"The Young Pope" auf Sky:Ein Papst, schöner als Christus

'The Young Pope' Madrid Photocall

Der erste amerikanische Papst: Jude Law spielt Pius XIII.

(Foto: Getty Images)

Die wunderbare Serie "The Young Pope" zeigt Jude Law in der Rolle eines zweifelnden, aber strengen Papstes - sie ist ein Kommentar zur Lage der katholischen Kirche.

TV-Kritik von Thomas Steinfeld

Das Oberhaupt der katholischen Kirche, das der italienische Regisseur Paolo Sorrentino zum Helden seiner Miniserie The Young Pope macht, ist nicht einmal fünfzig Jahre alt. Er ist der erste Amerikaner in diesem Amt. Er sieht gut aus: "besser als Christus", wie er selbst sagt und was man Jude Law in dieser Rolle auch durchaus abnimmt. Warum er gewählt wurde, wird sich erst im weiteren Fortgang der Serie zeigen. Dass die versammelten Kardinäle die Kirche für ein jüngeres Publikum interessant machen wollten, dürfte allerdings gewiss sein. Doch erweist sich schnell, dass der neue Papst kein Mann der Kompromisse sein wird. Dieser Mann fordert für sich, was das Papsttum zwar auszeichnen soll, aber doch kein Papst mehr zu reklamieren wagt, zumindest nicht nach außen: bedingungslose Autorität.

Paolo Sorrentino wurde berühmt durch einen melancholischen Film mit dem Titel La Grande Bellezza (2013), für den er einen Oscar für den besten ausländischen Film erhielt. Doch so gern man dem Helden auf seinen Wanderungen durch das menschenleere Rom folgte, so barock war dem Zuschauer doch schließlich zumute: So schön war das alles. Aber auch: so vergeblich. Mit der Fernsehserie The Young Pope, in zehn Folgen für die Bezahlsender HBO und Sky produziert und in Deutschland seit vergangener Woche bei Sky Atlantic zu sehen, schließt er dagegen an ein politisches und, bei aller Opulenz der Bilder: analytisches Werk an, nämlich an den Film Il Divo (2008), der Biografie des ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti, eines Mannes, der mit tausend Intrigen über Jahrzehnte hinweg ein desolates Land beherrschte.

Schon wie mit Gott umgegangen wird, nötigt Bewunderung ab

War schon dieser Film eine Studie nicht nur darüber, wie Macht ausgeübt wird, sondern auch über die Frage, was Macht ist, nämlich die Verfügungsgewalt über andere Menschen - so etwas lässt sich genießen, obwohl der Genuss völlig abstrakt ist -, so gilt dies für den "jungen Papst" in noch höherem Maße. Allein die Art, wie in diesem Film mit Gott umgegangen wird, als Möglichkeit, die für viele Menschen real ist, mit einer innigen Beziehung zum Leiden und der Berechnung nicht abhold, nötigt Bewunderung ab: Sie ist unchristlich, manchmal sogar satirisch, aber frei von aller Denunziation. Und sie ist empfänglich für eine Schönheit, der sublimierte Gewalt zugrunde liegt. Warum sonst sollte eine Pietà schön sein? Und weil es keinen Glauben gibt, der frei von Zweifel wäre - warum wäre es sonst ein Glaube? -, ist auch der Papst ein Zweifler, was zu erheblichen Komplikationen führen muss, denn sein Glaube ist der Glaube einer fast zweitausend Jahre alten Institution, zu der eine Milliarde Menschen gehört.

