Kirchengeschichte Konklave im Vatikan: Die geheimste Wahl der Welt

Gerichtsprozess für eine Leiche - im Jahr 897 wurde der tote Papst Formosus exhumiert und geschändet. Abb.: Papst Formosus und Stephan VI., Jean-Paul Laurens, 1870.

(Foto: Musée des Beaux-Arts, Nantes/Gemeinfrei)

Zweitausend Jahre als Kirchenthriller: Der Priester Hubert Wolf hat ein unbequemes Buch über die Geschichte der Papstwahl geschrieben. Es ist eine Zumutung für konservative Kleriker.

Buchkritik von Rudolf Neumaier

Wie lang bleibt Papst Franziskus im Amt? Zugegeben, es waren eher feixende Gegner dieses Pontifex als seriöse Informanten, die im vergangenen Jahr Gerüchte über seine bevorstehende Resignation verbreiteten. Erst in der Kurie, dann im Internet. Franziskus hat viele Gegner, und überdurchschnittlich viele unter den eigenen Klerikern, weil er die katholische Kirche nach ihrem Geschmack zu unkonventionell führt. Er verachtet zum Beispiel Hierarchien. Doch wie es aussieht, lässt sich der 80 Jahre alte Argentinier die Arbeit noch nicht verdrießen, und er wirkt auch nicht gerade tattrig. Und obwohl ihm als Papst ein möglichst langes Leben beschieden sei und bis zum nächsten Konklave noch einige Zeit vergehen wird, ist das Buch des Kirchenhistorikers Hubert Wolf über die Geschichte der Papstwahl schon jetzt von akuter Bedeutung. Denn für die konservativen Gegner des Papstes ist es eine Zumutung.

Hubert Wolf, 57, ist: Priester der Diözese Stuttgart. Und Ordinarius an der Uni Münster. Und vielfach preisgekrönt. Und Drittmittelkönig in seinem Fach. Und ganz sicher alles andere als ein Gegner von Papst Franziskus. Und Bestseller-Autor - welcher andere katholische Kirchenhistoriker in Deutschland liegt in Buchhandlungen im Regal mit den Top-Lesetipps. Zum einen schreibt er im eloquenten angelsächsischen Stil - pointiert, aufs Wesentliche fokussiert, fast bis zur Zuspitzung auf seine Thesen konzentriert. Zum anderen zeigen seine Verkaufserfolge, und dies ist eine wichtige Erkenntnis: Kirchenthemen sind und bleiben gefragt in der säkularen Welt. Allein die Menschen fordern eher Aufklärung als Erbauung. Was die Bücher von Wolf traditionsgemäß gewährleisten.

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Er ist unbequem für seine Kirche. Dabei behelligt er sie keineswegs mit Vorwürfen. Die Fakten, die der Quellenwühler in ihrer 2000-jährigen Geschichte findet, reichen locker aus, um ganze Kongregationen voller Dogmatiker zu düpieren. Dogmatiker berufen sich auf die immerwährend kontinuierliche Lehre der Kirche. Bei Wolf aber lernt man immer wieder, welcher Basis diese Einstellung zu den vermeintlich antiken Traditionen entbehrt: Sie sind erst im Laufe der Jahrhunderte entstanden, die Kirche hat sich den Erfordernissen der Zeiten angepasst. So gesehen müsste sie, hätte sie ihre Tradition der Flexibilität fortentwickelt, heute vor Reformeifer sprühen.

Man denke nur an die absurden Papstwahlen des Mittelalters, die Hubert Wolf beschreibt. In Rom bekriegten sich reiche lokale Clans, und einen Papst in der Familie zu haben, war mit Sicherheit opportun. Es galten damals noch die Bestimmungen, die das Konzil von Nicäa im Jahr 325 festgeschrieben hatte. Sie besagten, dass Kleriker grundsätzlich nicht von einer Diözese in eine andere wechseln durften. Wer sich in einer Diözese zum Bischof weihen ließ, war ihr verbunden wie in einer Ehe. Demnach konnte beispielsweise ein Bischof von Mailand keinesfalls Bischof von Rom werden. Und damit Papst. Nicäa legte fest: Wer in ein anderes Bistum abwandert und sich weigert, in sein Ursprungsbistum zurückzukehren, wird exkommuniziert. Höchststrafe: Verlust des Seelenheils.

