließlich in einer Nacktparty kulminiert.

Aber diese Kurve ist gleichzeitig eine flache Linie, in der das, was wild beginnt, schnell seinen Drall ins Irre verliert. Die Koksszene endet im ungelenken Umhertänzeln des Vaters, die Onanie-Szene mit einem Orgasmus und die Nacktparty versackt in der Scham und Irritation ihrer Teilnehmer. Anstatt etwas bis in die letzte Konsequenz durchzuspielen, sucht Ade in ihrem schönen Film eher nach dem Ausgleich: zwischen Vater und Tochter und den Ideologien, für die sie stehen, ebenso wie zwischen den gleichermaßen brillanten Darstellungen von Peter Simonischek und Sandra Hüller.

Dieser Balanceakt des Films ist auch ein Spiel mit Fragezeichen. Man ist sich nie ganz sicher, welche Haltung Ines gegenüber ihrem Vater hat: Ist sie amüsiert oder eher genervt? Warum lässt sie es zu, dass er ihren Job durcheinanderbringt, warum erträgt sie seine Rollenspiele? Und warum lassen alle anderen Toni Erdmann gewähren, wo ihm doch niemand wirklich glauben kann, wenn er sich als Botschafter ausgibt? Weil er in Wahrheit wie ein Hund betrachtet wird, dem man nicht mal abnehmen würde, ein Mensch zu sein?

Diese Fragen machen "Toni Erdmann" zu einem Film, der das Unmögliche will: etwas zu zeigen, was nicht funktioniert, woran man kaum glauben kann. Da Maren Ade eine hervorragende Regisseurin ist, nimmt sie sich knapp drei Stunden Zeit, um diese irreale Situation eben doch sehr plausibel zu erden. Und dennoch kann sie ihr nie genug Dauer und Realität verleihen. Denn die Realität des Neoliberalismus, die sie beschreibt, hätte weniger einen sanften, parodistischen Begleiter erfordert als jemanden, der sie durch seine Verstellungsspiele tatsächlich bedroht hätte: eher einen Vampir mit echten Zähnen als einen Scherzkeks à la Horst Schlämmer.

In jedem Fall ist "Toni Erdmann" ein willkommener Außerirdischer im - leider oft unterirdischen - deutschen Kino. Vertauscht man ihre Reihenfolge, ergeben seine Initialen E.T., der Extra-Terrestrische. Dass Maren Ade diesen extraterrestrischen Toni erfunden hat, ist das zweitgrößte Verdienst ihres Films. Das größte ist die Verwandlung eines Komikers in einen Hund.

Toni Erdmann, D/Ö/Rumänien 2016 - Regie und Buch: Maren Ade. Kamera: Patrick Orth. Schnitt: Heike Parplies. Mit Sandra Hüller, Peter Simonischek, Michael Wittenborn, Thomas Loibl, Trystan Pütter. NFP Filmverleih, 162 Minuten.

© SZ vom 13.07.2016
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