bedeckt München 29°

Lieder gegen den Kapitalismus (Teil I):Melodien für Rebellionen

Kapitalismus Musik

Von "Brüder, zur Sonne" bis "Ain't That a Bitch": Kapitalismuskritik in Songs

(Foto: Collage SZ.de)

Es fängt an mit "Brüder, zur Sonne, zur Freiheit" und endet bei Peter Licht: Seit 100 Jahren arbeiten sich Songschreiber und Bands am Kapitalismus ab. Eine subjektive Auswahl revolutionären Liedguts.

Die britische Musikpresse veröffentlicht gerne Hitlisten für alles mögliche, allen voran der einst legendäre New Musical Express (NME). Es gibt zum Beispiel eine Aufstellung mit den "500 besten Alben aller Zeiten" oder den "100 großartigsten Künstlern aller Zeiten"; die Wendung "of all time" benutzen die NME-Macher gerne. Hätten die Musikjournalisten einmal eine Liste mit den häufigsten Themen in der Musik gemacht, der Kapitalismus läge wohl ziemlich weit vorne, womöglich nur geschlagen von der Liebe.

"Schneller, höher, weiter: Macht uns der Kapitalismus kaputt?" - Diese Frage hat unsere Leser in der neunten Runde des Projekts Die Recherche am meisten interessiert. Dieser Beitrag ist Teil eines umfangreichen Dossiers, mit dem die Süddeutsche Zeitung diese Frage der Leser beantworten will - mit einer digitalen Reportage zum Thema Ungleichheit in Deutschland, mit Essays zu Verwerfungen und Vorteilen eines umstrittenen Systems und vielem mehr. Alles zur aktuellen Recherche lesen Sie hier, alles zum Projekt hier.

Songs über den Kapitalismus - oder besser: gegen ihn - gibt es schon sehr lange. Spätestens seit Anfang des 20. Jahrhunderts, als der Begriff populär und von da an meist mit negativer Konnotation verwendet wurde. Dort beginnend, haben wir im Rahmen der Kapitalismus-Recherche eine Auswahl kapitalismuskritischer Stücke zusammengestellt. Wenn auch Theodor W. Adorno, Mitbegründer der Frankfurter Schule, wichtigster intellektueller Impresario der antikapitalistischen 68er-Bewegung und außerdem einer der bedeutendsten Musiktheoretiker, wohl davon nicht angetan gewesen wäre. Für ihn waren sämtliche "Versuche, politischen Protest mit der popular music, also mit der Unterhaltungsmusik, zusammenzubringen (...) zum Scheitern verurteilt", wie in einer 3-Sat-Dokumentation nachzuhören ist.

Allerdings muss man zur Verteidigung sagen, dass Adorno, gestorben 1969, sich vor allem mit Zwölftonmusik aus Wien beschäftigt hat und nichts ahnte von Ton Steine Scherben oder Rage against the machine. Er konnte nicht wissen, dass das herrschende Wirtschaftssystem, das er in Erwartung seiner baldigen Überwindung Spätkapitalismus nannte, sich so zäh halten und so viele wütende Songs inspirieren würde. Hier also nun eine - wohlgemerkt subjektive und nicht repräsentative - Kompilation antikapitalistischen Liedguts, zusammengestellt von SZ-Autoren.

Herrman Scherchen - Brüder, zur Sonne, zur Freiheit (1918)

Demonstration zum Ersten Mai in Berlin, 1930

Demonstration zum 1. Mai 1930 in Berlin

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

"Einen Finger kann man brechen, aber fünf Finger sind eine Faust!" sagte einst Ernst Thälmann - und kaum ein anderes Lied spiegelt den Widerstand der Arbeiterklasse gegen Ausbeutung so wider wie "Brüder, zur Sonne, zur Freiheit". Hermann Scherchen (1891-1966) lernte das Lied zu Beginn des Ersten Weltkrieges in russischer Kriegsgefangenschaft kennen und dichtete zu dem russischen Studentenlied 1918 drei deutsche Strophen:

"Brüder, zur Sonne, zur Freiheit, Brüder zum Licht empor! Hell aus dem dunklen Vergangnen leuchtet die Zukunft hervor. Hell aus dem dunklen Vergangnen leuchtet die Zukunft hervor.

Seht, wie der Zug von Millionen endlos aus Nächtigem quillt, bis eurer Sehnsucht Verlangen Himmel und Nacht überschwillt!

Brüder, in eins nun die Hände, Brüder, das Sterben verlacht! Ewig, der Sklav'rei ein Ende, heilig die letzte Schlacht!"

Der von Leonid Petrowitsch Radin verfasste russische Urtext war noch martialischer ("Tapfer, Genossen, im Gleichschritt ..."). Erstmals gesungen wurde "Brüder, zur Sonne, zur Freiheit" 1898 bei einem Zug von politischen Gefangenen durch Moskau auf dem Weg in die sibirische Verbannung. In Russland wurde es spätestens mit der Oktoberrevolution 1918 zur Hymne. 1920 wurde es auch in der Weimarer Republik populär. Während der Nazi-Diktatur wurde es, umgedichtet mit einer neuen vierten Strophe, sogar als "Kampflied der SA" und Propagandalied missbraucht.

Nach dem Zweiten Weltkrieg avancierte es neben der "Internationalen" und der SPD-Parteihymne "Wann wir schreiten Seit an Seit" zu einem der meistgesungenen Lieder kommunistischer und sozialistischer Parteien und Organisationen. Die eingängige Melodie und Text erklangen sowohl beim Aufstand in der DDR 1953 als auch bei den Montagsdemonstrationen zur Wendezeit.

Lars Langenau