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Im Kino: Nader und Simin - Eine Trennung:Spielball kafkaesker Kräfte

Bis keine Emotion mehr entweichen kann: Der Berlinale-Sieger von Asghar Farhadi besticht durch die Dichte seines Erzählgewebes. Präzise und facettenreich erzählt er ein Familiendrama, das unter den vielen Kleinproblemen fast nebenbei abläuft. Ein Ausnahmefilm über den lebensfeindlichen Ayatollah-Staat Iran.

Wie einfach es doch sein kann, auf den Punkt zu kommen. Ein Mann und eine Frau wollen sich scheiden lassen. Sie müssen sich vor dem Richter erklären. Da ist Simin, gespielt von Leila Hatami: ein graues Kopftuch locker über das hennarote Haar geworfen, unabhängig, willensstark, schön. Aber schön auf eine warmherzige, verantwortungsbewusste Art, die im Westen von Emma Thompson verkörpert wird oder früher von Ingrid Bergman. Eine No-Nonsense-Beauty könnte man sie nennen.

Themendienst Kino: Nader und Simin - Eine Trennung

Simin (Leila Hatami, rechts) will Iran verlassen, in 40 Tagen laufen die Visa aus. Doch Nader (Peyman Moadi) fühlt sich verpflichtet, für seinen kranken Vater zu sorgen. Sie enden vor dem Richter, denn keiner von beiden will ohne die gemeinsame Tochter sein.

(Foto: dapd)

Neben ihr sitzt Nader, ihr Mann, gespielt von Peyman Moaadi. Ein Jedermann, der von Beginn an unter Druck steht. Es ist Simin, die ihn vor den Richter gebracht hat. Seine Männlichkeit ist in Frage gestellt, er ist genervt, aber auf eine irgendwie pragmatische, nicht allzu selbstmitleidige Weise. Untergründig spürt man Zähigkeit, Prinzipientreue, auch Pedanterie. Der junge Donald Sutherland hat solche Typen gespielt.

So beginnt ein Ausnahmefilm. Drei wichtige Bären auf der Berlinale im Februar, Gold für den besten Film und zweimal Silber, für das männliche und das weibliche Darstellerensemble - das gab es noch nie in der Geschichte des Festivals. Doch "Nader und Simin - Eine Trennung" ist kein typischer Festivalfilm, der im Kinoalltag und in seinem Herkunftsland dann später ignoriert würde - das zeigen 1,2 Millionen iranische Kinobesucher und mehr als doppelt so viele DVD-Nutzer. Dem Regisseur Asghar Farhadi gelingt damit ein Paradigmenwechsel, der nicht nur für das iranische Kino von Bedeutung ist. Aber dazu später.

Das Besondere an der fünfminütigen Eröffnungssequenz ist zunächst, dass man den Scheidungsichter nicht sieht. Man hört nur seine Stimme, nicht laut, aber doch von beiläufig schneidender Autorität, und blickt mit seinem Blick: leicht von oben herab. Besser als wortreiche Erklärungen zeigt diese Einstellung, worum es geht: Der Richter, das System - das ist der enge Rahmen, der diese Geschichte einfasst. Aber die Einladung an den Zuschauer ist hier, selbst eine Art Richter zu sein.

Es werden ihm gleich, überbordend, überlappend, leidenschaftliche Argumente präsentiert. Simin will das Land verlassen, damit ihre elfjährige Tochter eine bessere Zukunft hat. Die Visa gibt es schon, nach einigen Zahlungen und anderthalb Jahren Behördengängen, nun laufen sie in vierzig Tagen aus. Nader wollte das alles wohl auch einmal, aber jetzt hat sein Vater Alzheimer, und er sagt, dass er den alten Mann nicht allein lassen kann. Er würde Simin wohl ziehen lassen - nicht aber seine Tochter, die momentan sagt, dass sie bei ihm bleiben will. Und ohne ihre Tochter würde Simin nicht gehen ...

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