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Literatur:Sarah Kuttner schreibt ein bisschen über sich selbst

Sarah Kuttner

Kuttners Zeit als Moderatorin bei Viva, MTV, ARD und ZDFneo merkt man dem souveränen Überbrückungsplappern im Buch an.

(Foto: Erik Weiss)

Klischees, schiefe Bilder, Gefühliges - das neue Buch der früheren MTV-Moderatorin hat all das. Trotzdem ist "180° Meer" kluge Unterhaltung.

Eine Prostituierte der menschlichen Emotionen sei sie. Das sagt Jule, wenn sie sich und ihren ungeliebten Job beschreibt. Sie ist Anfang dreißig. Zweimal pro Woche singt Jule in einer Bar in Berlin. Sie singt Soul, schlechten Soul, und selbst wenn ein Song mal eigentlich gar kein Soul ist, dann wird er von ihr und ihrem Pianisten trotzdem "kaputtgesoult".

Dabei mimt sie die Soulsängerin, die sie eigentlich nicht ist, mit einem sehr kleinen Repertoire an Mimik und Gestik, von dem sie weiß, dass die Leute genau diese Mimik und diese Gestik von einer Soulsängerin erwarten. Den Pianisten kann sie auch nicht leiden. Es macht sie wütend, dass er so ambitioniert ist, so zielstrebig, wie sie selbst es nie war. Dass er etwas will.

Jule, die Ich-Erzählerin von Sarah Kuttners drittem Roman, will indes gar nichts. Das heißt, eigentlich will sie schon etwas, nämlich eine Art reines Sein, in dem niemand etwas von ihr will, niemand Ansprüche an sie stellt. So wie Omas und Opas das können, sagt Jule, Eltern aber nicht. Die sind zu nah dran, so wie Jules Mutter, im Buch immer nur "Monika" genannt, immer zu nah an ihr dran ist.

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Roman stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Diese alleinerziehende Mutter, mit der sie nichts verbindet außer einer gewaltigen Wut, die immer dann aufflammt, wenn Monika bei Jule anruft. Mehrmals hintereinander, auch wenn gar nichts Wichtiges ist. Die Tochter ringt um Distanz und darum, dass die seelischen Zudringlichkeiten dieser schwer egozentrischen, depressiven Frau, für die Jule von Kindheit an Stütze sein musste und Lebensinhalt, endlich ein Ende haben.

Wohltuend anonym

Der Vater? Hat unerfüllbare Ansprüche an Jule gestellt. Ist dann sehr früh abgehauen und gibt jetzt eines der vielen Ziele von Jules dauernd einsatzbereiter, riesengroßer Wut ab. Auf die Welt. Auf alle anderen.

Kuttners Roman setzt ein, als Jules ungeliebtes Leben zusammenbricht. Ihr einziger Rückzugsort, die Beziehung mit ihrem Freund Tim, gerät in eine schwere Krise - und Jule flieht. In London, bei ihrem jüngeren Bruder Jakob, will niemand etwas von ihr.

Die Geschwister rauchen Joints auf der Terrasse, Jakobs Zweck-WG ist wohltuend anonym, und dann ist da noch ein kratzbürstiger kleiner Hund, der auch nichts will, in dem Jule sich wiedererkennt und den sie bald täglich an einer Paketschnur um die Blocks führt. Eine tröstliche Pause, jedenfalls bis zu dem Moment, als Jakob ihr von der tödlichen Krebserkrankung des Vaters erzählt.