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Jüdisches Museum in Berlin:Warum ein Roboter die Tora schreibt

Schreibroboter für Thorarollen

Ohne innere Hingabe, dafür aber zackig unterwegs: Ein Roboter schreibt im jüdischen Museum in Berlin die Tora.

(Foto: dpa)

Seit Jahrhunderten bringen Schriftgelehrte im jüdischen Glauben das Wort ihres Gottes zu Pergament. Vor jedem Gottesnamen müssen sie beten. Jetzt soll das ein Roboter können? Im Jüdischen Museum Berlin verblüffen Mensch und Maschine die Besucher.

Er ist schlank und einigermaßen elegant - sofern man das von seiner Spezies behaupten kann. Mit zielsicheren Bewegungen bringt der schwarz-orange Industrieroboter über einen Greifarm, ein Tintenfässchen und eine Metallfeder zu Papier, was nach dem Glauben der Juden Gott Moses diktiert hat: die Tora. Die hebräische Schrift ist sehr ebenmäßig und sieht so aus wie das, was ein paar Räume weiter Rabbiner Reuven Yaacobov schreibt.

Fast. Denn so sehr sich die Maschine im Jüdischen Museum in Berlin mit aufwändig ausladenden Bewegungen müht, zielgerichtet anzuwenden, was ihr aufgetragen wurde - sie wird den Rabbi nicht ersetzen können. Aus gleich mehreren Gründen.

Zwei Stockwerke höher wurde Yaacobov, Rabbiner der orthodox-sephardischen Synagoge in Berlin, ein Arbeitsraum eingerichtet, mitten im Museum. Zwischen uralten Handschriften des jüdischen Glaubens. Kostbare und reich verzierte Bücher, Rollen und Schriften sind hier unter Sicherheitsglas ausgestellt, der Schweizer Unternehmer René Braginsky hat sie viele Jahre lang gesammelt und für die "Braginsky Collection" zur Verfügung gestellt, die um die Welt reist.

Inmitten bunter Pracht

Die Ausstellung zeigt von mittelalterlichen Prachthandschriften und bunt bebilderten astronomischen Betrachtungen über Hochzeitsverträge aus Italien oder China, die mit wunderschönen Zeichnungen geadelt wurden, bis zu einer erstaunlicherweise auf Deutsch verfassten Ester-Rolle eine Vielzahl ungewöhnlicher und seltener Schriften des jüdischen Glaubens und auch der Kabbala-Lehre. Dieser Schatz, die größte Privatsammlung hebräischer Handschriften weltweit, lehrt viel über das Judentum - das ist gerade in diesen Tagen nicht zu verachten - und ist vor allem: ein Fest für die Augen.

Inmitten dieser kostbaren alten Handschriften aus aller Welt also sitzt Rabbi Yaacobov und macht seine Arbeit. Jahrelang hat er lernen müssen, wie das geht. Die Schrift muss nach jüdischem Glauben ein genaues Abbild der Tora sein, Fehler sind nicht erlaubt. Das erfordert größte Hingabe, denn sobald ein Buchstabe oder auch nur ein Zeichen nicht exakt der Vorlage entspricht, ist die neue Tora für den Gottesdienst nicht zu gebrauchen. Wer beim Abschreiben auch nur einen einzigen Buchstaben weglasse oder hinzufüge, zerstöre die Welt, heisst es in einer Geschichte des Talmud. Denn die Religionsgemeinschaft, die in der Diaspora überleben musste, fühlt sich auf die absolut verlässliche Überlieferung ihrer Schriften angewiesen.

Die Besucher wollen unbedingt wissen, was er dann macht, wie er den Fehler durch eine spezielle Tinte ausbessert oder gar herausschneidet - und warum es ihn gar nicht zu stören scheint, dass um ihn herum so viel los ist, während er die feingliedrigen uralten Schriftzeichen unter höchster Konzentration anfertigen muss.

"Warten Sie bitte kurz, bis ich mit diesem Buchstaben fertig bin", sagt er dann, legt die Gänsefeder beiseite und erklärt: "Es können Tausende Menschen neben mir stehen, mit ihrem Handy telefonieren - das stört mich alles nicht." Denn der Rabbi spricht jedes Mal ein Gebet, bevor er anfängt zu schreiben - und vor jedem Gottesnamen. Das versetzt ihn in die Stimmung, die die heilige Schrift von ihm erfordert.

Rabbi Yaacobov aus Berlin (37) muss ziemlich viele Gebete sprechen an diesem Tag. Denn er muss immer wieder neu anfangen. Weil so viele Menschen hören wollen, was er da tut, wie genau und warum.

Für den Rabbi ist der Roboter keine Konkurrenz

Eine Frage bekommt der Rabbi hier besonders oft gestellt: Ob er den Roboter nebenan als Konkurrenz sieht. "Für mich ist das keine Konkurrenz, sondern eine Druckmaschine. Die Heilige Schrift wird auf koscherem Pergament geschrieben, er kann das nur auf Papier. Die Heilige Schrift ist ein Friedensbuch, das darf nicht mit Klingen geschrieben werden, aus denen auch Waffen zum Töten von Menschen hergestellt werden können. Deshalb schreibe ich mit einer Gänsefeder. Er dagegen kann nur mit einer Metallfeder schreiben. Menschen können außerdem Fehler korrigieren. Das kann er nicht, weil er sie nicht bemerkt. Außerdem", lacht der Rabbi, "schreibt er nur, wenn Strom da ist."

