Rassismus "Es gibt keine Nichtrassisten, nur Antirassisten"

Ibram X. Kendi ist Professor für Geschichte und Internationale Beziehungen an der American University in Washington, D.C.

(Foto: Greg Doherty/Patrick McMullan/Getty Images)

Der Politologe Ibram X. Kendi erklärt, warum rassistisches Handeln nicht auf rassistischen Vorstellungen beruht, sondern umgekehrt.

Interview von Sonja Zekri

Es ist kein ganz reibungsloses Telefonat. Ibram X. Kendi versucht, in Washington, D. C., ein Taxi zu bekommen, legt auf, steigt ein, nimmt wieder ab, fährt, irgendwann ist die Rede von einem Bus, aber keine Sekunde verliert er die Konzentration auf den Gegenstand. Es ist derselbe, dem er sein sehr beachtetes Buch "Gebrandmarkt" widmete und über den er am heutigen Montag im NS-Dokumentationszentrum in München sprechen wird: Amerikas Geschichte rassistischer Ideen und der Kampf dagegen. Kendi, einer der meistdiskutierten Historiker Amerikas, führt ihn auch im Ringen mit sich selbst - davon handelt sein nächstes Buch.

SZ: Zu denen, die sich gerade sehr um die Schwarzen bemühen, gehört Hollywood. Der Film "Green Book" beispielsweise erzählt von einem schwarzen Konzertpianisten, den ein weißer Rassist in den Sechzigern durch die Südstaaten chauffiert. Ein überzeugender Versuch?

Ibram X. Kendi: Nach allem, was man hört, ist es einer dieser typischen Filme, in denen ein Schwarzer Probleme hat und einen weißen Retter braucht. In diesen Filmen brauchen wir immer einen weißen Retter.

Kino Zwei Kulturen auf allerengstem Raum
"Green Book" im Kino

Zwei Kulturen auf allerengstem Raum

"Green Book" erzählt von der Reise zweier Männer durch die Südstaaten der Sechziger. Peter Farrelly verhandelt Themen, die in den USA noch immer heikel sind.   Von Fritz Göttler

Noch mal Hollywood: Der Schauspieler Liam Neeson hat jüngst berichtet, dass er vor 40 Jahren nach der Vergewaltigung einer Freundin durch einen unbekannten Schwarzen loszog, um einen Schwarzen zu töten. Er endete mit den Worten: "Ich bin kein Rassist." Ebenfalls typisch?

Typisch daran ist, dass jemand, dem man vorwirft, ein Rassist zu sein, erst einmal darauf besteht, dass er kein Rassist ist. Damit aber zählt er sich zu einer Kategorie, die es meinen Forschungen zufolge gar nicht gibt. Nur sehr wenige Menschen können erklären, was Rassismus ist, aber alle definieren sich erst einmal weit weg. Das ist ein Widerspruch.

Was ist denn ein Rassist - Ihrer Erkenntnis nach?

Ein Mensch, der von einer ethnischen Hierarchie ausgeht, davon, dass eine Gruppe besser ist als die andere. Antirassistische Vorstellungen beruhen auf der Annahme, dass alle Gruppen gleich sind. Zwischen diesen beiden Auffassungen gibt es nichts. Entweder - oder. Deshalb gibt es auch keine Nichtrassisten, aber durchaus Antirassisten.

Das müssen Sie erklären.

Der Antirassist ist bereit zuzugeben, dass er rassistische Ideen geäußert hat; er handelt antirassistisch und begreift die Schwierigkeiten ethnischer Gruppen als Folge einer Politik, nicht als spezifische Probleme Einzelner oder der Gruppe. Die Vorstellung eines Nichtrassisten aber leugnet die Existenz von Rassismus schlechthin.

Betrachten wir die Praxis. Viele Hoffnungen ruhten auf Barack Obama, dem ersten schwarzen Präsidenten. Was ist davon geblieben?

Unter Obama wurde viel von Gleichheit gesprochen, es gab politische Anstrengungen, die Ungerechtigkeit zu vermindern. Er wurde zu einer Marke, zu einem Symbol für das postethnische Amerika aufgebaut, sodass viele irrtümlich glauben, nun, da sie den ersten Schwarzen zum Präsidenten gewählt hatten, sei der Rassismus überwunden. Aber schwarze Menschen wurden von Polizisten erschossen, ihre ungleiche Behandlung in der Bildung und in der Strafverfolgung bestand fort.

Der Publizist Ta-Nehisi Coates schreibt in seinem Buch "We Were Eight Years in Power", die Sklaverei sei kein Widerspruch zur amerikanischen Demokratie gewesen, sondern ihre Voraussetzung: die Bedingung für weißen Wohlstand und weiße soziale Gleichheit. Wenn Unterdrückung das historische Fundament Amerikas ist, wie kann es sie je überwinden?

Nationen entstehen aus Gesetzen, Konventionen und Regeln, die in den Vereinigten Staaten zu Ungleichheit geführt haben. Obwohl es eine alte überholte Politik ist, betrachten viele Amerikaner es dennoch als zutiefst amerikanisch oder sehr normal. Wer diese Konstruktion infrage stellt, rührt demnach an die Existenz Amerikas. Eigentlich müssten sie also ewig existieren, dürften nie abgeschafft werden. Es stimmt, der Rassismus ist allgegenwärtig, aber die Amerikaner können das ändern.