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Kultur in der Türkei:Explosion der Kreativität

Paradoxe Türkei: Ihre Kulturpolitik ist höchstens repressiv, und doch ergattern Künstler wie Pamuk oder Kaplanoglu eine Flut von internationalen Preisen. Der türkischen Kultur geht es so gut wie nie zuvor.

Man kann nicht sagen, dass Tayyip Erdogan, der am Sonntag um seine Wiederwahl kämpft, den Künsten zugetan wäre. Oder die Künstler ihm. Erdogan, das ist der Premierminister, der per Fingerzeig eine Skulptur fällen lässt, weil sie ihm nicht passt, der Mann, der Karikaturisten im Dutzend vor Gericht zerrt. Und dennoch - das ist nur eine der vielen Paradoxien in diesem vorwärtsstürmenden Land voller Chaos und Widersprüche - geht es der türkischen Kunst so gut wie nie zuvor.

Jahresrückblick 2010 - Berlinale

"Unsere Künstler kommen im Laufschritt:" 2010 gewann der Semih Kapanoglu bei der Berlinale den "Golden Bären". 

(Foto: dpa)

Ob Kino oder Literatur, ob Theater oder Malerei - überall ist Aufbruch. "Entfesselt" betitelte Sotheby's im vergangenen Jahr seine Auktion junger moderner Kunst aus der Türkei. Von einem "Leben auf Anabolika" spricht der Kurator Vasif Kortun. Die deutsche Kuratorin Gisela Winkelhofer hat in Istanbul gar einen "Big Bang" beobachtet.

Erdogan hat ohne Zweifel eine wirtschaftliche und politische Renaissance des Landes angestoßen, und dass diese begleitet wird von einer Explosion der Kreativität, ist kein Zufall. Als der Istanbuler Regisseur Nuri Bilge Ceylan im Jahr 2008 in Cannes für die beste Regie ("Drei Affen") ausgezeichnet wurde, da widmete er den Preis seinem "schönen und einsamen Land". Dabei war es da mit der Einsamkeit der noch bis in die achtziger Jahre hinein in wirtschaftlicher und kultureller Isolation lebenden Türkei schon lange vorbei.

Das Ausland war aufgewacht und begann sich die Augen zu reiben: Orhan Pamuks Nobelpreis für Literatur 2006, Cannes 2008, die Entscheidung von Sotheby's 2009, erstmals eine Auktion allein der türkischen Moderne zu widmen; der Goldene Bär für Semih Kaplanoglus Film "Bal" (Honig) in Berlin 2010, schließlich im vorigen Monat erst der Jurypreis von Cannes erneut für Nuri Bilge Ceylan, gleich danach der Autorenpreis des Heidelberger Stückemarktes für den türkischen Dramatiker Berkun Oya ... -alles Anzeichen für eines: "Unsere Künstler kommen im Laufschritt."

Der Schriftsteller Yekta Kopan sagt das, der im Sender NTV die Kultursendung Tag und Nacht moderiert. "Und wenn der nach innen gekehrte Westen das so spät erst merkt - selber schuld."

"Emanzipation der Menschen"

Und die Regierung? Sie hat sich das Großereignis "Kulturhauptstadt 2010" unter den Nagel gerissen und grandios gegen die Wand gefahren, ansonsten kommt von ihr nichts. Es ist kaum Geld da, nicht für Ausstellungen, Konzerte oder Filmförderung. Nicht für eine Konzerthalle, nicht für ein großes Museum.

Das ist Fluch und Segen zugleich. Ein Fluch, weil sich die Kunst so mit Haut und Haar dem Markt ausliefern muss. Ein Segen, weil sich die Kunstwelt so die zudringlichen Ideologen und Zensoren aus der staatlichen Bürokratie oft vom Leibe halten konnte. Zensur und Selbstzensur legten den Künstlern in der Vergangenheit immer Fesseln an, und ja, meint der Autor Yekta Kopan, dies sei immer noch ein Problem. Aber längst nicht mehr so wie früher. Es gebe ein "neues Selbstbewusstsein".

Eine "Emanzipation der Menschen" hat auch Claudia Hahn-Raabe beobachtet, die langjährige Leiterin des Goethe-Instituts in Istanbul. Sie spricht von einer Befreiung: "Viele Verbote, viele Ängste von früher gibt es nicht mehr."

Unter der Regierung Erdogan wurden viele Tabus - etwa der Völkermord an den Armeniern oder die Verwendung der kurdischen Sprache - gebrochen, und all das fand seinen Widerhall in der Kunst. Das wilde Nebeneinander von neuen Freiheiten und alten Anachronismen, von blindem Verharren und ebenso blindem Vorwärtsstürmen, all das ist den Künstlern ein gefundenes Fressen. Und die Öffnung zur Welt, der Zufluss von Geld, die neue Aufmerksamkeit für die Türkei, all das, was die Regierung Erdogan ihren Geschäftsleuten bescherte, das kommt auch den türkischen Künstlern zugute.

© SZ vom 11.06.2011/pak

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