Für den jüdischen Gottesdienst ist eine Tora-Rolle wertlos, wenn sie nicht unter einer Vielzahl strikter Regeln angefertigt wurde. Dazu gehört auch, sich während des Schreibens mental in die Heilige Schrift zu vertiefen, um sie richtig zu verstehen. Warum also der Roboter?

Zwischen Mechanik und Hingabe

Programmdirektorin Cilly Kugelmann erklärt: "Wir hatten für die Braginsky-Ausstellung von Anfang an die Idee, hier einen Tora-Schreiber zu installieren, um zu zeigen, wie er arbeitet. Das ist ein sehr spezifischer, heiliger Beruf. Er geht in die Lehre bei einem anderen Tora-Schreiber, je nach Talent kann so eine Ausbildung bis zu sieben Jahre dauern. Man muss nicht nur schreiben, sondern auch das Pergament fertig machen, da spielt ganz vieles eine Rolle. Das ganze wird deshalb auch verglichen mit Gottes Weltschöpfung. Darum haben wir die Ausstellung 'Die Erschaffung der Welt' genannt."

Toraschreiber

Höchste Konzentration: Rabbiner Reuven Yaacobov arbeitet im Jüdischen Museum an einer Tora.

(Foto: dpa)

Dann haben die Ausstellungsmacher erfahren, dass die Künstlergruppe "robotlab" vom Zentrum für Kunst und Medientechnologie aus Karlsruhe (ZKM), die zuvor schon die Lutherbibel von einem Roboter hat abschreiben lassen (dessen Ergebnis im Dom zu Trier aufbewahrt wird), sich daran machte, eine hebräische Bibel zu programmieren. "Wir fanden das eine schöne Idee, diesen Roboter mit seinem rein mechanischen Prozess des Schreibens als Kontrast neben einen Tora-Schreiber zu stellen, für den das eine hingebungsvolle Berufung ist", so Kugelmann. "Und für die Künstlergruppe war es die Faszination, einen Industrieroboter, der sonst beispielsweise Autos montiert, für eine kulturelle Aufgabe zu programmieren." Und eine Maschine Leistungen vollbringen zu lassen, die sonst nur dem Menschen vorbehalten sind.

Roboter erobern den Kulturbetrieb

Industrieroboter sind derzeit öfter in der Kultur unterwegs. Der österreichische Künstler Alex Kiessling etwa ließ im vergangenen Herbst ein Bild, das er in Wien malte, zeitgleich von Robotern in Berlin und London anfertigen. Dabei ließ er seine Bewegungen von Sensoren erfassen und per Satellit an die Roboter übertragen.

Die drei Künstler aus Karlsruhe nennen ihre Tora-Kunstinstallation in Berlin "bios (torah)", weil das Basic Input Output System (BIOS) als elementare Komponente der Computertechnik für die Maschine von ähnlich fundamentaler Bedeutung sei wie die Schrift für die Kulturgeschichte des Menschen. Bios bedeutet auf Griechisch zugleich Leben. "Die Tora ist das Bios des Judentums", sagt Jan Zappe, einer der drei Künstler.

Es gibt aber dann doch noch ein paar augenscheinliche Unterschiede zwischen Mensch und Maschine: Der Roboter wurde zwar extra so programmiert, dass er in der Geschwindigkeit eines Menschen die Tora schreibt. Und zwar exakt 304.805 Buchstaben in drei Monaten. Ein Mensch bräuchte dafür mehr als ein Jahr - unter anderem weil er mehr Pausen machen muss und nicht zehn Stunden am Tag die Tora schreibt.

Hebräisch von links nach rechts

Doch wenn man sich die beiden Schriften genau anschaut, sieht man: Der Rabbi schreibt doch etwas kunstvoller. Was daran liegt, dass es zu aufwändig und zu teuer gewesen wäre, den Roboter auch noch dafür zu programmieren, die feinen Krönchen über die Buchstaben zu malen. Und zuguterletzt: Der Rabbi schreibt von rechts nach links, von oben nach unten. Der Roboter hingegen zwar, wie es der Berliner auch gewöhnt ist, von links nach rechts - allerdings von unten nach oben. "Mit ihm können sie außerdem nicht sprechen", lächelt der Rabbi - "mit mir schon."

Reuven Yaacobov schreibt zwar künftig wieder privat und nicht mehr im Museum - und die Ausstellung mit den hebräischen Handschriften zieht von übernächster Woche an weiter durch die Welt. Doch bis dahin lohnt sich der Vergleich gerade zwischen den kostbaren alten Schriften und der reinen Ausführung der Schrift. Der schreibende Roboter - und im Vergleich der Rabbi im Video - sind noch bis Januar in Berlin zu sehen.

Die Roboterinstallation bios (torah) ist noch bis 11. Januar 2015 im Jüdischen Museum in Berlin, Lindenstr. 9-14. Die Handschriften-Ausstellung Braginsky Collection endet am 3. August 2014. Weitere Infos hier.