Literatur "Dann erst begriff sie: Er war stärker als sie"

Bettina Wilpert, geboren 1989 in Eggenfelden, aufgewachsen bei Altötting, arbeitet als Trainerin für Deutsch als Fremdrache in Leipzig. "Nichts, was uns passiert" ist ihr Debütroman.

(Foto: Linonono)

Sie sagt, sie wurde vergewaltigt. Er sagt, es war einvernehmlich. Bettina Wilperts Roman ist schonungslos detailreich.

Von Bernhard Blöchl

Dass es im Sommer 2016 war und dass sie mehrere Monate lang recherchierte, um sich dem schwierigen Thema zu nähern. Dass sie den Prozess um das Fernseh-Model Gina-Lisa Lohfink aufmerksam verfolgte, die zwei Männer der Vergewaltigung beschuldigt hatte - und wegen falscher Verdächtigung verurteilt wurde. Dass sie sich mit feministischen Phänomenen wie "Slutwalk" und Täter-Opfer-Umkehr auseinandersetzte. All das erzählt Bettina Wilpert, wenn sie über die Entstehung ihres Romans "Nichts, was uns passiert" spricht, der vor Kurzem im Verbrecher-Verlag erschienen ist.

In dem Buch geht es um Anna und Jonas, zwei kluge junge Menschen im Leipziger Universitäts-Milieu, die sich kennenlernen und näherkommen, bevor das Drama über sie hereinbricht. Nach einer Geburtstagsfeier behauptet Anna, dass sie vergewaltigt worden sei. Jonas sagt, es sei einvernehmlicher Geschlechtsverkehr gewesen. So einvernehmlich wie auch der Sex der beiden vor ein paar Wochen gewesen war. Im Roman geht es nun nicht vorrangig darum, wer von beiden Recht hat. Es geht um die Frage, was "die Sache", wie Anna die mutmaßliche Vergewaltigung nennt, mit Freunden und Bekannten macht. Und: wie eine aufgeklärte demokratische Gesellschaft mit sexueller Gewalt umgeht.

Um sich diesen Fragen zu nähern, hat sich die Schriftstellerin für einen Erzählstil entschieden, den der erste Absatz dieses Textes verdeutlichen soll. Viele ihrer Sätze beginnen mit "dass", um Gesagtes wiederzugeben. Als Leser taucht man - nach einer gewissen Eingewöhnungszeit freilich, das bringt das sperrige Wagnis mit sich - in ein kunstvoll gebautes Protokoll ein. Das literarische Ich tritt nicht in Erscheinung. Er/sie gibt sich lediglich als jemand zu erkennen, dem alle Geschichten erzählt wurden; ohne bei der Wiedergabe selbst zu urteilen. "Dass es im Mai war und dass er sich als Joni vorstellte, obwohl sie ihn nie so nennen würde und auch niemand sonst ihn so nannte." So beginnt der Roman, der seine Form auf 165 Seiten hält.

"Auf diese Weise schaffe ich Distanz", erklärt Wilpert, die sich als Fan von True-Crime-Storys bezeichnet, von Geschichten, bei denen Personen von außen auf die Ereignisse blicken, wie zum Beispiel bei der Netflix-Serie "Making A Murderer". Sie sagt: "Das Gute an der Literatur ist, dass man sich nicht für die eine oder andere Seite entscheiden muss." Ein dialektisches Denken, keine Schwarz-Weiß-Malerei. "Es soll zum Nachdenken anregen." Ein kluger Ansatz, wenn es um ein hochsensibles Thema wie dieses geht. Gerade in Zeiten der "Me Too"-Debatte, die die Autorin beim Schreiben freilich noch nicht erahnen konnte, in deren Umfeld ihre Veröffentlichung jetzt aber gut zu passen scheint, ist ein wertfreier Text eine wertvolle Seltenheit. Einer, der differenziert, alle zu Wort kommen lässt, nicht impulsiv beurteilt und schon gar nicht hetzt.

Bettina Wilpert wurde 1989 in Eggenfelden geboren und ist in Erlbach bei Altötting aufgewachsen. In einer Gegend, "wo es nicht so viel zu tun gab und ich deswegen immer viel gelesen habe", wie sie sagt. Die Mutter Buchhändlerin, der Vater Deutschlehrer, beste Voraussetzungen. Schon als Siebenjährige habe sie gewusst, dass sie Schriftstellerin werden will. Mit acht schrieb sie erste Geschichten, mit 14 Theaterstücke. Dass sie die Geschichte ihres Romans in Leipzig ansiedelte, in den Sommer der glorreichen Fußball-WM 2014, liegt daran, dass sie nach dem Abitur nach Berlin zog und später nach Sachsen. "Ein Studenten-Milieu, wie ich es beschreibe, gibt es in Altötting nicht", sagt die 28-Jährige, die Kulturwissenschaft, Anglistik und Literarisches Schreiben studiert hat. "Nichts, was uns passiert" ist Wilperts offizielles Debüt, einen ersten (unveröffentlichten) Roman und mehrere (veröffentlichte) Kurzgeschichten hat sie aber bereits geschrieben. Stipendien in Klagenfurt und Berlin sowie die Referenz als "Artist in Residence" beim Festival "Prosanova" 2017 in Hildesheim unterstreichen ihre Ambitionen.

"Persönliche Nähe" zum Vergewaltigungs-Stoff habe sie nicht, das betont Wilpert im Gespräch am Telefon deutlich; "moralisch wäre das sonst eher schwierig", sagt sie. "Ich habe auf Distanz recherchiert, in Foren im Internet." Außerdem habe sie Interviews geführt mit einer Sozialpädagogin, einer Rechtsanwältin, einer Psychologin und einer Kriminalhauptkommissarin. Wie es auf dem Polizeirevier zugeht, wie so ein nüchterner Ort auf eine Frau wirken muss, die lange mit sich gerungen hat, mit ihrer Geschichte überhaupt dorthin zu gehen, beschreibt Bettina Wilpert sehr ausführlich. Es gibt da eine Seite in ihrem Buch, die besteht ausschließlich aus Fragen. Fragen, die Anna bei der Vernehmung gestellt werden: Wie alt sind Sie? Wie viel wiegen Sie? Was haben Sie am 4. Juli gegessen? Was haben Sie getrunken? Das geht lange so weiter bis zu Fragen wie diesen: Welche Stellung hatten Sie? In welcher Position war er? Haben Sie sich gewehrt? Haben Sie nein gesagt? Mit welcher Hand hat er Sie angefasst? Warum haben Sie erst jetzt Anzeige erstattet? Zwei Monate später?

Eine große Stärke dieses inhaltlich wichtigen und stilistisch bemerkenswerten Romans ist denn auch seine schonungslose Detailfülle. Mit Sätzen, die lange nachwirken: "Dann erst begriff sie: Er war stärker als sie. Sie konnte sich nicht wehren. Sie gab auf. Versuchte, sich zu entspannen. Dann tat es weniger weh. Fing an zu zählen. Seitdem wusste sie, dass 1380 Sekunden 23 Minuten sind." Die Autorin lässt kaum etwas aus. Weder die Suchbegriffe, die ihr beim Googeln vorgeschlagen wurden: "Ich bin vergewaltigt worden / Ich bin vergewaltigt worden und schwanger / Ich bin vergewaltigt worden was soll ich tun / Ich bin vergewaltigt worden und es hat mir gefallen"; noch die komplexen Gedanken zur Opferrolle; noch die Aussagen der Familien, der Freunde, der Ex.

Kürzlich war der Roman Thema auf der Leipziger Buchmesse. Auf ihrer Facebook-Seite schrieb Wilpert hinterher: "Das Gute: Fremde Frauen öffnen sich mir gegenüber. Eine Frau hat erzählt, dass sie darüber nachdenkt, wie sie ihre Kinder erziehen kann, so dass ihr Sohn kein Sexist wird und wie sie ihrer Tochter beibringen kann, sich zu wehren. Eine andere, dass sie und ihre Freundinnen alle schon einmal sexistisch angemacht und angefasst wurden."

Bettina Wilpert: Nichts, was uns passiert, Lesung am Donnerstag, 10. Mai, 20 Uhr, Bamberg

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