Wenn sie zu lange brauchten, bekamen die Kardinäle nur noch Wasser und Brot

In vielen Fragen ihres Glaubens halten sich die Dogmatiker des Vatikans noch heute an das Konzil von Nicäa. Das Verbot, sein Bistum zu wechseln, kennen sie nicht mehr. Es ist vergessen. Stattdessen verweisen sie umso beherzter auf andere, spätere Konzile, auf denen die Unauflöslichkeit der Ehe zementiert wurde. Dass die Kirche Nicäa verdrängte, hatte einen einfachen Grund: Es war wegen der Fehden der Clans nicht mehr praktikabel, einen Papst aus Rom selbst zu wählen. Hubert Wolf spricht von Mafiamethoden, mit denen sie sich bekämpften. Die Auseinandersetzungen gipfelten in der Leichensynode von 896: Der frisch gewählte Papst Stephan VI. ließ seinen Vorgänger Formosus exhumieren und der verwesenden Leiche den Prozess machen. Einer der Vorwürfe: Formosus war vor dem Pontifikat Bischof einer anderen Diözese. Man hackte der Leiche Finger ab, enthauptete und zerhackte sie und warf sie in den Tiber. Wolf schreibt: "Die Vorschriften des Konzils von Nikäa wurden nie explizit aufgehoben. Wie sollte man auch eine feierliche Entscheidung des kirchlichen Lehramtes verändern?" Antwort: Die normative Kraft der faktischen Vernunft vermag's offensichtlich von selbst.

Die Papstwähler werden von der Außenwelt abgeschottet. Inzwischen wirkt es wie ein fantastisches Ritual, das der Kirche wohl gerade wegen seiner anachronistischen Strenge und wegen seiner Seltenheit die besten Einschaltquoten beschert, die sie heute noch erzielen kann. Robert Harris' im Herbst erschienener Roman "Konklave" ist nicht der erste Thriller zum Thema. Das Konklave, das Eingesperrt-Sein der Kardinäle, kristallisierte sich erst im Mittelalter als günstigste Form zu wählen heraus. Papstwahlen gingen üblicherweise an den Orten über die Bühne, an denen der Vorgänger verschied. Ende November 1268 starb Papst Clemens IV. in Viterbo nördlich von Rom. Die Kardinäle versammelten sich dort jeden Tag in der Kathedrale, ihre Abstimmungen blieben jedoch ergebnislos. Sie gingen Abend für Abend nach Hause in ihre Residenzen, wo das nächste Gelage wartete. Anderthalb Jahre lang. Tag für Tag.

Drei Kardinäle starben, womöglich an den Folgen ihrer Völlerei, und einer suchte das Weite. Nicht nur die Christenheit verlor die Geduld, auch die Bewohner von Viterbo. Sie riegelten ihre Stadt ab, damit nicht noch ein Papstwähler abreisen konnte - und vor allem, damit keine Lobbyisten diverser Magnaten mehr in die Stadt gelangten, um die verbliebenen 16 Geistlichen zu korrumpieren. Die Viterber verschärften die Bedingungen von Monat zu Monat, dann von Woche zu Woche. Sie setzten die Kardinäle auf Wasser und Brot und sperrten sie ein. Doch erst als sie den Kardinälen das Dach über ihrem Versammlungsraum abbauten und ihnen auch Brot und Wasser entzogen, ging es schnell mit der Papstwahl. Seitdem wird der Papst im Konklave gewählt.

Wirkt die Kirche von Rom bei Wolfs Ausflügen ins Mittelalter wie das Gebilde eines fantasievollen Sagendichters, so erscheint sie in der Neuzeit, als die Päpste erst für unfehlbar erklärt wurden, und in der Gegenwart wie eine Intrigenfabrik, die zwischen Dogmatik und Wirklichkeit ständig Widersprüche produziert. Und der Rücktritt Benedikts XVI. wirft Fragen auf, die es vorher nie gab. Wolfs witzigste Pointe dazu: Gehört ein Hubschrauberflug nach Castel Gandolfo künftig zu den Ritualen des Amtsverzichts eines Papstes?

Zur Bestform läuft der Historiker am Ende auf, wo er sich als Prophet betätigt. Wolf blickt auf das Jahr 2059 voraus und von dort aus auf die Kirchengeschichte zurück. Sein fiktiver Protagonist ist Papst Hadrian VII. Ihm legt Wolf in den Mund, was er selbst denkt. Schon der Name ist Programm: Hadrian VI. hatte 1523 auf die Reformation damit reagiert, dass er die Missstände im Amtsklerus anprangerte, wofür er vermutlich vergiftet wurde. Wolfs Alter-ego-Hadrian rechnet nun ebenfalls mit der "deformierten" Kirche ab, die ihre Gläubigen mit Skandalen und Pseudo-Dialogprozessen verprellt habe. Ein zentrales Mittel, sie zu erneuern, ist ein neuer Modus für die Papstwahl. Kardinäle brauchen keine Priesterweihe, grundsätzlich können auch Frauen Kardinäle werden, wählbar ist jeder männliche katholische Laie, Priester und Diakon, aber keine Bischöfe anderer Diözesen. Aberwitzig neue Ideen? Keinesfalls. Gab es alles schon irgendwann mal in den letzten 2000 Jahren. Hubert Wolf hat die Quellen.

Hubert Wolf: Konklave. Die Geheimnisse der Papstwahl. Verlag C.H. Beck, München 2017. 220 Seiten, 19,95 Euro. E-Book 15,99 Euro.

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