Fünf Favoriten der Woche:Ein Herz für Freaks

Lesezeit: 5 min

Fünf Favoriten der Woche: Roman Ondaks "Measuring the Universe" stammt aus dem Jahr 2007 und wurde 2008 von PIN. Freunde der Pinakothek der Moderne erworben.

Roman Ondaks "Measuring the Universe" stammt aus dem Jahr 2007 und wurde 2008 von PIN. Freunde der Pinakothek der Moderne erworben.

(Foto: Bayerische Staatsgemäldesammlungen)

Beglückende Gemeinschaftserfahrung durch Roman Ondak im Museum, Underground-Kult aus dem Jahr 1932, eine südkoreanische Serie, ein Großmeister-Album von Danger Mouse & Black Thought und Setzlinge: Die Empfehlungen der Woche.

Von SZ-Autoren

Roman Ondak: "Measuring the Universe"

Sommer ist Museumsalarmzeit. Wenn müde Stadttouristen und mäßig motivierte Schulklassen sich durch Ausstellungsräume schieben, ertönt so häufig der Alarm, weil jemand einem Kunstwerk zu nah kommt, dass man sich schon wundert, wenn es mal fünf Minuten lang nicht piept. Im Saal 21 der Pinakothek der Moderne in München piept es nicht. Und das, obwohl die Besucher hier so nah an das Kunstwerk herangehen, dass sie es mit ihrem ganzen Körper berühren. Doch der Kontakt mit der Arbeit "Measuring the Universe" von Roman Ondak ist nicht nur erwünscht, er ist essenzieller Bestandteil von dieser Performance. Von jedem, der will, wird hier Maß genommen. Egal ob ein wenige Monate altes Baby, Teenager mit Plateauschuhen oder der Senior in khakifarbenen Shorts. Ein Museumswärter fragt, welche Himmelsrichtung man bevorzugt - Süden, Norden, Osten, Westen -, geht dann mit einem zur betreffenden Wand und misst mit dem Lineal die Größe. Schließlich wird der schwarze Strich mit Vornamen und Datum versehen - schon ist man Teil des Kunstwerks. Genauso wie Carla Zoe, das Baby, Stella, Valeria, Louis und Konrad. Wie Livia, Proud und Taddeo. Ihre Namen wirken aus der Ferne auf der strahlend weißen Museumswand wie eine filigrane Kalligrafie, die nach oben und unten hin ausdünnt, während sie etwa auf der Höhe zwischen 1,60 und 1,80 Meter bereits zu einem dichten, schwarzen Strom verschmolzen sind. Das Datum samt der eigenen Körpergröße, die abends kleiner ist als morgens, ist eine Momentaufnahme der eigenen Existenz, die in der Masse aufgeht.

Es ist erstaunlich, was diese kleine, vermeintlich banale Handlungsanweisung von Ondak auslöst. Wärter, die sonst nur grummelig auf Abstandsregeln pochen, strahlen plötzlich, während sie Maß nehmen. Fremde lächeln sich zu, Sätze werden gewechselt. Der Augenblick genossen, während er dokumentiert wird. Die Performance des slowakischen Künstlers ist bereits 15 Jahre alt. Als sie das erste Mal auf einer Kunstmesse in China gezeigt worden ist, soll das Publikum ausgeflippt sein vor Freude, sich in ein Werk einzeichnen zur dürfen. Heute, nach zahlreichen Lockdowns und in der Pandemie, ist es vor allem die heiter beschwingte Gemeinschaftserfahrung, die diese Performance schenkt, die sie so eindrücklich macht. Laura Weißmüller

Fünf Favoriten der Woche: Tod Brownings "Freaks" aus dem Jahr 1932.

Tod Brownings "Freaks" aus dem Jahr 1932.

Tod Brownings "Freaks"

Viele Zuschauer verließen bei der ersten Testvorführung den Saal, hieß es, sie gingen nicht, sie rannten davon: "Freaks" war der Film, 1932, eine Produktion der glamourösen MGM. "Freaks" ist anders, das Leben in einem kleinen Wanderzirkus - Regisseur Tod Browning, der mit dem ersten "Dracula" dem Studio einen Riesenerfolg bescherte, hatte selbst in einem Zirkus gearbeitet. "Freaks" war ein totaler Misserfolg, erst in den Sechzigern wurde er zum Underground-Kult (DVD bei Pidax). Zirkus damals war eine Schau der Abnormitäten, und Abnormes war moralisch suspekt. Tod Browning drehte mit siamesischen Zwillingen, einer bärtigen Frau, Gliederlosen. Die zynische Trapezkünstlerin Cleopatra gaukelt dem kleinwüchsigen Hans Liebe vor, natürlich hat sie es bloß auf sein Geld abgesehen. Eine robuste Zärtlichkeit prägt den Film, was einen schaudern lässt, ist die eigene Schaulust. Fritz Göttler

Fünf Favoriten der Woche: Jung Woo in "A Model Family".

Jung Woo in "A Model Family".

