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Framing-Check: "Rassenunruhen":Übersetzungsfehler mit zersetzender Wirkung

Protesters demonstrate outside the Seattle Police Department's East Precinct after the building was boarded up and vacated

Demonstranten vor dem Seattle Police Department.

(Foto: JASON REDMOND/REUTERS)

Wer die Proteste in den USA als "Rassenunruhen" bezeichnet, legitimiert ein menschenverachtendes Konzept - und verkennt die Einzigartigkeit dieses Widerstandes.

Wo Sprache ist, ist auch Subtext. Vor allem dort, wo Sprache politisch wird. Zur Analyse dieser Subtexte hat sich in der Forschung unter anderem das Konzept des Framings etabliert. Framing meint einen Assoziations- und damit Deutungsrahmen für Begriffe: Wer "Zitrone" hört, denkt an "sauer" oder "gelb". Dieser Mechanismus lässt sich politisch instrumentalisieren. Frames definieren nämlich oft ein Problem - und liefern, wenigstens implizit, auch gleich die passende Lösung. Bei einem Begriff wie "Flüchtlingsstrom" sieht man vor dem geistigen Auge große Menschenmassen heranrauschen. Eine Naturgewalt und darin ein Bedrohungsszenario. Was die vermeintliche Lösung "Abschottung" nahelegt.

In einer losen Serie analysiert die SZ das Framing politisch oder gesellschaftlich relevanter Begriffe. Diesmal: "Rassenunruhen".

Wer den Begriff benutzt:

Der Blogger Nasir Ahmad hat auf Twitter gerade einen Thread gestartet, "wer die Tage alles über ,Rassenunruhen' (...) sprach". Ergebnis der natürlich nicht erschöpfenden Auflistung: Der Begriff findet sich in den meisten deutschen Leitmedien - Zeitungen, Nachrichtensendungen, Magazinen, Talkshows. Außerdem in der Politik und im alltäglichen Gespräch. Auch die SZ hat ihn verwendet. "Rassenunruhen" gehört zu den verhältnismäßig wenig reflektierten Ausdrücken im deutschen Sprachgebrauch - was überrascht. Rasse ist hierzulande schließlich ein historisch extrem vorbelasteter Ausdruck. Die Nazis haben nicht zuletzt auch mit ihrer menschenfeindlichen Rassenlehre den Genozid an den Juden gerechtfertigt.

Hintergrund für das fehlende Bewusstsein dürfte womöglich das Gefühl sein, mit dem Begriff lediglich das amerikanisch-englische Wort race zu übersetzen, hier also die Rede von race riots zu übernehmen.

Was der Begriff suggeriert:

Race meint etwa laut dem Cambridge Dictionary dort allerdings etwas gänzlich anderes als in Deutschland: "A group, especially of people, with particular similar physical characteristics, who are considered as belonging to the same type, or the fact of belonging to such a group." Eine Gruppe von Menschen also, denen einende physische Charakteristika zugeschrieben werden. Man spräche hierzulande am ehesten von der Ethnizität.

In einer engeren Bedeutung meint der Begriff sogar einfach Personen, die dieselbe Sprache und Geschichte und gewisse Eigenschaften teilen. Die Briten wären in diesem Sinne etwa eine island race - Menschen, die auf derselben Insel sozialisiert sind.

In Deutschland ist der Begriff "Rasse" aber hauptsächlich biologistisch konnotiert. Er schreibt Menschen tendenziell Charakterzüge zu, die sich angeblich aus einer biologischen Grundlage speisen sollen. Ein Framing, das hier in mehrfacher Hinsicht falsch ist: Zunächst einmal, weil die Rassenlehre rassistischer, menschenverachtender Unfug ist. Zum anderen aber auch, weil es ja eben gerade keine einenden physischen Merkmale bei den Demonstranten gibt, die in den USA (und in vielen anderen Ländern) gegen Rassismus, Diskriminierung und (Polizei-)Gewalt protestieren. Es sind Menschen nahezu aller Ethnien, Glaubensrichtungen, Hautfarben, sozialer Schichten oder Nationalitäten, die wegen der systemischen Ungleichheiten auf die Straße gehen.

Problematisch ist aber auch der zweite Teil des Wortes: "Unruhen". Ein Mensch, der für Unruhe sorgt, ist schließlich jemand, der ein funktionierendes, (in sich) ruhendes System durcheinanderbringt. Er oder sie stört den Frieden. Das mag für diejenigen zutreffen, die die Proteste für Zerstörungen und Plünderungen nutzten. Die große Mehrheit demonstriert allerdings friedlich gegen ein System, das durchtränkt ist von strukturellem Rassismus, von Ungleichheit, Argwohn und von Unterdrückung. Die Demonstrationen mit Unruhen gleichzusetzen, verkehrt also Ross und Reiter.

Wie das die Wahrnehmung steuert:

Wird der Begriff bewusst genutzt - will der Sprechende tatsächlich die hiesige Bedeutung des Wortes "Rasse" betonen - handelt es sich um einen recht banalen Fall von dog-whistle politics. Man verwendet also einen Ausdruck, der zwar nicht justiziabel ist, von der eigenen Gesinnungsgruppe aber so verstanden wird, wie er gemeint war. In diesem Fall also als rassistische Schmähung. Ähnlich einer Hundepfeife, die das Haustier hört, Menschen aber nicht.

Wird "Rassenunruhen" unreflektiert verwendet, verknüpft das den aktuellen Widerstand für deutsche Ohren wenigstens implizit und unterbewusst mit den Rassenkonzepten von einst. Das dürfte die Wahrnehmung der Proteste weniger beeinflussen, als dass es das Wort "Rasse" wenigstens ein Stück weit legitimiert.

Der Bestandteil "Unruhen" deutet dazu ein urdemokratisches Grundrecht (freie Meinungsäußerung, Widerstand) zu einem Gewaltakt um. Wer protestiert, ist in dieser Wahrnehmung kein Demonstrant mehr und kein mündiger Bürger. Er zersetzt ein System. Ist dieser Frame erst etabliert, ist die Reaktion leicht erdacht: Das System, das ja das Gewaltmonopol innehat, muss die Ruhe erhalten. Mit der Polizei. In Extremfällen wohl auch mit dem Militär.

Was ein weniger framender Begriff wäre:

Nasir Ahmad versucht auf Twitter, den Begriff #rassismusunruhen zu etablieren. Das ist treffender, löst aber nur die eine Hälfte des Problems. Weniger framend - vor allem aber inhaltlich richtiger - wäre es, einfach von "Protesten gegen Polizeigewalt und Rassismus" oder von "Demonstrationen gegen Ungleichheit und Diskriminierung" zu sprechen. Wer sagen will, dass es dabei auch Gewalt und Plünderungen gab, kann das einfach konkret benennen. Das würde dann auch den Unterschied betonen, den es zwischen demokratischem Widerstand und Krawall gibt.

© SZ
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