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Komödie "The Interview":Smarte Selbstparodie des US-Showbusiness

So oder so: Im Mittelpunkt dieses Hollywood-Tohuwabohus steht mittlerweile "The Interview", über dessen Handlung sich der nordkoreanische UN-Botschafter Ja Song Nam prophylaktisch schon im Juli beschwert hatte. Weshalb man jetzt - während die Behörden ermitteln, die Sony-Leute fluchen, die Nordkoreaner schimpfen und die Verschwörungstheoretiker das Internet überschwemmen - vielleicht einfach auf den Rat des amerikanischen Präsidenten hören sollte.

James Franco und Seth Rogen in "The Interview".

Im Land von Diktator Kim Jong Un läuft nicht alles glatt. Da hilft nur noch Hündchen halten.

(Foto: AP)

Sprich: ins Kino gehen sollte. Denn trotz der nun erfolgten Selbstzensur war der Firma Sony bis Mittwoch noch an der fleißigen Promotion dieses Films gelegen, wozu auch gehört, dass schon Pressevorführungen stattgefunden haben.Was also ist das für ein Monster von einem Film, den Menschen mit Hacker-Angriffen und Terrordrohungen verhindern wollen? Zunächst einmal: es ist ein sehr, sehr lustiger Film - und vor allem viel mehr eine smarte Selbstparodie des US-Showbusiness als eine Herabwürdigung Nordkoreas.

Zu Beginn lernen wir den selbstverliebten Moderator Dave Skylark (James Franco) und seinen Redakteur Aaron (Seth Rogen) in Aktion kennen. Gerade haben sie es geschafft, dem Rapper Eminem (gespielt von Eminem) zu entlocken, dass er schwul ist. Auch an Matthew McConaughey, der unter heftigem Sodomie-Verdacht steht, sind sie ganz nah dran. Doch während Dave seine eigene Enthüllungsmaschinerie in konstante Partylaune versetzt, würde Aaron ganz gern auch mal über Hollywood hinausblicken.

Diktator als bester Kumpel

Weshalb es sich gut trifft, dass Nachwuchsdiktator Kim Jong Un ein Riesenfan ihrer Show ist und die beiden Klamauk-Macher in sein streng abgeriegeltes Land einlädt. Dorthin reisen sie nicht nur mit großen Scoop-Erwartungen, sondern auch mit einem kleinen Giftbriefchen der CIA - bei Hautkontakt soll es Kim aus seinen Despoten-Stiefeln hauen.

Dummerweise entpuppt sich der Diktator zunächst als der beste Kumpel, den man sich als kokainabhängiger TV-Trash-Moderator nur wünschen kann. Gemeinsam toben Dave und er übers Basketballfeld, schlürfen Champagner mit heißen Nordkoreanerinnen - und erzählen sich ihre tiefsten Geheimnisse. Dazu gehört, dass Kim wie Dave an einem saftigen Daddy-Komplex leiden. Vor allem aber sind beide der Meinung, dass man sich nicht schämen muss, ein Fan von Katy Perry zu sein.

Wie James Franco und der famose Kim-Darsteller Randall Park dann in herzlichster Männerfreundschaft vereint Arm in Arm im Panzer durchs nordkoreanische Hinterland brettern und brüllend laut Perrys "Firework" hören, ist definitiv die beste Slapstick-Szene des ganzen Kinojahres: "Cause baby you're a firework / Come on show 'em what you're worth / Make 'em go Oh, oh, oh!"

Was das Kino leisten könnte, wenn es wollte

Komödien wie "The Interview", die aus Hollywoods Mittelbau stammen - also weder Indie-Produktion noch Blockbuster sind - werden gern belächelt, besonders in Deutschland, woran oft die hirnverbrannten deutschen Verleihtitel schuld sind. Aber gerade in den letzten Jahren hat sich das Genre in den USA zu einem so sicheren wie subversiven Seismografen nordamerikanischer Befindlichkeiten gemausert.

Das ist Übervätern wie dem Produzenten und Regisseur Judd Apatow zu verdanken, der so ziemlich die komplette aktuelle Riege an US-Comedy-Stars entdeckt hat. Auch Seth Rogen gehört dazu, der bei "The Interview" auch Drehbuch und Regie verantwortet, gemeinsam mit seinem Kumpel Evan Goldberg.

Nachdem die beiden mit der Weltuntergangskomödie "Das ist das Ende" im vorigen Jahr schon eine ziemlich fiese Hollywood-Parodie vorgelegt hatten, legen sie in "The Interview" nochmal einen Zahn zu. Natürlich geht es letztlich überhaupt nicht um Kim Jong Un, der sich am Ende doch als Depp erweist und sich in einem irren Hubschrauberstunt von der Despoten-Weltkarte verabschiedet. Sondern darum, was Kino heute eigentlich leisten könnte, wenn es wirklich will.

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