USA Im Bann des "ersten weißen Präsidenten"

"Donald Trumps Weißsein ist nicht theoretisch oder symbolisch, sondern der Kern seiner Macht", sagt der Autor Ta-Nehisi Coates.

(Foto: imago/ZUMA Press)
  • Der schwarze Intellektuelle Ta-Nehisi Coates hat eine Debatte über die amerikanische Gesellschaft ausgelöst.
  • Seine These: Donald Trump sei der Versuch, die Existenz des ersten schwarzen Präsidenten auszuradieren.
  • Hoffnung auf eine Besserung der Lage der Afroamerikaner hat er nicht.
Von Johannes Kuhn, Austin

"The crown ain't worth much if the nigga wearin' it always gettin' his shit took"
 - Marlo Stanfield, The Wire

Das Problem des schwarzen Amerikaners ist, dass er sowohl ein Schwarzer als auch ein Amerikaner ist: Der Historiker W. E. B. Du Bois war es, der dieses Dilemma 1903 so präzise formuliert hat.

Die Frage, ob sich dieser Zwiespalt auflösen lässt, richtet sich seit jeher an das schwarze und das weiße Amerika zugleich. Sie steht hinter der Debatte über Polizeigewalt und Masseninhaftierung von Afroamerikanern. Sie ist derzeit präsent in der Unterstellung, der Protest schwarzer Athleten während der Nationalhymne sei "unpatriotisch". Und in ihr angelegt ist auch die Abrechnung mit einer nationalen Lebenslüge der vergangenen Jahrzehnte: Dass die schwarze Emanzipation ein langsamer, aber unaufhaltsamer Weg zur Befreiung und Gleichberechtigung ist.

Mitte der 1960er erahnte der schwarze Sozialkritiker Harold Cruse bereits, dass das Du Bois'sche Dilemma nicht zu lösen ist. Die afroamerikanische Identität, so seine Prophezeiung, würde stets zwischen dem ethnischen und dem nationalen Pol hin und her schwingen.

In den vergangenen Jahren hat der Intellektuelle Ta-Nehisi Coates mit diesem Widerspruch der afroamerikanischen Identität gerungen wie fast niemand sonst. Er wurde in der Amtszeit Barack Obamas auch deshalb vom Nischenblogger zum publizistischen Superstar, weil er mit seinen Denkbewegungen die gängigen Diskurse zerstörte. Vor Coates waren Debatten über die materiellen, gesundheitlichen und bürgerrechtlichen Nöte des schwarzen Amerikas im Mainstream allzu oft auf bequeme Antworten wie "Mehr Hilfe zur Selbsthilfe" reduziert worden.

Weiße Strukturen, düstere Aussichten

Vor allem das Versöhnungsnarrativ rund um den "ersten schwarzen Präsidenten" widerlegte Coates historisch unterfüttert: In einem Land, dessen nationale Mythen nicht ohne die Ursünde der Sklaverei denkbar sind, kann ein Obama zwar existieren - aber nur als Ausnahme und innerhalb der weiß eingefärbten Strukturen des Landes. Eine angreifbare These, die dem Land keine ehrlichen historischen Fortschritte zugesteht und gerade durch diese radikalen Perspektive ihre Kraft entfalten kann.

Allerdings eben auch eine, der die Geschichte zumindest vorläufig recht zu geben scheint: Die Wahl Donald Trumps hat Coates' Pessimismus schließlich bestätigt, ja übertroffen. Das nun als Buch erschienene Best-of seiner seit 2008 im Atlantic erschienen Texte hat er deshalb nostalgisch "We Were Eight Years In Power: An American Tragedy" genannt. Wer dieses "wir" ist, bleibt so diffus wie die afroamerikanische Position in der amerikanischen Nation.

Was der neue Präsident verkörpert, daran lässt Coates dafür in einer Art Single aus dem Best-of keinen Zweifel: "Donald Trump ist der erste weiße Präsident" heißt der Text, um den herum nun seit Wochen eine schmerzhafte Grundsatzdebatte auflodert.

Das "Afro" in "Afroamerikaner"

Trumps Wahl ist für Coates nämlich nichts anderes als der Versuch, die Existenz des ersten schwarzen Präsidenten auszuradieren. Obama konnte sich noch so postethnisch präsentieren und das "amerikanische" seiner Identität betonen: Die weiße Mehrheit wählte dennoch jenen Mann zum Nachfolger, dessen politische Karriere mit perfiden Zweifeln an Obamas Staatsbürgerschaft begann.

Wenn das weiße Amerika Afroamerikaner ausspricht, meint es demnach weiterhin vor allem: Afro.