Der neue Papst nennt sich "Pius XIII." Abgesehen von der Symbolik der Zahl (zwölf Menschen saßen beim Letzten Abendmahl zusammen - und Judas Ischariot) ist der Name ein Programm. Wegen Pius IX. (1792 bis 1878), der als Liberaler begann, aber reaktionär wurde und schließlich die Unfehlbarkeit des Papstes verkündete in einem letztlich hilflosen Versuch, die innere und äußere Erosion der katholischen Kirche aufzuhalten. Der junge Papst ist eine Variation auf dieses Thema, unter besonderer Berücksichtigung innerkirchlicher Intrigen, für die vor allem Kardinal Voiello, der Staatssekretär am Heiligen Stuhl (warzengeschmückt: Silvio Orlando), zuständig ist, sowie der ökonomischen Notwendigkeiten, die von einer Marketing-Beraterin (kalt und klug: Cécile de France) betreut werden. Der neue Papst aber hat eine eigene Art, diesem Verfall entgegenzutreten. Er verknüpft Büßertum und Popkultur, Savonarola und Daft Punk, und siehe da: Ästhetisch sind die Übergänge fließend - und vermutlich nicht nur ästhetisch.

So ist die Fernsehserie The Young Pope bei aller Stilisierung (jedes Bild ein Tableau, jedes Kostüm ein Schmuckstück) nicht nur ein beinahe realistisches Werk, sondern auch ein Kommentar zur Lage der katholischen Kirche. Denn so gewiss es ist, dass sie in den vergangenen Jahrzehnten immer liberaler wurde, so wenig wahrscheinlich ist es, dass sich diese Entwicklung fortsetzt: Heute mag sie in einem Maße Gewissensfreiheit gewähren, dass sie kaum noch Gewalt über die praktische Lebensführung ihrer Anhänger besitzt. Doch warum sollte es beim "Appeasement" bleiben? Mit der Liberalität befördert sie einen Verlust an Substanz. Der "junge Papst" ist ein Gedankenspiel. Es handelt davon, die Kirche könne diese Substanz zurückfordern, ihrer Möglichkeiten unsicher, weil der autoritären Herrschaft entwöhnt, aber doch entschlossen.

Der Komik steht die Intrige gegenüber

Es gibt heitere Momente in diesem Werk. Sie stellen sich in den Augenblicken ein, in denen sich der neue Papst in die Macht vortastet, bei der Frage, ob im Vatikan geraucht werden dürfe zum Beispiel, oder bei der Beschwörung eines Kängurus, das in der Folge wie ein geheimnisvoller Springteufel durch die Vatikanischen Gärten zieht. Der Komik steht die Intrige gegenüber, das Hin und Her der Erpressungen und Machenschaften. Weder die Komik noch die Intrige jedoch nehmen dieser Serie den Ernst. Dafür sorgt die Figur des neuen Papstes selbst: Völlig durchsichtig erscheint er mit seinen blauen Augen, und doch bleibt er in jeder Szene ein undurchdringliches Rätsel, manchmal kalt und abweisend, manchmal brüderlich und milde, doch letztlich stets ungreifbar. Er scheint keine Psychologie zu besitzen, was um so mehr auffällt, als ihm das Drehbuch "Schwester Mary" (Diane Keaton) an die Seite stellt, seine ehemalige Erzieherin, weniger mütterlich als weise. Und auch sie erreicht bald ihren Zögling nicht mehr.

Einen Hauptdarsteller hat der Film, der im Abspann nicht genannt wird: Es sind die Säle, die alten Gemäuer, die Gotteshäuser und auch die Landschaften, in denen sich das Bild der Kirche und der italienischen Geschichte zusammenzieht. Mit ihrer Hilfe komponiert Paolo Sorrentino Szenen von großer Schönheit, die oft ein wenig länger stehen bleiben, als die Dramaturgie eigentlich verlangt. Er will, dass der Zuschauer in ihrem Anblick verharrt, und das tut er nicht nur eines Genusses von Schönheit wegen, sondern auch, weil sich der junge Papst an diesen Monumenten zu relativieren hat. Der Papst kann an der Schönheit teilhaben, aber sie ist mächtiger als er. Nicht der Kirche, aber dieser Schönheit gilt die Frömmigkeit Sorrentinos. Darin steckt zwar wiederum eine Ideologie, aber sie darf in einem Film gelten. Denn es soll ja viel zu schauen geben.

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