Isabel Coixet - Regisseurin und Frauenrechtlerin:"Ich hatte in Barcelona nie das Bedürfnis, Autofahren zu lernen"

Lesezeit: 6 min

Mut und Risikobereitschaft von Frauen war schon immer ihr großes Thema. Einmal haben Sie gesagt, dass sich die Frauen seit dem Beginn der Evolution daran gewöhnen mussten, zu kämpfen. Aber Wendy muss erst spät im Leben lernen zu kämpfen. Ist das nicht ein Widerspruch?

Das sehe ich anders. Sie wurde in Queens geboren, in einer sehr armen Gegend New Yorks. Aber sie kämpfte sich hoch, absolvierte ihren Master's, zog nach Manhattan, erwarb sich einen ausgezeichneten Ruf als Literaturkritikerin. Sie war definitiv schon früh in ihrem Leben eine Kämpferin.

Das ist aber lange her und bildet im Film nur den Subtext ihrer Figur. Jahrzehntelang konnte sie es sich außerdem bequem einrichten, und als sie dann in ihren Fünfzigern wieder kämpfen muss, scheint sie es am Anfang zumindest verlernt zu haben.

Sie glaubte eben, dass sie ihr Leben mustergültig geregelt hat. Sie dachte: 'Ich habe das perfekte Heim, den perfekten Ehemann und die perfekte Tochter. Mir geht es blendend, mir fehlt es an nichts.' Und dann wird sie vom Leben überrascht. Dass sie Zeit braucht, um sich anzupassen, ist normal.

Warum wollten Sie gerade dieses Thema in einem Film verarbeiten? Melden Sie sich als persönlich Betroffene?

Ja. Der Film beruht auf einem Essay, den die Lyrikerin Katha Pollitt auf Grund eigener Erfahrungen im New Yorker veröffentlichte. Als ich 2008 "Elegy" drehte, gab mir Patricia Clarkson, mit der ich damals zum ersten Mal zusammenarbeitete, übrigens ebenso wie mit Ben Kingsley, das Essay zum Lesen. Es berührte mich sehr, denn es erwischte mich in einer sehr schmerzhaften Lebensphase.

Einer Existenzkrise?

Richtig. Ich trennte mich vom Vater meiner Tochter. Ich kann mich daher in der Figur der Wendy wiedererkennen. Natürlich war bei mir alles anders - die Hintergründe, die Umstände, die ganze Konstellation. Trotzdem hat mich Kathas Geschichte in ihrer Geradlinigkeit gepackt. Und ich entschied mich, in Los Angeles, wo wir an der Postproduktion von "Elegy" arbeiteten, den Führerschein zu machen. Ich komme aus Barcelona, und dort hatte ich nie das Bedürfnis gehabt, Autofahren zu lernen.

Immerhin haben Sie sich in Barcelona an etwas gewagt, was vielen nicht gelingt: Filmemacherin zu werden.

Ich werde oft gefragt, ob es für eine Frau nicht vollkommen unmöglich sei, sich als Regisseurin durchzusetzen. Und ich antworte immer mit demselben Vergleich: 'Stell Dir das Filmgeschäft als einen kaum bezwingbaren Berg vor, und eine Frau und ein Mann wollen ihn besteigen. Dann ist der Mann bestens ausgestattet, mit Rucksack und Bergsteigerstiefeln, während die Frau High Heels trägt, eine kleine Handtasche und ein unbequemes Kleid. Sie können beide den Gipfel erreichen, aber der Frau wird es sehr viel schwerer fallen.

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