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KI und Musik:Noch einmal Kurt Cobain

Photo of Kurt COBAIN and NIRVANA
(Foto: Raffaella Cavalieri/Redferns)

Künstliche Intelligenz lässt Musiker wiederauferstehen. Klingt erst beeindruckend, zeigt dann aber, wie begrenzt KI noch ist. Und hat einen ernsten Hintergrund.

Von Andrian Kreye

Was für ein Effekt. Die vier Songs, die vor ein paar Tagen unter dem Titel "The Lost Tapes of the 27 Club" veröffentlicht wurden, klingen, als seien es Aufnahmen von Jimi Hendrix, Jim Morrison mit den Doors, Kurt Cobain mit Nirvana und Amy Winehouse. Neue Lieder von längst verstorbenen Musikgrößen tauchen oft aus Archiven auf. Diese hat jedoch eine künstliche Intelligenz (KI) von Google namens Magenta komponiert. Die Musik wurde mit digitalen Instrumenten erzeugt, gesteuert von Computern. Auch die Texte sind das Ergebnis künstlicher Intelligenz. Nur der Gesang ist echt. Und weil dieser von Leuten stammt, die sich in Coverbands darauf spezialisiert haben, ihre Vorbilder zu imitieren, klingt das ziemlich ähnlich.

Hinter dem Projekt steht die kanadische Organisation "Over the Bridge". Deren Mitglieder setzen sich für die psychische Gesundheit in der Musikwelt ein, einer Branche, die überproportional anfällig ist für Depressionen, Angst- und Suchtkrankheiten. Genau darauf soll die Aktion aufmerksam machen. Deswegen auch der Titel mit den verschollenen Bändern des "27 Club". Dieser Mythos basiert auf dem Zufall, dass so viele Genies der Popkultur mit 27 Jahren gestorben sind. Das fing Anfang der Siebzigerjahre an, nachdem Brian Jones, Jimi Hendrix, Janis Joplin und Jim Morrison in diesem Alter an den Folgen von Drogen und Alkohol gestorben waren. Auch Kurt Cobain und Amy Winehouse wurden mit 27 Opfer ihrer psychischen Probleme.

Es gab schon einen Rechner, der wie Rembrandt malte

"The Lost Tapes" ist nicht das erste KI-Projekt, das verstorbene Künstler nachahmt. Es gab schon Musik im Stil von Bach, Beethoven und den Beatles, einen Rechner, der lernte, wie Rembrandt zu malen, es gibt sogar Maschinen, die eigene Musik, Kunst und Texte erschaffen. Solche Projekte sind in der Regel digitale Zirkuspferdchen, die Kreativität vorgaukeln, die höchste Leistung des menschlichen Geistes.

Neben den psychischen Problemen von Musikern wollte die Organisation "Over the Bridge" daher noch darauf aufmerksam machen, dass künstliche Intelligenz weit davon entfernt ist, dem menschlichen Geist Konkurrenz zu machen. Gut ein Jahr dauerte der Prozess, gemeinsam mit den Algorithmen die vier Stücke zu schreiben. Ein weiteres halbes Jahr verbrachte das Team aus Programmierern, Produzenten und Toningenieuren im Studio. Eine gute Fernsehstudioband, die solche Stücke für musikalisch talentierte Komiker wie Stefan Raab oder Jan Böhmermann als Parodien produziert, braucht für so etwas einen Nachmittag.

Das Projekt "The Lost Tapes" beweist also weniger die kreative Leistung als das Unvermögen künstlicher Intelligenzen. Die können in der Regel zwei Dinge besser als Menschen: Muster erkennen und Wahrscheinlichkeiten berechnen. Die vier Stücke sind deswegen nicht mehr als Wahrscheinlichkeitsberechnungen auf musikalischen Mustern. Den eigentlichen Kraftakt aber leisteten die Produzenten, die aus vielen Versatzstücken, die ihnen die KI lieferte, vier kohärente Lieder herausarbeiteten. Und ja, der Gesang mag mittelmäßig sein. Aber er sorgt dafür, dass popmusikalisch geschulte Hirne die Akzeptanzlücke zwischen Maschine und Musik mit geringstem Widerstand schließen.

© SZ
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