(Foto: Netflix)

Netflix-Serie "A Model Family"

Gut, mit Hysterie in "Squid Game"-Dimensionen ist bei dieser Netflix-Serie eher nicht zu rechnen. Aber "A Model Family" ist trotzdem ein weiterer Beweis für die Exzellenz des südkoreanischen Film- und Serienschaffens. Die zehnteilige Thrillerstory erzählt von einem Unidozenten mittleren Alters in der Existenzkrise: Die Karriere stagniert, das Geld ist knapp, die Tochter in der Pubertät, der Sohn herzkrank und die Ehefrau will die Scheidung. Am Tiefpunkt sieht er auf einer wenig befahrenen Landstraße ein Auto am Straßenrand. Der Innenraum ist voller Blut, die Leiche eines Mannes hinterm Steuer - und auf der Rückbank liegt eine riesige Tasche mit Bargeld. Die Scheine sind zwar auch blutverschmiert, könnten ihm aber einen Neuanfang ermöglichen... Regisseur Kim Jin-woo ist ein großer Bewunderer von "Fargo", auch Hitchcock und Highsmith dürfte er studiert haben. "A Model Family" ist im besten Sinne ein Thriller alter Schule. David Steinitz

Fünf Favoriten der Woche: Danger Mouse & Black Thought: "Cheat Codes".

Danger Mouse & Black Thought: "Cheat Codes".

(Foto: BMG)

Danger Mouse & Black Thought: "Cheat Codes"

Bei "Strangers" kommt das Ganze dann kurz in der Gegenwart an. Pumpender Bass, blubbernder Puls, toll scheppernde Drums. Und die ziemlich fantastische, sehr locker jetztzeitige Zeile "It's kind of strange how the change in climate ain't because of climate change" - seltsam, dass die Veränderungen im Klima nichts mit dem Klimawandel zu tun haben. Zeitgeistdiagnose featuring Wortspiel, die beiden großen Krisenherde der Welt in einer Zeile - so etwas wie die Königsdisziplin von Black Thought.

Der Rapper ist im Hauptberuf Frontmann der Formation The Roots, jetzt hat er ein Album mit dem Produzenten Danger Mouse aufgenommen. Endlich, muss man sagen. Geplant war es schon vor mehr als 15 Jahren. Dann kam der elende Alltag - was sonst - dazwischen. Danger Mouse, bürgerlich Brian Joseph Burton, wurde zusammen mit dem Sänger CeeLo Green zum Projekt Gnarls Barkley, produzierte Alben der Black Keys, von Beck und den Red Hot Chili Peppers. Black Thought, alias Tariq Trotter, produzierte Filme und veröffentlichte mit seiner "Streams of Thought"-Serie ein paar (ziemlich hörenswerte) Solo-Alben. Außerdem stellt er seit vielen Jahren mit den Roots die Studioband von Jimmy Fallon. Was man eben so macht.

Nun also das nachgereichte Gipfeltreffen. Wer ermessen will, wie gut die beiden jeder für sich waren und sind, schaue sich etwa den zehnminütigen Freestyle an, den Black Thought vor ein paar Jahren beim Radiosender Hot 97 ablieferte - er gilt noch heute mindestens als Silberstandard in der Szene. Oder man besorge sich auf halblegalen Wegen "The Grey Album" von Danger Mouse, ein enorm famoses Mash-Up-Werk, eine Klang-Collage also, und zwar aus den gesampelten und dann sehr klug zerhackten Instrumentals des "White Albums" der Beatles und den isolierten Raps von Jay-Zs "Black Album". Schwer zu bekommen leider. Der Rechteinhaber EMI hält es unter Verschluss, obwohl die beiden noch lebenden Beatles das Projekt toll finden.

Auf "Cheat Codes", dem gemeinsamen Album, dominiert nun vor allem die Großgelassenheit der Altmeister. Schwerstsouveräne Retro-Atmosphäre, hohe Soul-Sample-Dichte, vieldimensional, geigensatt, grandios entspannter Rap-Flow. Absolut nichts nötigt einem einen dieser anstrengenden Superlative ab. Aber wirklich alles ist einfach sehr, sehr gut. Jakob Biazza

Fünf Favoriten der Woche: Ein Junge pflanzt einen Baum.

Ein Junge pflanzt einen Baum.

(Foto: imago images/Panthermedia)

Setzlinge sind die neuen Sträuße

Zur Eröffnung des Bachfestes Leipzig im Juni sprach Intendant Michael Maul nicht nur beschwingt über das Programm, er erklärte selbstbewusst auch die Abschaffung des Blumenstraußes. Stattdessen würden Urkunden für Künstler fortan auf Samenpapier gedruckt, einfach "in die Erde stecken, dann wächst ein wunderschöner Blumenstrauß". Das war eine eher symbolische Sache für ein Festival, für das Tickets in mehr als 50 Länder verkauft worden waren mit entsprechenden Fernreisen von und nach Indien oder Kolumbien. Genauso ist es eine symbolische Geste, wenn die Athletinnen und Athleten der European Championships in München jetzt Setzlinge erhalten statt schöner Sträuße. Das zwischengetopfte Ochsenauge für alle Medaillengewinner wird anschließend im Olympiapark eingesetzt, ist bienen- und schmetterlingsfreundlich und blühte auch 1972 schon am Ort. Jetzt blüht es also wieder, wenn es sich nicht zertrampeln lässt. Ochsenauge, sei wachsam! Cornelius Pollmer

Zur SZ-Startseite

Gastronomie-Geschichte
:Grill Royal

Balkan-Restaurants sind aus deutschen Großstädten seit Langem so gut wie verschwunden. In Berlin gibt es ein Lokal, das nicht nur Nostalgiker glücklich macht.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB