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"Jimmy's Hall" im Kino:Wie natürlich doch der Kommunismus sein kann

Jimmy (Barry Ward) und Oonagh (Simone Kirby) in "Jimmy's Hall"

Jimmy (Barry Ward) und Oonagh (Simone Kirby) in der Tanzhalle: Hier gibt es "Beckenzucken und ständiges schlüpfriges Begrapschen" statt der Eleganz und Schönheit der irischen Tänze.

(Foto: Pandora)

Irland 1932. Die Jugend kämpft gegen die reaktionären Kräfte im Land. Jimmy Gralton ist ihr Held. Ken Loachs Film "Jimmy's Hall" zeigt Widerstandsgeist zum Wohlfühlen - und die Macht des Gemeinsinns.

Von Fritz Göttler

Die Musik ist es, diese verteufelte Musik. "Jazzmusik", sagt der Pfarrer auf der Kanzel, angewidert spuckt er das Wort seiner Gemeinde vor die Füße. "Rhythmen aus dem dunkelsten Afrika, die Leidenschaften entfachen. Beckenzucken und ständiges schlüpfriges Begrapschen statt der Eleganz und Schönheit unserer irischen Tänze . . ."

Es geht um Jimmy's Hall, in der Grafschaft Leitrim, jenseits der Zivilisation auf einer Wiese errichtet, das Zentrum der Subversivität. "Und dann die Spaziergänge mitten in der Nacht, unter den Sternen. Ausfahrten bis zum Morgengrauen in unziemlicher Gesellschaft, mit Männern, die von weit herkommen und hier in ihren Automobilen herumstreifen . . ."

Die Botschaft ist klar: Die Körper sollen steif und aufrecht bleiben, wenn es nach den reaktionären Instanzen ginge, der Kirche und dem Staat und dem reichen Bürgertum, auf ihren zugewiesenen Platz fixiert, ohne größere Bewegung außer zum Kirchgang.

Grammofon und Automobil dagegen sind die besten Instrumente, um die moderne Gesellschaft zu mobilisieren, ihre wohlbegründete Stabilität zu erschüttern. Was für eine Walze der Katholizismus in diesem Land war, sieht man an den Massen in den Archivaufnahmen vom Eucharistischen Kongress in Dublin.

Irland im Jahr 1932. Der verlorene Sohn Jimmy Gralton kehrt zurück, nach über zehn Jahren, aus Amerika. Ich bin sehr froh, sagt seine alte Mutter, ich war sehr einsam all diese Zeit. Auch vielen anderen Menschen in seinem Dorf füllt Jimmy Gralton, gespielt von Barry Ward, eine Lücke, den Armen, Arbeitslosen, Deklassierten, aber auch ein paar Mädels und Jungs aus bürgerlichen Familien.

Zwischen Fanatismus und Lebenslust

Jimmy baut die zerfallene Halle wieder auf, wo die Leute des Dorfs zusammenkommen. Er verkörpert den Widerstand, in einer langen Linie von Jesus bis Karl Marx. Das Kapital, das ist vielleicht das dritte Instrument.

"Jimmy's Hall" ist ein Wohlfühlfilm von Ken Loach und seinem langjährigen Drehbuchmitarbeiter Paul Laverty, sie haben sich vom Ort inspirieren lassen, wo Jimmy Gralton lebte und wirkte und wo die Überreste seiner Halle liegen, die niedergebrannt wurde am letzten Tag des Jahres 1932.

Der zweite Irlandfilm des Teams, nach "The Wind That Shakes the Barley". Sie fühlen sich wohl in diesem Land, mit seiner Zerrissenheit, zwischen Fanatismus und Lebenslust. Jede Einstellung ruht in sich, jede Szene entwickelt sich in eigenem Rhythmus.

Die Anregungen kommen von der Jugend

Wenn die Polizisten - denn schnell schlagen die Autoritäten zurück mit Kontrolle, Denunziation, Gewalt - kommen, um Jimmy zu verhaften, serviert ihnen seine Mutter erst mal eine Tasse Tee. Man redet von früher, als sie ihre Leihbücherei hatte. Heimlich hat sie die Tür abgesperrt, und als Jimmy hinterrücks verduftet, haben die Polizisten das Nachsehen. Am Ende kriegt man ihn doch, schiebt ihn ab in die USA als "illegalen Einwanderer".

Irland, das große Emigrationsland des 19. Jahrhunderts, ist, spätestens seit John Fords "Quiet Man", auch das große Heimkehrerland. Loach/Lavertys Film zeigt, wie natürlich Kommunismus sein kann/muss.

In Jimmy's Hall wird außer dem Tanzen auch Boxen, Malen, Literatur gelehrt. Das klingt nach bieder sozialpädagogischem Programm, aber die Anregungen kommen aus dem Volk, von der Jugend. Auch gesungen wird, alte irische Lieder, auf einer Tafel sind die Worte aufgeschrieben. Geheimnisvolle Zeichen und Klänge, wohl ebenso subversiv wie die Musik aus Amerika.

Jimmy's Hall, GB/Irland/F 2014 - Regie: Ken Loach. Buch: Paul Laverty. Kamera: Robbie Ryan. Schnitt: Jonathan Morris. Musik: George Fenton. Mit: Barry Ward, Simone Kirby, Jim Norton, Aisling Franciosi, Aileen Henry, Francis Magee, Andrew Scott, Brian F. O'Byrne, Martin Lucey. Pandora, 106 Minuten.

© SZ vom 20.08.2014
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