Lieder gegen den Kapitalismus (Teil I) Janis Joplin - Mercedes Benz (1970)

Janis Joplin auf einer Aufnahme aus dem Jahr 1969

(Foto: Getty Images)

"Mercedes Benz" ist das Viagra unter den Anti-Kapitalismus-Liedern: ein Zufallsprodukt, nie im Sinne des Erfinders - und doch eine Berühmtheit von Weltrang. Janis Joplin hatte nie geplant, den Song zu veröffentlichen. Für sie war er eine Eselei, zusammengedichtet in einer durchzechten Nacht, eingesungen in einer Pause während der Aufnahmen für das Album "Pearl". In nur einem Take ohne Instrumente. Und eingeleitet mit dem bedeutungsschwangeren und vor Ironie triefenden "I'd like to do a song of great social and political import. It goes like this".

Die Zeile "C'mon, God, and buy me a Mercedes Benz" von Michael McClure, Poet der Beat-Generation, war ihr Ausgangspunkt. Joplin gefiel die Absurdität, den Herrgott angesichts aller irdischen Ängste und Nöte um eine deutsche Luxuskarre zu bitten. Immer wenn sie albern war, sang sie diese Zeile - seit sie sie einmal zufällig gehört hatte. So erzählte es Bob Neuwirth, einer ihrer Wegbegleiter.

"Mercedes Benz" ist ein Song, dessen Süffisanz als Kritik am Konsumismus interpretiert wurde; jene systemstabilisierende List des Kapitalismus, durch die die Menschen nicht an die ausbeuterischen Renditeziele ihrer Arbeitgeber, sondern an den neuen Flachbildschirm oder eben den Benz denken. Dem Immer-mehr-leisten-müssen und dem konsumgesellschaftlichen Wettbewerb ("My friends all drive Porsches, I must make amends") setzt Joplin nicht etwa schrillen Protest oder Verweigerung entgegen. Sie sendet ein sarkastisches Stoßgebet aus, "I'm counting on you, Lord, please don't let me down". Es ist eben nicht jeder seines eigenen Glückes Schmied im Kapitalismus.

Hätte Joplin bewusst ein Anti-Kapitalismus-Lied geschrieben, ein appellatives, aufwühlendes, wütendes Lied, es hätte wohl nicht die Wirkung und Beliebtheit erreicht wie "Mercedes Benz". Das Auflehnen gegen das System, es kann auch ironisch daherkommen.

Wenige Tage nachdem sie spaßeshalber ihren "Song mit großer sozialer und politischer Bedeutung" einsang, starb Janis Joplin an einer Überdosis Heroin. Zu ihrem Erbe zählt ein Porsche 356c, den sie sich zwei Jahre zuvor gekauft hatte.

Gökalp Babayiğit

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