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Iranischer Film "Yalda" im Kino:1 für Begnadigen, 2 für den Tod

Yalda

Die wegen Mordes verurteilte Maryam (Sadaf Asgari) kommt in Handschellen ins Fernsehstudio, wo über ihr Leben abgestimmt wird.

(Foto: Little Dream Pictures)

Eine reale "Vergebungsshow" des iranischen Fernsehens inspirierte Massoud Bakhshi zu seinem Drama "Yalda".

Von Martina Knoben

"Nehmen Sie per SMS an unserem Gewinnspiel teil. Hat Maryam Komijani es verdient, dass man ihr vergibt und sie begnadigt wird? Senden Sie 1 für Ja, 2 für Nein", wirbt der Moderator.

"Freude der Vergebung" heißt eine Realityshow, in der die wegen Mordes an ihrem Ehemann zum Tod verurteilte Maryam (Sadaf Asgari) live vor einem Millionenpublikum um ihr Leben kämpfen darf: Sie muss die Tochter des Getöteten um Gnade bitten; nach islamischem Recht kann das Todesurteil aufgehoben werden, wenn diese ihr vergibt. Stimmen genügend Zuschauer für Maryam, übernimmt der Sender außerdem das in diesem Fall fällige "Blutgeld", das an die Familie des Opfers gezahlt werden muss.

"Freude der Vergebung" ist ein so bizarres Reality-TV-Format, dass man es für schlecht erfunden halten könnte, hätte sich der Regisseur und Drehbuchautor Massoud Bakhshi nicht an einer tatsächlich existierenden iranischen Fernsehshow orientiert. Sein Film beginnt mit Aufnahmen des nächtlichen Teherans, der Fernsehturm leuchtet, alles glitzert wie ein modernes 1001-Nacht-Märchen. In der Yalda-Nacht, in der die Show gesendet wird, werden traditionell rote Früchte serviert; es ist die längste Nacht des Jahres, in der man mit Freunden und der Familie feiert. "Yalda" zeigt die archaische Ausbeutung hinter dieser Fassade.

Ein Polizeiwagen bringt Maryam in Handschellen in diese Glitzerwelt. Sie wirkt wie ein Kind, mit großen Augen und fahrigen, nervösen Bewegungen. Als sie das Sendezentrum betritt, wird sie gleich von ihrer Mutter korrigiert: "Mit dem schwarzen siehst du so alt aus", sagt sie und zieht Maryam ein rotbraunes Kopftuch an. Es ist vieles Fake in dieser Show, in der Bakhshi nun eine Art Kammerspiel inszeniert. Routinierte Hektik, viel Technik, der schöne Schein, Gastauftritte von Künstlern, außerdem Werbeeinspielungen. Das alles vor dem Hintergrund einer real drohenden Hinrichtung. Maryam kann vor Anspannung kaum still sitzen und kratzt sich ständig.

Man erfährt etwas über das iranische Prinzip der Zeitehe - eine Art legitimierte Affäre

Erst nach und nach erfährt der Zuschauer, dass die junge Frau, die kaum älter als zwanzig sein kann, eine Zeitehe mit einem über sechzigjährigen Geschäftsmann einging und ihn im Streit von einem Balkon oder einer Treppe stieß. Als Zuschauer aus dem Westen muss man sich das Prinzip der Zeitehe erst zusammenreimen: Sie wird für vertraglich exakt definierte Tage, Monate oder Jahre geschlossen, Kinder sind als mögliche Erben meist unerwünscht. Maryams "Ehe" war wohl kaum mehr als die legitimierte Affäre eines älteren Mannes mit einem (finanziell abhängigen) Kind. Für Mona (Behnaz Jafari), die Tochter des Getöteten, die mit eiskalter Mine in der Sendung sitzt, war schon das zu viel: Dass die Tochter ihres Chauffeurs ihre Stiefmutter wurde, diese Überschreitung der Klassenschranken war ihr unerträglich. Dabei hatte sich Mona Maryam gegenüber lange wie eine ältere Schwester gegeben. Alles Fassade!

Die Art und Weise, wie hier die Gegensätze in der iranischen Gesellschaft beleuchtet werden, ihre patriarchalen Strukturen und die Gräben zwischen Arm und Reich, erinnert an die Arbeiten von Asghar Farhadi. So subtil wie unerbittlich, verpackt in einem scheinbar harmlosen, "kleinen" Erzählrahmen, erzählt Bakhshi von den Verhältnissen im Land, wobei die Menschen im Studio diverse Schichten repräsentieren, vom (selbstverständlich männlichen) Chef bis zum Servicemann, der devot Süßigkeiten und Früchte serviert. Als Angehörige der Arbeiterklasse, als Frau und nun Mitleidsobjekt der Massen ist Maryam in dreifacher Hinsicht Objekt von Ausbeutung. "Yalda", der beim Sundance Festival ausgezeichnet wurde, ist der zweite Spielfilm Bakhshis, der zuvor als Dokumentarist gearbeitet hat. Dass reality mit Realität nicht viel zu tun hat, weiß er natürlich, weshalb sich die Show auch nicht für Maryams "wahre" Geschichte interessiert. Das Erzählmuster von Reue und Vergebung muss bedient werden.

Wie der Produzent der Show, die er kritisiert, nutzt auch Bakhshi für "Yalda" die Spannung, die aus der Frage erwächst, ob Maryam begnadigt wird oder nicht. Ausdrücklich reflektiert wird dieser doppelte Voyeurismus nicht. Wie schwierig es ist, in einer Welt der Fassaden und Lügen eine eigene Haltung zu finden, macht sehr subtil jedoch die Kamera von Julian Atanassov deutlich. Sie lässt die Fernsehwelt glitzern und wird hektisch, wenn sie den Stress hinter den Kulissen wiedergibt. Die Nahaufnahmen von Sadaf Asgari dagegen sind so ruhig und intensiv, dass sie als - auch moralische - Ankerpunkte gelten könnten. Liegt hier die Wahrheit, in diesem naiv und verzweifelt wirkenden Mädchengesicht? Man möchte es gern glauben, bis man merkt, dass es die Bilder der Fernsehkamera sind, die wir sehen. Nahaufnahmen, die der Regisseur der Show lange stehen lässt: Mitgefühl (und Spenden) der Zuschauer sind so garantiert.

Yalda - A Night For Forgiveness, F/D/ CH/LUX/Iran - Regie, Buch: Massoud Bakhshi. Kamera: Julian Atanassov. Mit: Sadaf Asgari, Behnaz Jafari, Fereshte Sadre Orafaee. Little Dream Pictures, 89 Min.

© SZ vom 26.08.2020
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